Die Jungsfrage

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Ihr, liebe Mädchen, seid ja nicht nur auf den Boulevards und Sonnenterassen eine besondere Augenweide und ein Ausbund an Lieblichkeit, nein, auch das dauerhafte Zusammenleben in vier gemieteten Wänden mit euch erweist sich überwiegend als Plaisir allerersten Ranges. Nur manchmal trübt sich diese Freude für ein paar Sekunden ein, was dann freilich stets an uns liegt, weil wir nicht in der Lage sind zu erfassen, was euer Begehr ist und wie wir euch in kleinen Momenten der Krise sanft Stütze geben können. Da war also eine Festivität im Gange, und er und sie kehren leicht erschöpft und anhaltend verliebt nach Hause, das heißt, er ist bereits damit beschäftigt, seine Hose auf einem Bein hüpfend in die Ecke zu schleudern, während sie immer noch im Mantel vor dem Spiegel im Flur verweilt, kritisch an ihrem Antlitz herumzupft und probeweise den tadellosen Pferdeschwanz in alle vier Himmelsrichtungen hält. Sachte von ihm auf ihr Verhalten angesprochen, entspringt ihrer Kehle ein Seufzen wie ein schwacher Pieps und sie klagt wie folgt: „Ach, ich seh’ so scheiße aus. Alle anderen waren hübscher als ich.“ Nicht ohne dabei mutlos und erschüttert in den Spiegel zu starren, als würde sich darin eine Katastrophe ereignen. Flugs, vom düsteren Vibrato ihrer Stimme alarmiert, steht er in Unterhosen zur Stelle und prüft mit Kennerblick den vermeintlichen Krisenherd, erblickt aber nichts anderes als jene bezaubernde Weibsgestalt, in die hinein er sich dereinst aufs Innigste verknallte. Dies versucht er mit einem Satz männlich und bestimmt der Angebeteten zu vermitteln und sagt deshalb in trautem Tone: „Wieso, du siehst doch aus wie immer, also gut, super halt.“ Sie schluckt darauf tapfer, ganz als hätte ihr ein Arzt die lang vermutete, niederschmetternde Diagnose offenbart. „Aber die anderen sind alle hübscher.“, flüstert sie erschlagen. Er ahnt das Glatteis, an dessen Rand sie beide tänzeln und möchte unbedingt in die andere Richtung, notfalls mit Gewalt deswegen: „Welche anderen denn?“ Die Antwort kommt mit alarmierender Vitesse: „Na, die Sabine zum Beispiel, die ihr alle dauernd angeglotzt habt!“ Nun ist es an ihm zu schlucken, denn der so plötzlich heraufbeschworene Eindruck Sabinens verursacht ihm für Sekunden trockenen Mund und flatternde Gedanken. „Ach die,“ sagt er. „Joaa, die sieht vielleicht gut aus, aber...“ Pardauz, nun rutscht er auf dem Glatteis und kaum etwas gibt ihm Halt „... aber hast du die mal reden gehört? Als würde man sich mit einer Dreijährigen unterhalten.“ Seine kopflosen Manöver, seine großen Gesten und die bemüht wegwerfende Stimmlage nützen nichts. Finster stampft sie mit kleinen Augen durch die Räume, einen Satz nur auf den Lippen: „Aber hübscher ist sie, ja? Na super, gut zu wissen, dass du auf einmal auf Schlachtrösser im Suppenkleid stehst. Brauch’ ich beim nächsten Mal ja gar nicht mehr mitgehen, mit meinem albernen Ichbinsobrav-Look.“ So, liebe Mädchen, wie ihr seht, die Situation ist verfahren – und kommt in ähnlicher Ausprägung immer wieder vor. Wie nun könnten wir uns von Anfang an vorbildlich verhalten? Welche Worte, welche Taten erwartet ihr von uns, wie können wir bloß deutlich machen, dass nichts und schon gar keine Sabine euer Leuchten beschattet? Oder, schrecklicher Gedanke, steht es gar nicht in unserer Macht, eine solcherart stattfindende Unpässlichkeit des Befindens auszugleichen? Auf der nächsten Seite kannst du die Mädchenantwort lesen.


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Tja, also, uff, gute Frage... Das Ganze klingt nach einer Patt-Situation, aus der euch nur eine echte Garri Kasparow-artige Nummer wieder rausholen kann. Denn klar ist ja erstens: Wir sind nicht doof und auch nicht blind und wissen daher, dass die Sabine tatsächlich ausnehmend wohlgestaltete Hupen ihr Eigen nennt. Zweitens ist uns – normalerweise - ebenfalls durchaus bewusst, dass wir euch mit solch rhetorischen Fragen in die Bredouille bringen und es kein Spaß ist, euch dabei zuzusehen, wie ihr euch da wieder raus windet. Dass wir dennoch alle paar Partys diese Anfälle bekommen, ist nun aber leider auch quälende Realität (auch wenn wir uns am nächsten Morgen dafür schämen und alles auf das falsche Rum-Whiskey-Mischverhältnis schieben). Also was tun? In eurem Fall bietet sich eigentlich nur eine Antwort an und die geht ungefähr so: „Äh, spinnst du?! Du bist die Schönste von allen gewesen und hast du nicht gemerkt, dass du die Königin der Nacht warst?“ Sodann helft ihr der Dame eures Herzens sanft aus dem Stuhl, führt sie außer Sichtweite des Spiegels und flüstert ihr niedliche Nichtigkeiten ins Ohr, die ihr für solche Anlässe aus Pralinen-Werbespots auswendig gelernt habt. Nützt diese Strategie nichts, grämt sich die Dame weiter, dann hilft nur eins: Warten auf den Schlaf. Am nächsten Morgen dann, bei einem genüsslichen Lästerfrühstück sieht nämlich auch Sabines Hupe schon gar nicht mehr so bedrohlich aus. christina-waechter