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Mittlerweile habe ich mich daran gewöhnt, aber vor ein paar Jahren musste ich doch Mitte September sehr oft den Kopf schütteln. Da häufte es sich in meinem Bekanntenkreis, dass nicht nur überhaupt wieder aufs Oktoberfest gegangen wurde (das galt eine ganze Zeit lang als so eine Art Ballermann der tunlichst zu meiden ist), nein, es wurde auch wieder von jung bis alt Tracht getragen, oder zumindest etwas, das daran erinnern sollte. So kam es, dass auf einmal Mädchen, die das ganze Jahr nur perfekt verwaschene Jeans und Chucks trugen, zu seufzen anfingen, sobald eine Dirndlträgerin an ihnen vorbeiging. „Doch irgendwie schön!“ sagten sie und es schwang dabei eine ganz andere Tonlage mit, als sonst, wenn sie etwas in Schaufenstern an-gierten. Es dauerte nicht lange und alle hatten sie ihr Dirndl, erworben mit einem Stolz, der in etwa dem beim Kauf eines Hochzeitskleides gleichkommt. Auf dem Oktoberfest sahen diese Neu-Dirndlliesen allesamt toll aus, tatsächlich und benahmen sich so, als hätten sie seit Kindesbeinen an nicht anderes getragen. Diese Verwandlungen und dieser Dirndl-Sog, könnt ihr die mal generell erklären? Es ist doch eigentlich nur ein altmodisches Kleid.


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Jedes Jahr, wenn der September kommt und sich die Theresienwiese Stück für Stück mit großen Festzelten füllt, werden wir plötzlich ganz ruhig. Wir begreifen: Schon wieder ist ein Jahr vergangen. Ein schwindeltreibendes Jahr voller Leistungsdrang, Geschwindigkeitsrausch, Glücksgefühlen und Zukunftsängsten. Uns surrt der Kopf, das Herz, die Füße. Wir sind dankbar, dass jetzt die Wiesn da ist und uns mit ihrem „Komm’ heim mein Kind!“- Ruf aus dem Alltagsstress herausnimmt. Wir folgen gern, mit allem was dazugehört: Dirndl, Masskrug, Brezn. Sogar (oder vielleicht vor allem) wenn wir, wie ich zum Beispiel, überhaupt keine richtigen Münchner sind. Als solche ist das Folgen beim ersten Mal aber gar nicht so leicht. Denn eigentlich, denkt man schüchtern, ist es doch geradezu lächerlich, sich eine Tradition anzuheften, die einem nicht im Blut liegt, oder? Und dann sieht man das erste Mädchen im Dirndl über die Straße laufen. Sieht ihre weiße Bluse in der Herbstsonne leuchten, darunter ein filmreifes Dekoltée umzurrt von einem handgestickten Korsett. Die Leinenschürze flattert im Wind und über dem ganzen Mädchen liegt eine unsichtbare Glocke aus Stolz und Anmut. Sie muss sich so fühlen wie wir es wohl am ehesten noch von diesen Weihnachtstagen aus der eigenen Kindheit kennen, an denen man endlich das schöne Feiertagskleid anziehen durfte, und dazu die weiße Strumpfhose. Und obwohl uns jegliches Gefasel um Bräuche und Nationalstolz ansonsten übel aufstößt und gänzlich ungefiltert in der Schublade mit dem Etikett „Spießertum und Scheuklappenblick“ verschwindet, wissen wir jetzt: Wir wollen das auch. Jetzt sofort und am liebsten mit blondem Flechtezopf. Eine Bekannte von mir sagte letztens: „Das Gute ist: Egal, wie scheiße es mir geht, die Wiesn findet trotzdem statt!“ Ganz naiv begriff ich da zum ersten Mal richtig, was Tradition für viele Leute bedeutet. Auf sie ist einfach immer Verlass. Sie ist das feste Netz aus Mutters Schoß und heimatlichem Zusammenhalt, das wir so gern in unserem Rücken wissen. Und weil solche Werte heutzutage nur noch von wenigen Kulturen gefeiert werden, ist es umso verständlicher, warum vor allem wir nicht-bayerischen Mädchen diese bayerischen Mädchen um ihre Tracht als Zeichen für diesen Halt beneiden. Natürlich mag es im Leben eines jeden Dirndl-Mädchen auch Phasen geben, in denen es sich von dem Trachtenrausch der Wiesnzeit distanziert. Sei es, weil ihm das ewig gleiche Muster des Festes und seiner Besucher so sehr auf den Senkel gehen, wie es früher oder später auch die eigenen Geschwister oder die beste Freundin einmal tun. Oder sei es, weil es ein dringendes Zeichen gegen den Verramsch der Tracht durch amerikanische Glitzertörtchendirndls setzen will. Doch all diese Rebellionsgelüste sind selten von dauerhafter Natur. Du sagst es ja selbst: Auch deine Freundinnen haben eines Tages eben wieder genug davon, bloß noch in Schlurfejeans und Chucks das Bierzelt zu betreten. Sie kapitulieren vor einer instinktiven Back-to-the-roots Lust. Ich glaube, dass wir uns heute in der Hektik des Alltags, zwischen Tausenden von Blogs, Facebook und Twitternachrichten, Billigflügen, Süßigkeiten und Klamotten aus aller Welt so stark wie nie zuvor nach Eindeutigkeiten sehnen. Und das Dirndl ist dafür, gerade mit seinem Status als "einfach nur altmodisches Kleid", wohl eines der besten Symbole. Es bedeutet eine Rettung aus dem stressigen Alltag in eine schöne Bilderbuchwelt. Eine Welt, in der auf dem Acker Kartoffeln geerntet werden und Tiere in den Stall gebracht werden. Wo bierselig auf knarzigen Holzdielen getanzt wird und rote Mädchenwangen sich an rauhen Lederhosenträgern reiben. Und deshalb gehen wir in den Trachtenladen an der Ecke, kaufen uns das schöne Kleid und freuen uns über den rustikalen Charme, den es verspricht. Viel zu teuer? Egal! Die paar Tage, in denen wir uns dadurch so stark und schön wie unsere Urgroßmütter in ihren frühlingshaftesten Tagen fühlen, sind es uns wert. Denn so ein Dirndl befriedigt ja nicht nur die Sehnsucht nach einem geerdeteren Leben, nein, es befriedigt auch unsere Sehnsucht, endlich einmal zeitlos schön sein zu dürfen. Denn, und das weiß jeder: Im Dirndl ist jedes Mädchen schön. mercedes-lauenstein