Mädchen, was habt ihr gegen Judith Holofernes?

Immer zum Wochenende. Jungs fragen Mädchen fragen Jungs. Weil manches kapiert man einfach nicht bei denen. Heute: Die da aus dem Prenzldings.
elias-steffensen



Liebe Mädchen,

große Verwirrung über diese Entdeckung: Ihr hasst Judith Holofernes. Und zwar – eine nicht repräsentative Umfrage im näheren und ferneren Umfeld hat das bestätigt – nicht nur eine laute Minderheit unter euch. Ganz schön viele sind es und die dann aber auch mit weißglühender Inbrunst. Beispiele: „Diese manierierte Kuh mit ihrem rehäugigen Gesäusel!" (Bekannte H.). „Dieses unglaublich bemühte Agitieren immer – das geht mir so krass auf die Nerven." (ehemalige Kollegin K.). „Bleib mir mit der weg." (Freundin M.). „Schon sehr abgedreht." (enge Freundin V.).

Das verwirrt uns. Verwirrt mich zumindest. Ich hätte ja gedacht, nein, eigentlich glaube ich, mich sehr deutlich erinnern zu können, dass es eine Zeit gab – Wir sind Helden liefen da noch eher auf FM4 als auf Radio Energy –, in der die Gute durchaus zum Vorbild taugte. Und ja auch nicht zum allerschlechtesten: Songs wie „Ich werde mein Leben lang üben, dich so zu lieben, wie ich dich lieben will, wenn du gehst", mit Verlaub, das ist doch eine sehr passable Idee. Zu dem hingezitterten Keyboard von „Ist Das So?" tanzen und Fragen hören wie: „Was ist ein Glück schon wert, das nur den Pharmazeuten ehrt?". Kann man doch machen, oder? Da ist doch was dahinter – bisschen Wut, bisschen Hirn. Gefühl ja auch! Bei „Die Ballade von Wolfgang und Brigitte" musste zumindest ich mir gerade wieder verstohlen ein winziges Glitzern aus dem Auge wischen.

Und auch sonst: Kind und Karriere bekommt sie hin (selbstbestimmt und im siebten Monat schwanger noch auf der Bühne), Familie und Beruf ja auch. Der Bild hat sie noch kein Interview gegeben, auf Magazin-Covern hat sie immer was an.

Ich konnt's mir nicht erklären. Also habe ich noch ein paar Songs gehört und dann keimte ein Verdacht: Es ist das „Ü", stimmt's? Die Art, wie sie „mÜüde" hauch-schmachtet. Oder „GefÜühle". Minimal gedehnt. Maximal niedlich. Ein Kindchenschema von einem Umlaut, der einen mit großen Augen und Schnute ein bisschen devot von unten anguckt. Das nervt euch, gell?

Oder ist es, das wäre meine zweite Idee, eine Art Emanzipation? Fand man mal gut, wurde dann erwachsen und jetzt kommt man nicht mehr dorthin zurück, weil's zu sehr an dieses unfertig pubertierende Wesen von damals erinnert? Oder verpasse ich irgendwas ganz Grundsätzliches? Bitte aufklären.




Jaja, du wandelnder Monolog, das hast du ja schon alles sehr findig analysiert, in deiner angeblichen „Frage". Kann ich tatsächlich erstmal alles eins zu eins so abnicken: Das rehäugige Getue - voll! Die manirierten Ü's und all die süß-gewisperten, an eine Bioladen-Version von Annett Louisan erinnerenden Indiepoesiehäppchen - voll! Und ja, vielleicht auch eine nötige Emanzipation von dem naiv-halbfertigen Pubertätswesen in uns, das eventuell doch mal schniefend bei "Echolot" mitgesungen hat, meinetwegen auch das.

Aber es ist auch noch so viel mehr! Judith Holofernes. Allein dieser doppeldeutige, pseudorebellische, ach so leidenserprobte Name. Was da alles im Subtext steht - eine einzige wandelnde Klagemauer die Frau. Und damit eine richtige, wie sagt man so schön klassisch: Nervensäge! Und zwar eine, deren Sägemesser mit allen Abnudelungen unserer Zeit sägt, Bionade, Latte Macch-gähn, Prenzlauer Gähn, Patchwork-Decken (und –familien gleich auch noch), Holzspielzeug, Piratenkinder, Tugendfuror, Hippiegähn, taz-Getue, Möhrensuppe und lila Filztäschchen mit süßen Glöckchen dran. Ritsch ratsch ritsch ratsch!

