Mädchen, wie viel Erfahrung müssen wir haben?

Immer zum Wochenende: Jungs fragen Mädchen fragen Jungs. Weil manches kapiert man einfach nicht, bei denen. Diesmal: Bisherige Sexualpartner, gewünschte Anzahl.
fabian-fuchs

Die Jungsfrage:


Neulich war trübe Stimmung in meinem Freundskreis. Ein hoffungsvolles Pärchen hatte sich nach intensivem Auftakt in Rekordzeit wieder getrennt. Da die involvierte Dame uns seit jeher näher stand als der Typ, bekamen wir also ihre Version über die Gründe zu hören. Dass er jünger war (drei Jahre) als sie, wäre es keinesfalls gewesen, obwohl, naja, er hätte eben schon nicht sehr viel Erfahrung gehabt. Sagte sie. Und an der Art, wie sie „Erfahrung“ betonte, wusste man: Aha, sie meint im Bett. Aber natürlich, offiziell war was anderes der Haupttrennungsgrund.

Nun, das mit der Erfahrung finde ich schon interessant, schließlich führt das zu der Frage, welche Erfahrung wir denn idealerweise in eine tolle Beziehung mitbringen sollten und vor allem – woran misst sich das Erfahrensein genau? Beruht die Erfahrung, die ihr uns zusprecht einzig auf der Zahl der vorherigen Bettpartner? Geben Langzeitbeziehungen Extrapunkte oder Abzüge? Ist es also prinzipiell wichtig, dass wir reichlich Erfahrungen gesammelt haben, oder kann das bei allzu sportlicher Auslegung auch in ein: „Der hat so viel Erfahrung, da ist ja alles schon ganz abgewetzt!“ umkippen? Haben Jungs mit wenig oder gar keiner Erfahrung auch wenig oder gar keine Chance auf euer Herz und darunter liegende Gebiete? Umgekehrt sind wir bei euch nämlich nicht so streng, sondern lassen uns auch eine Dame mit weniger Erfahrung ganz gern gefallen – zu viel würde uns eher verdächtig vorkommen.  


Die Mädchenantwort:


 Aha. Der Verlassene hatte also nicht so viel „Erfahrung“. Ohne eine Ferndiagnose stellen zu wollen: Klingt eher, als hätte es im Bett einfach nicht gepasst mit den beiden. Jede von uns, die selbst irgendwann ein bisschen von dieser Erfahrung gesammelt hat, weiß doch  eigentlich: Manchem nützt sie, mancher bleibt auch mit einer Extraportion davon ein hoffnungsloser Fall, und manchmal ist es einfach bloß so, dass zwei Menschen miteinander nicht kompatibel sind.

Wenn es bei dem idealen Erfahrungswert allein um die Zwischen-den-Laken-Action ginge, dann könnten wir eure Frage ganz einfach, ähnlich den Altersempfehlungen auf Gesellschaftsspielen für die ganze Familie beantworten: Alles zwischen 0 und 99 passt schon. Es geht aber eben nicht um Sex und dessen Qualität. Wie viel Erfahrung es denn bitte danke sein darf, lässt sich daher zwar ganz knapp beantworten, nämlich: Genauso viel wie wir oder etwas mehr. Aber warum das so ist, dafür muss ich dann doch ein wenig ausholen.  

Bestimmte Extremwerte finden wir grundsätzlich eher suboptimal. Wenn ihr das Teenager-Alter schon länger verlassen habt und wir erfahren, dass es vor uns niemanden gab – oder vielleicht nur einen One-Night-Stand – dann fragen wir uns schon: Was stimmt mit dem Typen nicht? Wir sind uns dann nämlich relativ sicher, dass mit euch irgendwas nicht ganz in Ordnung ist und wir es in akuter Verknalltheit bloß bisher übersehen haben. Dass andere Mädchen mit euch intim werden wollten, ist in gewisser Weise eben auch ein Qualitätssiegel. Nicht wie ein „Sehr gut“ von Stiftung Warentest. Sondern ein Siegel, das nicht fehlen sollte, sonst werden wir misstrauisch. So wie Oma, die bei allem, wo nicht „Made in Germany“ drauf steht, fürchtet, dass es nix taugt. 

