Fernfahrer-Kolumne (V): Endlich verheiratet!

Moritz Baumstieger hat gerade Magister gemacht. Jetzt fährt er mit einem alten VW-Bus von Köln nach Kairo. Jede Woche berichtet er darüber hier bei jetzt.de. Heute: Istanbul, Istanbul, Istanbul.
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Woche vier Liebe Mami, lieber Papi: Ich bin jetzt verheiratet. Das Spatzerl ist meine Frau und ich bin ihr Mann. Kinder haben wir noch keine. Die sind in Deutschland nämlich sehr teuer. Das Spatzerl hat ihren Nachnahmen behalten, Hochzeitsfotos gibt es leider nicht. Damit uns den ganzen Quatsch trotzdem jemand glaubt, haben wir beide einen schicken Ring am Finger. Ohne den wollte uns Istanbul nämlich kein Hotelzimmer geben, zumindest nicht in den Hotels unserer Preisklasse. Im Ringe kaufen war ich ganz schlecht. Ich habe: - keine Ahnung von Schmuck, - keine Lust, einen zu tragen, - deshalb auch keine Lust, viel Geld dafür auszugeben, - anscheinend viel zu dicke Finger, - das Spatzerl zum Überfluss noch traurig gemacht, als ich aus all dem Frust wohl sehr glaubhaft Schlüsselringe und Beilegscheiben anstatt Ringe anprobieren wollte. Inzwischen bin ich aber ein guter Ehemann. Die falsche Vermählung haben wir bei ein paar Grillspießen gefeiert. Da keine Schwiegereltern in Reichweite waren, die den ganzen Spaß hätten bezahlen können, habe ich das natürlich übernommen. Überhaupt zahle ich inzwischen alles für meine „Karieş“, das ist Türkisch für Ehefrau (so wie das schöne Wort „Karies“, nur mit „sch“). Was ganz schön gefährlich ist, in Istanbul gibt es viel zu kaufen.

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Illustration: Julia Schubert

Draußen vor der Tür, in Istanbul Fotos: Patrick Desbrosses Zum Beispiel Kleider: Alles, was H&M, Zara und Mango bei uns auch nach dem Schlussverkauf noch nicht losgeworden sind, wird hier von herrlichen Wühltischen weg verschleudert. Auch wenn man eigentlich gar nicht will, schlendert man da abends auf dem Heimweg ein wenig vorbei und guckt ein wenig. Leider findet man – Spatzerl – immer was. Dann muss ich in meine Hosentasche greifen, ein bisschen murren und ein paar Münzen herausholen. Muss ja keiner wissen, dass ich bei Gelegenheit beim Spatzerl wieder ein paar Euros einsammele. Nur, dass ich immer dabei erwischt werde, zwei Schritte vor dem Spatzerl zu laufen, lässt mich langsam am Eheleben zweifeln. Da wir in Istanbul nur ein mintfarbenes Hotelzimmer, aber keine Küche haben, kann meine Frau nicht für mich kochen. Macht gar nichts, den hier kann man vor allem eines: Essen. Zum Beispiel: Morgens: Ekmek (Weißbrot) mit einem Ei, Schafskäse und einer Hand voll Oliven (Hotelfrühstück, fünf Tage lang) Kurz nach Morgens: Frisch gepressten Orangensaft am Straßenstand. Und, ach ja, bei der Gelegenheit einen dieser Sesamkringel Vormittags: Pfirsich, Kekse. Mittags: Suppe, Pide, dann einen Milchreis. Danach den zehnten Tee mit dem zehnten Würfel Zucker. Dann irgendwann: Türkisches Honiggebäck Sobald die Zähne nicht mehr zusammenkleben: Sonnenblumenkerne, Pistazien Zum Sonnenuntergang: Magnum Mandel in weiß, mit Stracciatella drin. Boah! Als Aperitif: Eine Fischsemmel, direkt vom Boot gekauft Abends: Köfte/ Grillspieße/gefüllte Paprika/irgendwas, mit Salat und Reis und so. Milchreis. Als Betthupferl: Magnum Mandel in weiß, mit Stracciatella drin. Boah!

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Illustration: Julia Schubert

Pfoten weg, das lieber doch nicht essen Fotos: Patrick Desbrosses Weil wir so viel Essen essen, ist es vielleicht gar nicht so schlecht, dass wir bald die Leipzig-Judith am Flughafen in einen Flieger nach Hause setzen und zu dritt weiterfahren. Der Bus schafft vier von uns dicken Menschen bestimmt nicht.


In den Moscheen Istanbuls haben wir folgendes gelernt: - Wenn man vom vielen Laufen müde ist, kann man es sich hier auf dem Teppich bequem machen - Es gibt immer eine Toilette - Beten und mit dem Handy telefonieren klappt anscheinend prima gleichzeitig - Schuhe kommen in Plastiktüten - Mit den bei Wind durch die Moschee fliegenden Plastiktüten können die Kinder super Fangen spielen - Wenn sie nicht sowieso mit anderen Kindern Fangen spielen - Selbst hier jagt der fleißige Beckstein Islamisten.

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Illustration: Julia Schubert

Sehr, sehr auffällig: Die Firma, die Istanbuls Moscheen fast exklusiv mit Alarmanlagen ausstatten zu scheint heißt: CSU. Zufall? Fotos: Patrick Desbrosses Ansonsten gibt es in Istanbul noch Fußball. Etwa bei Beşiktaş Istanbul. An deren Stadion kommt man wegen den Fanhorden einfach nicht vorbei, wenn ein Spiel ist. Also rein. BE! ŞIK! TAŞ! stolpert sich in der Qualifikation zur Champions League zu einem 2-0 über Zürich. Am Anfang ein Grottenkick, was aber nicht so schlimm ist: Die Hauptattraktion sind für uns die Fans. Der, der neben uns sitzt, ist zum Beispiel aus Berlin. Er knüpft in seine türkischen Kommentare zur Leistung des Schiedsrichters sehr schön die Worte „Boah! Fuck ey, du Hurensohn!“ ein. Die Frage, ob nun das Schiedsrichtergespann oder die Handvoll Zürcher Fans die ärmsten Würstchen im Stadion sind, geht unentschieden aus.

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Illustration: Julia Schubert

BE! ŞIK! TAŞ! (und Pistazien bzw. Fingernägel kauen... Fotos: Patrick Desbrosses Nach dem Spiel fahren die Fans mit den Fähren über den Bosporus. Dabei singen sie und hüpfen sie genau wie die deutschen Fußballfans in der U-Bahn. Die vollkommen überladenen Fähren wackeln auch genau so wie die deutschen U-Bahnen. Ins Meer fällt aber keiner, es ist ja auch keiner betrunken. Wir fahren trotzdem nicht mit, essen lieber Köfte und gucken zu. Da fahren wir morgen rüber. Mit dem guten, grauen Bus. Zwei Extrafotos gibt es auf der nächsten Seite. Weil sie so schön sind.


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Illustration: Julia Schubert

Süper Mariö! Fotos: Patrick Desbrosses

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Illustration: Julia Schubert

Kein Essen. Sondern: Stilleben. Fotos: Patrick Desbrosses

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