Fernfahrer-Kolumne (VII) : Bei den lieben Terroristen auf der Achse des Bösen

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Welcome to Suria, willkommen in der Achse des Bösen. Die liegt hinter viel Stacheldraht, hinter einem Grenzübergang, wie ihn wir EU-Kids gar nicht mehr kennen. Erst gilt es viele Stempel zu sammeln. Erst türkische, dann syrische, was in vier Stunden locker zu schaffen ist. Für uns: Ausreisestempel Türkei, Zollstempel Türkei. Einreisekarte Syrien. Dann das Visum von Foto-Patrick und dem Spatzerl verlängern lassen, weil da die syrische Botschaft Mist gebaut hat. Das kann ein lustig auf dem Sofa sitzender Beamter, indem er nur einmal mit dem Finger gegen die Pässe schnippt. Toll. Für den guten, grauen Bus: Den Auto-Eintrag aus dem Pass streichen lassen in der Türkei. Einfuhrgenehmigung Syrien, Autoversicherung Syrien, Dieselsteuer Syrien, Roadtax Syrien. Für all das: Viele Euros zu schlechtem Kurs in sehr viele syrische Scheine wechseln und großzügig an die Beamten verteilen. Dafür gibt es Quittungen, die man nicht lesen kann, Tee und Zigaretten für die Wartezeit. Wenn es ganz lange dauert, darf man sogar auf dem Mittagsschlaf-Bett Platz nehmen, das in jedem Büro steht.

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Illustration: Julia Schubert

Welcome to Suria Fotos: Patrick Desbrosses Anstelle des Zolls kommt nun das teuerste Stück Papier zum Einsatz, das ich je besessen habe: das so genannte Carnet de Passage. Diese gelbe Stempelmappe belegt, dass für den guten, grauen Bus eine Kaution in Deutschland hinterlegt wurde, die dem Wert von zweieinhalb anderen guten, grauen Bussen entspricht. Damit ich das Auto auch sicher wieder mitnehme. Und nicht irgendwo in der Wüste wegschmeiße. Dann aber: Mit viel Gel in den wenigen Haaren und einer breiten Ray-Ban-Brille im Gesicht nimmt uns DJ Hell persönlich die letzte Kontrolle ab. „Welcome to Suria!“ Diesen Satz kann in Syrien jeder auf Englisch sagen, vom Kleinkind bis zum Großpapa. Vermutlich lässt ihn der Minister für Volkserziehung in Kursen zum Umgang mit Touristen – Welcome to Suria! – einstudieren. Die ganzen bösen Terroristen, die da mitten in der Achse des Bösen wohnen, sind sehr nette Terroristen. Sehr, sehr nette Terroristen sogar. Das zeigt sich etwa, wenn man in dem an Freitagen ausgestorbenen Basar in Aleppo keinen Plan hat, was man mit dem angebrochenen Nachmittag anfangen soll. Man stellt sich einfach hin und schaut was passiert. Zum Beispiel das: 13 Uhr: Wir stehen vor einem Hammam und wissen nicht, ob wir hineingehen sollen 13.05 Uhr: Ein Mann geht vorbei 13.06 Uhr. Der Mann dreht um, fragt uns, was wir suchen. 13.10 Uhr bis 13.30 Uhr: Wir suchen eigentlich nichts, dafür mit dem Mann ausgiebige Besichtigung des Hammams 13.30: Der Mann – ein eben nach 30 Jahren aus Amerika zurückgekehrter Syrer namens Jamal – nimmt uns zu der Moschee mit, zu der er eigentlich wollte 13.40 bis 14.10 Uhr: Moschee angucken, warten, bis das Freitagsgebet fertig ist

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Illustration: Julia Schubert

Freitagsgebet, von den billigen Plätzen aus betrachtet Fotos: Patrick Desbrosses 14.10 bis 14.30 Uhr: Plaudern mit allen, die Englisch oder Deutsch können. Yes, Oliver Kahn, Schneider, Ballack. Yeah! 14.30 Uhr: Plötzlich Audienz beim obersten Imam der Moschee. Sitzen in der Männerrunde (auch das Spatzerl!), viele Fragen an uns Gäste. Dann Vorlesung des Imams zum Thema „Unterschiede zwischen Islam und Christentum in der Gestaltung des alltäglichen Lebens “. Nicht mal hier ein Islamist zu finden. So was.

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Illustration: Julia Schubert

Gastfreundschaft galore: Besuch bei einem Museumswärter, historische Belehrungen inklusive Fotos: Patrick Desbrosses 15.00 Uhr: Jamal stellt uns Muhammad, 25, Jahre alt und Student plus eine Reihe weitere Menschen vor. 15.10 Uhr: Einer der weiteren Menschen lädt uns alle zum Essen ein. 15.15 Uhr: Abfahrt, mit dem Taxi, unterwegs Stop, Hendl und Eiscreme kaufen bis 19 Uhr: Essen bei dem freundlichen Gastgeber, dessen Namen wir leider nicht herausgefunden haben. Zwischendrin: Singen, Beten (wir nicht), Diskussionen über Palästina, Bildungspolitik und die Vorzüge verschiedener Sportarten 19 Uhr: Obwohl mir noch ein Flügel des Brathähnchens aus dem Hals herausragt, schaffe ich es, den Abschiedstoast des Gastgebers auf Weltfrieden und Völkerverständigung angemessen zu erwidern. Der Gastgeber eilt auf mich zu, schüttelt mit begeistert die Hand und wischt sich eine Träne aus dem Augenwinkel.