Umgekehrt gefällt es uns auch nicht so gut, wenn ihr statt zur 0 eher zur 99 tendiert. Dann haben wir Sorge, nur eine Nummer für euch zu sein. Ich habe neulich einen Chabrol-Film gesehen, in dem ein alternder Playboy diese Bedenken à la „Ich bin wahrscheinlich nicht die erste Frau, die du hierhin mitnimmst“ seinem neuen jungen Ding recht erfolgreich ausredet, als die beiden zusammen in seinem Liebesnest, nun ja, Zeit verbringen. Er antwortet nämlich: „Aber du könntest die Letzte sein.“ Überzeugend funktioniert so etwas wohl nur im französischen Autorenkino. Bei euch fürchten wir eher, dass wir nichts Besonderes für euch sind.  

Aber auch Extremwerte können wir unter bestimmten Umständen völlig in Ordnung finden, je nachdem, wie eure Beziehungsbiographie aussieht. Wenn wir jemanden kennenlernen, der viele Jahre mit seiner Jugendliebe zusammen war und jetzt sind da eben wir, dann ist eure numerisch geringe Erfahrung unsere kleinste Sorge. Wir haben dann nämlich vor allem Angst, dass ihr diese Nummer Eins (!) über jede andere und damit auch uns erhebt. Aber die geringe Erfahrung ist dann absolut unproblematisch, weil plausibel begründet.  

Auch ein eher unstetes sexuelles Vorleben finden wir nicht an sich moralisch verurteilenswert. Wenn sich darunter die eine oder andere ernsthafte, längerfristige Geschichte befindet, wären vielleicht sogar 99 Bettgenossinnen vor uns ok. Nicht, weil wir dann denken: Fein, habt ihr euch schon die Hörner abgestoßen. Sondern weil wir auch wissen, dass die Zeit zwischen zwei großen Lieben sehr lang sein kann. Und dass dann Raum für und Bedürfnisse nach vielen kleinen Lieben existieren.

Wie viel Erfahrung wir uns wünschen, hängt aber nicht nur von eurer, sondern mindestens genauso von unserer eigenen Beziehungsbiographie ab. Und da muss ich auf den letzten Satz deiner Frage zurückkommen. Du schreibst, zu viel Erfahrung bei uns würde euch eher verdächtig vorkommen. Wir wissen: nicht nur euch. Rollendenken ist Alltagstatsache. Frauen mit viel sexuellem Gepäck werden immer noch von viel zu vielen hinter ihrem Rücken als „Schlampen“ bezeichnet. Wenn ihr also genauso große Koffer mit euch herumschleppt oder ein bisschen mehr, beruhigt uns das, weil ihr uns nun wirklich nicht vorhalten könnt, dass wir vielleicht etwas asketischer hätten leben sollen. Fühlt euch nicht allzu unschuldig, das passiert in gar nicht wenigen Beziehungen, natürlich etwas subtiler als mit wüsten „Du Dorfmatratze“-Beschimpfungen.  

Mal ein kleines Gedankenspiel: Weil „Erfahrung“ eigentlich nix mit der Qualität des intimen Zusammenseins zu tun hat und Beziehungsbiographien individuell so dermaßen verschieden sind - wäre es da nicht am allerbesten, wenn wir alle weniger neugierig wären? Denn egal ob nun 0 oder 99:  Das Verunsicherungspotential einer dahin geworfenen, nicht zwingend bedeutungsvollen Zahl ist zu hoch, als dass wir uns davon den Spaß verderben lassen sollten. Vielleicht probieren wir doch mal die Chabrol-Nummer.   

juliane-frisse

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