Von Köln nach Kairo: Die Fernfahrer-Kolumne Teil 3 - Rumänien für Anfänger

Moritz Baumstieger hat gerade Magister gemacht. Jetzt fährt er mit einem alten VW-Bus von Köln nach Kairo. Jede Woche berichtet er darüber hier bei Jetzt.de. Teil 3: Durch Rumänien, das bessere Italien
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Rumänien! Toll! Toll! Tolltolltoll! Wenn es am Schwarzen Meer auch so schön wie hier in Transsylvanien ist, dann ist Rumänien eindeutig das bessere Italien. Scusi, Italia.. Zunächst braucht es aber etwas Zeit zur Eingewöhnung. Das Land ist arm, das sieht man. Die Preise ein Drittel derer in Deutschland, die Löhne höchstens ein Zehntel. Kann man da als reicher Wessi einfach so durchfahren und sich das angucken? Das Ganze am Ende noch teilweise romantisch finden? Das Ergebnis meiner Grübelei: Kann man. Erstens ist es besser zu wissen, wie Leute nur einige Hundert Kilometer von Deutschland entfernt leben. Und zweitens ist es besser, hier seine Euros auszugeben, als sie an der Côte d´Azur irgendeinem Eisdielen-Millionär in den Pastis zu rühren.

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Illustration: Julia Schubert

Rumänien für Anfänger. Foto: Patrick Desbrosses Dann gilt es noch am eigenen Mißtrauen zu arbeiten. Denn ganz ehrlich: Völlig frei an Vorurteilen ist man nicht, auch wenn man es gerne wäre. Die Bettelkids und ihre immer nur schweigend knienden Eltern, die die deutschen Fußgängerzonen bevölkern, die ganzen Warnhinweise – Taschendiebe, Autoknacker, Überfaller – sie alle sitzen zunächst hartnäckig im Hinterkopf und rufen zusammen mit dem alten Zimmermann von „XY ungelöst“: „Achtung! Nepper, Schlepper Bauernfänger!“ Hat man dann aber Gefallen an dem Gedanken gefunden, dass die Rumänen nicht ständig Dreckwäsche und Tütensuppen aus dem Bus rauben wollen, ist das Land – wie gesagt: Toll! Toll! Tolltolltoll! Das Budapest-Problem, nur anderen Touristen hinterher zu laufen, haben wir gelöst, indem wir einfach keinen Reiseführer gekauft haben. Das funktioniert sehr gut, wäre aber eigentlich überflüssig gewesen: Hier gibt es sowieso keine Touristen. Komisch eigentlich, denn in Rumänien kann man: - Zusehen, wie sich Frauen ihr Erdbeer-Eis aus dem Bart streichen. Genau so, wie das früher der schnauzbärtige Mann immer in der Weißbier-Werbung gemacht hat. - Auch mit 57 PS überholen. Viele Fuhrwerke haben nämlich genau 56 weniger. - Viel Einkaufen für wenig Geld. Gute Hüte zum Beispiel. Wegen meinem schicken Stroh-Hut und vielleicht auch wegen den nach drei Wild-Camping-Nächten sehr fettig gewordenen Haaren werde ich oft für einen Rumänen gehalten. Das schmeichelt mir sehr, ich nehme die Ehre gerne an.

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Illustration: Julia Schubert

Rumänisches Hobby: Heiraten. Foto: Patrick Desbrosses Meine neuen Landsleute scheinen im Allgemeinen zwei Hobbys zu haben: Das eine ist das Heiraten. Samstags ist es fast unmöglich, einen Platz in einem Restaurant zu finden. Vor den Kirchen stehen bis zu vier Hochzeitsgesellschaften, die leicht genervt warten, dass der Pfarrer das Paar drinnen schneller abfertigt. Vielleicht lassen sich die Rumänen unter der Woche wieder scheiden, um am Wochenende wieder zu Heiraten. Wie sie sonst diese Masse an Vermählungen zustande bringen, ist mir ein Rätsel. Das andere Hobby ist der Kirchenbau. In fast jedem Dorf steht eine nagelneue Kirche. Oder eine, die nicht ganz fertig geworden ist, weil leider das Geld ausgegangen ist. Während der Regierungszeit Ceauşescus wurden sehr viele Kirchen zerstört, daher wohl der religiöse Nachholbedarf.

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Illustration: Julia Schubert

Viel Beistand von oben. Foto: Patrick Desbrosses Kurzer Einschub statt guter Überleitung: Tolle Zigarettenmarken, die ich bisher geraucht habe: - Fönix - Mustang - Bond - Assos - Country - Tresor - Melnik - Und am allerbesten: Carpati. Mit Bergen und einem Hirsch auf der Packung. Die müssen gesund sein.


Rumänisch lässt sich zudem viel leichter sprechen und verstehen als das komische Ungarisch mit den vielen Umlauten in seinen Wortungeheuern. Obwohl, einiges hat mir schon gefallen. Meine Lieblingsvokabeln (in dieser Reihenfolge): - Sörözö (Bierstube) - Nök (Frauen) - Köszönöm (Danke) - Szervusz (Servus) - Úhtibák (Schlaglöcher, vielleicht aber auch „Achtung!“) „Úhtibák“ oder besser: seine rumänische Entsprechung an den Straßenrand zu schreiben, ist in hier völlig unnötig. Denn entweder sind die Straßen gut (Schnellstraßen), oder sowieso nur „Úthibák“. So auch die eine Schotterstraße, die in einen kleines Dorf namens Ranta geführt hat. Hier dürfen wir natürlich gerne auf der Wiese eines Bauern schlafen. Nicht viel los, das dafür aber schön: Kühe, Pferde, Schafe. Fette Säue am Straßenrand. Alte Brunnen, kleine Häuschen, Heuhaufen und Hügel. Schwarze Katze, weißer Kater.

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Illustration: Julia Schubert

Rumänische Nippes. Foto: Patrick Desbrosses Dass die Globalisierung ihren Weg auf verschlungenen Nebenstraßen über alle „Úthibáks“ hinweg findet, erleben wir in der Dorfkneipe, die eher ein Dorfkiosk ist. Weil die Rumänen auf uns in Rumänisch einreden, beginnt Leipzig-Judith einfach Spanisch zu sprechen, sozusagen aus Notwehr. Was aber verstanden wird: Im rumänischen Fernsehen laufen südamerikanische Telenovelas mit Untertiteln. Und wie sich zeigt, ist das Fernsehen ein besserer Lehrer als die in der Schule, wo unsere Dolmetscherinnen Maria und Schalina eigentlich Englisch lernen. Der Abend endet dann sehr abrupt: Es kracht und alle laufen weg: Dorfschlägerei. Wir laufen auch besser. Zurück auf unsere Wiese, wo wir vor Schreck eine Flasche Slilovitz austrinken. Deshalb kam es zu folgendem Dialog (die in dem Gespräch angedeutete Häufung des Genusses alkoholischer Getränke ist natürlich rein durch den Urlaub bedingt): Spatzerl: „Moritz, ich kann im Bus so schlecht schlafen. Du schnarchst!“ Ich: „Nur wenn ich Alkohol getrunken habe.“ Spatzerl: „Also fast immer.“ Ich: „Ja, aber sonst fast nie!“ Am nächsten Morgen, auf dem Weg durch Transsylvanien zum Dracula-Schloss, verkaufen Frauen am Straßenrand rote Zwiebeln. Habe ich da etwas falsch mitgekriegt? moritz-baumstieger

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