Und dann die Art, wie sie singt! Es ist ja überhaupt immer so ein Graus, wenn Sängerinnen anfangen, ganz kokett und quietschig mit ihrer Stimme zu experimentieren, weil sie denken, dass man das als Musikerin eben so macht, die Stimme als Gummiseil benutzen, aufziehen, schnirpsen lassen und so was. Aber wenn man halt nicht grad Adele ist, aus der das einfach so rauskommt, klingt das meistens einfach nur furchtbar affektiert.

Und dann natürlich, was sie singt! "Ein leichtes Schwert für meine schwere Hand, eins das tanzt wie ein Schmetterling tanzt, tanzt, tanzt .... eins, das meinen Namen in hundert Bäume ritzt..." Es ist halt auch so schnell oll geworden mit dieser bittersüßen deutschen Indiereimerei.

Kurze eingeschobene Relativierung: Wir haben Judith Holofernes natürlich noch nie persönlich kennengelernt. Vielleicht ist sie ja ganz anders, als ihr Bild in der Öffentlichkeit es uns glauben lässt. Aber so aus der Ferne dringt aus der für uns eine dermaßen tantenhafte Moralstrenge, dass wir es gar nicht ertragen können. Wir ahnen detailliert, wie es bei der im Flur riecht. Nach Möhrensuppe und kaltem Wachs, muffigen Wollsocken und Birnensaft. So, dass man erst denkt: Eigentlich ganz gemütlich und irgendwie, naja, natürlich, und dann: Ich hab Heimweh! Ich will sofort abgeholt werden und nie wieder mit der Magdalena spielen.

Und ich glaube, am meisten regt sie uns vor allem deshalb auf, weil immer alle mit so einem „Die ist doch eine starke und kluge Frau, die ist halt unbequem, die provoziert dich halt"-Gewäsch wie dem deinen um die Ecke kommen. Da kann ich nämlich nur sagen: Kotz! Unbequem können wir schon auch, aber wir müssen dafür ja nicht gleich so nach Möhrensuppe aussehen und mit irgendwelchen affektierten Mundlauten und Schnirpsgesängen einen auf total individuell und experimentell machen.

Dass immer so getan wird, als müsse man so einer wie der dankbar sein für ihre als Revoluzzertum verkleidete Spießigkeit, die ja nur eine von hunderttausenden von Arten ist, Mensch und Frau zu sein. Für uns ist die nicht mehr als eine von siebzehntausend langweiligen, ewig gleichen Zeigefinger-Frauen, die halt der Alltagsspektakularität wegen lieber in den 68er gelebt hätten und nie zugeben würden, dass sie jetzt eigentlich gern mal einen richtig fett triefenden Big Mäc Double McTasty kaufen und in sich reinfressen würden. Ein klassischer Fall von Geht-zum-Lachen-in-den-Keller. Regt einen in ihrer Dauerkorrektheit einfach so auf, dass man ganz tourettmäßig extra blöden Lästerkram von sich geben muss, den man eigentlich gar nicht so meint, aber aus purer Tourett-Ekelhaftigkeit trotzdem sagen muss, weil man die Verklemmungen innen drin gar nicht mehr aushält.

„Nee", würde die jetzt übrigens sicher auch sagen wegen der Burger-Unterstellung: „Will ich ja wirklich gar nicht so'n Drecksburger, ich wasch mir die Hände lieber wieder mit meiner Strohseife ab" und dann würde sie ihren Mund so zusammenkneifen, wie man es macht, wenn man „Möhre" sagt. Und das Wahnsinnige ist: Sie meint es ja sogar auch so! Sie würde gar nicht lieber in einen McTasty beißen! Sie will echt lieber Strohseife benutzen! Und das ist ja auch in Ordnung. Natürlich! Sehr in Ordnung.

Nur denken wir halt trotzdem: Würde dir aber mal gut tun, son fettiger Kapitalismusarschburger! Du alte Klemmiaztekin! Eingetrocknete Ökokuh! Keine Sorge, ist nur wieder unser übliches Tourett. Tut eigentlich gar nichts zur Sache und ist auch gleich wieder vorbei.

martina-holzapfl

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