Karoline Herfurth: "Ich mag es, Vokabeln auswendig zu lernen"

Welche Schlüsselqualifikationen sind im Beruf wirklich wichtig? Heute: Schauspielerin Karoline Herfurth, 25, über Lernbereitschaft
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In Stellenanzeigen wird von Bewerbern einiges verlangt: Teamfähig sollen sie sein, flexibel und zuverlässig. Doch wie wichtig sind Schlüsselqualifikationen im Job wirklich? Wir fragen bekannte Persönlichkeiten. Folge 15: Karoline Herfurth über Lernbereitschaft. jetzt.de: Nach dem Film „Im Winter ein Jahr“ haben sich die Feuilletons vor Lob geradezu überschlagen. Bist du jetzt schon eine vollkommene Schauspielerin? Karoline Herfurth: Um Gottes Willen, dieses Gefühl habe ich nicht! Und ich hoffe, dass ich das Gefühl, vollkommen zu sein, auch mit 50 nicht haben werde. Das wäre doch sehr langweilig. Was muss die Schauspielerin Karoline Herfurth noch lernen? Es ist vor allem der Umgang mit Sprache und Gestik, den ich immer wieder aufs Neue lernen muss. Die Frage ist jedesmal: Wie schaffe ich es, aus den Informationen, die ich bekomme, eine Figur zu erschaffen, die dann lebendig wird? Gerade wenn ich im Theater auf der Bühne stehe, bei Kleist oder Shakespeare, habe ich in dieser Hinsicht noch eine Menge zu lernen. Im Film "Berlin 36" spielst du die Rolle der jüdischen Hochspringerin Gretel Bergmann während der Olympischen Spiele 1936 in Berlin. Musstest du dafür Hochsprung lernen? Ja, das war mir völlig neu. Mir wurde diese Art von Sport ja nicht unbedingt in die Wiege gelegt und plötzlich sollte ich eine Hochspringerin spielen. Zu lernen, wie man sich in einem bestimmten Körper bewegt ist sowieso eine der größten Herausforderungen, die es für einen Schauspieler gibt.

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Illustration: Julia Schubert