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Illustration: Julia Schubert

Jamal Fotos: Patrick Desbrosses 19 bis 0.30 Uhr: Mit Jamal und Muhammad durch die Stadt strolchen. Saft trinken, nach Landessitte auch mit Männern Händchen halten. Jede Kirche und jede Moschee angucken. Wenn sie geschlossen sind, geht Jamal dem Pförtner so lange auf den Wecker, bis er aufsperrt. Kurzer Plausch mit einem armenischen Sportjournalisten, der 1972 bei der Olympiade in München war. Ausgiebige Führung durch eine orthodoxe Kirche, obwohl eine ganze Hochzeitsgesellschaft auf unseren netten Kirchen-Erklärer für das Hochzeitsfoto wartet. Im Park sitzen und Muhammad zu erklären versuchen, dass man in Europa als Junggeselle auch einfach so ganz normale Freundinnen haben kann, ohne dass sofort etwas Schlüpfriges unterstellt wird. Klappt aber nur bedingt.


Dann geht es weiter, immer Richtung Süden. Bestaunt werden: - Tolle alte Wasserräder in Hama, neben denen man ganz entspannt Wasserpfeife rauchen und Backgammon spielen kann. Zumindest bis einem auffällt, dass das Geknarze der Wasserräder sehr stark nach Rasenmäher klingt. Schon erinnert die Geräuschkulisse sehr stark an eine deutsche Schrebergartensiedlung. - Der immer wieder einsetzende Kaufrausch auf den Basaren. Tücher! Seife! Staubkekse! - Römer-/Griechen-/Nabatäer- und ganz gewöhnliche Säulen. - Mächtige Kreuzfahrerburgen, in deren Gewölben sämtliche Taschenlampen zu Streiken anfangen

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Illustration: Julia Schubert

Auch auf der Achse des Bösen wird gelacht: Straßenszene in Syrien Fotos: Patrick Desbrosses Bei der größten Kreuzfahrerburg, dem „Krak de Chevallier“ werden wir erst von syrischen Christen verscheucht, als wir einen Schlafplatz mit dem Bus suchen,. Dann von lieben Polizisten – Welcome to Suria! – kontrolliert und schließlich – Welcome to Suria –von den uns erst verscheuchenden Christen eingeladen. Vielleicht haben sie ein bisschen ein schlechtes Gewissen, weil sie erst so böse zu uns waren, jedenfalls überschütten sie uns mit Essen und Geschenken.

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Illustration: Julia Schubert

Die Straßen von Syrien Fotos: Patrick Desbrosses Es gab für uns: Zwei leicht kitschige Holzikonen, die Sohn Zwei selber gefertigt hat, gewöhnungsbedürftiges Knabberzeug (1/3 Walnüsse, 1/3 Scharfscharf, 1/3 Salz), Schnaps, Salat, Tee, Matetee, drei Motorrad-Rundfahrten á 15 Minuten mit Cousin Vier, einen ausgestopften Storch und einen ausgestopfter Adler (beides abgelehnt), Lob für den cleveren Mr. Hitler (ebenfalls abgelehnt), Wasserpfeife und dann – endlich, endlich – die Erlaubnis, sich zurückziehen zu dürfen.

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Illustration: Julia Schubert

Die Ruinen von Palmyra Fotos: Patrick Desbrosses Zwei Tage später, neben den famosen Ruinen von Palmyra, ist es anders gelaufen. Opa Sa´id, der sehr gerne „Ffffeeery Good, nooo Money“ zwischen seinen wenigen Zähnen heraus pfeift, hat uns auf sein Grundstück zum Schlafen und das Spatzerl auf einen Rundritt mit dem Esel eingeladen. Etwas neugierig hat der alte Sa´id in unserem Bus feine Sachen entdeckt, die ihm gut gefallen haben. Am nächsten Morgen hat er uns in folgender Reihenfolge abgeschwatzt: 1. ein tolles LED-Leuchten-Feuerzeug, getauscht gegen sein altes mit dem kaputten Feuerstein 2. den – seit Leipzig-Judith in Istanbul ausgestiegen ist – überflüssigen vierten Campingstuhl (für seine Madame) 3. den ebenfalls nun überflüssigen vierten Trinkbecher 4. eine Flasche Arak (nicht sehr gut schmeckender Anis-Schnaps) 5. zwei in Aleppo nach ausgiebigem Feilschen erstandene Tücher (für seine Madame und für die Madame vom Sohn) 6. die Batterien unserer kaputten Taschenlampe 7. zwei Kassetten (Trini Lopez und irgendein Thai-Heuler) 8. und oben drauf noch: meine schöne neue Casio-Uhr, getauscht gegen seine alte. Naja. Insgesamt sind wir sehr gut weggekommen. Danke liebes Syrien. Wir haben dich lieb, dich und deine netten Terroristen.

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