Karoline Herfurth, 25, wurde durch ihre Rollen in "Crazy" und "Mädchen, Mädchen" bekannt. Große Aufmerksamkeit erlangte sie durch ihre Nebenrollen in "Das Parfum" und in "Der Vorleser" an der Seite von Kate Winslet und Ralph Fiennes. Für ihre Rolle der Tanzschülerin Lilli Richter in "Im Winter ein Jahr" erhielt Karoline Herfurth den Bayerischen Filmpreis. Am 10. September 2009 kommt "Berlin 36" in die Kinos. Darin spielt sie die jüdische Hochspringerin Gretel Bergmann während der Olympischen Spiele 1936 in Berlin (Foto). Für manche Rollen tauchst du tief in die Psyche eines Menschen ein. Lernt man, sich von der jeweiligen Filmfigur abzugrenzen? Es gibt Rollen, die es mir leicht machen, mich abzugrenzen. Gretel Bergmann ist zum Beispiel eine unglaublich lebensbejahende Person, die mir sehr geholfen hat, Druck und Angst in positive Energie umzuwandeln. Als ich Lilli in "Im Winter ein Jahr" gespielt habe, war das ein bisschen anders, weil Lillis Konflikt tief in ihr drin liegt und nicht von außerhalb kommt. Lillis Ängste und Gefühle haben mich immer wieder eingeholt und es hat mich unglaublich herausgefordert, eine Grenze zwischen mir und der Figur zu ziehen. Aber jeder Schauspieler muss lernen, mit solchen Herausforderungen umzugehen. Du scheinst vom Lernen nicht genug zu bekommen. Letztes Jahr hast du ein Politikstudium begonnen. Warum? Weil ich unbedingt studieren wollte, um meinen Horizont zu erweitern. Ich wusste nicht einmal, wie viele Wissenschaften es gibt und womit die sich im Einzelnen beschäftigen. Ist die Schauspielerei denn keine Schule fürs Leben? Doch, definitiv. Die Schauspielerei ist eine ständige Auseinandersetzung mit mir selbst und mit Themen auf emotionaler Ebene. All das hat aber vor allem mit Körperlichkeiten, mit Sprache und Gestik zu tun. Man lernt als Schauspieler zwar oft auch geschichtliche und soziologische Hintergründe kennen, aber eine rein wissenschaftliche Auseinandersetzung an der Uni ist dann doch etwas ganz anderes. Suchst du im Studium etwas, das dir in deinem Leben als Schauspielerin fehlt? Ich finde einfach, dass es ein tolles Gefühl ist, an einer Hochschule gebildet zu werden. Das ist ein Privileg, das ich sonst vermisst hätte. Ein Studium eröffnet ganz neue Welten und erweitert die eigene Perspektive auf das Leben. Ich hätte nie gedacht, dass es so unglaublich faszinierend ist. Aber du musst doch zugeben, dass Lernen manchmal nur eine lästige Pflicht ist. Klar, ich habe demnächst eine Klausur, für die ich eine Menge lernen muss. Das macht man natürlich nicht immer gerne. Worum geht es in der Klausur? Politische Theorie: Hobbes, Macchiavelli, Aristoteles. Da bin ich ganz schön hinterher und muss mich jetzt echt ransetzen. Das Schöne ist, dass diese Theorien aktueller sind als man erst einmal denkt. Wenn man zum Beispiel das Geschehen im Iran aus der Sicht der Politikwissenschaft betrachtet, merkt man, wie viel die Theorien von Hobbes mit der heutigen Politik zu tun haben. Das erleichtert das Lernen natürlich. Diese Leichtigkeit ist echt zu beneiden. Aber kann es sein, dass dir das Lernen nur deshalb so leicht fällt, weil das Studium für dich mehr Nebenbeschäftigung als Hauptaufgabe ist? Mag sein, aber auch ich brauche manchmal einen gewissen Druck, um mich zum Lernen zu überwinden. An meinem letzten Essay habe ich zum Beispiel bis vier Uhr nachts geschrieben, weil am nächsten Tag Abgabetermin war. Aber im Grunde ist es wirklich so, dass ich gerne lerne. Ich mag es sogar, Grammatik und Vokabeln auswendig zu lernen. Du hast eine Waldorfschule besucht. Hat diese Zeit deine Lernbereitschaft geprägt? Die Waldorfschule hat mir in der Tat die Freiheit gegeben, meine Interessen zu entwickeln und Schwerpunkte zu finden. Dadurch habe ich einen ungeheuren Spaß am Lernen entwickelt. Gibt es denn bestimmte Dinge, die du irgendwann in deinem Leben unbedingt noch lernen möchtest? Da gibt es so viele Dinge (überlegt lange): Klavier spielen, Singen und Russisch will ich auf jeden Fall noch lernen. Und ich will mehr über Wirtschaft wissen. BWL oder VWL würde ich irgendwann auch noch gerne studieren, wenn es irgendwie geht. Glaubst du, dass man irgendwann aufhört zu lernen? Nein, dafür bietet das Leben zu viele Herausforderungen. Alleine das Älterwerden ist ja schon eine ungeheure Aufgabe: Kinder zu kriegen, irgendwann Oma zu sein - da kann ich mir echt nicht vorstellen, wo man da zu lernen aufhören sollte. Abgesehen von der Lernbereitschaft: Welche Eigenschaften sollte man mitbringen, um im Job erfolgreich zu sein? Lernbereitschaft umfasst ja auch Aufmerksamkeit und die Wahrnehmung von Fehlern - das sind alles Dinge, die ich für sehr wichtig halte. Und Ruhe ist wichtig - denn nur ein ausgeruhtes Team ist ein gutes Team. *** Alle bisher veröffentlichten Folgen der Jobkolumne findest du hier.

Text: andreas-glas - Foto: Thomas Kost

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