Philipp Rösler: "Ich bin nicht der Typ dafür, extrem frech zu sein"

Welche Schlüsselqualifikationen sind im Beruf wirklich wichtig? Heute: Niedersachsens Wirtschaftsminister Dr. Philipp Rösler über Durchsetzungsvermögen. Er ist 36.
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In Stellenanzeigen wird von Bewerbern einiges verlangt: Teamfähig sollen sie sein, flexibel und zuverlässig. Doch wie wichtig sind Schlüsselqualifikationen im Job wirklich? Wir fragen bekannte Persönlichkeiten. Folge 13: Dr. Philipp Rösler über Durchsetzungsvermögen. jetzt.de: Philipp, mit 27 Jahren bist du FDP-Generalsekretär geworden, drei Jahre später Fraktionsvorsitzender, jetzt bist du 36, niedersächsischer Landesminister und stellvertretender Ministerpräsident. Ganz nebenbei hast du auch noch studiert und promoviert. Das klingt irgendwie unheimlich. Philipp Rösler: Die Politik lief ja anfangs neben dem Studium her, das hat natürlich viel Zeit gekostet. Auch der klügste Mensch kann sich diese Zeit nicht selbst schaffen, aber ich habe es trotzdem versucht. Und es hat am Ende funktioniert. Dabei sind viele deiner etablierten FDP-Kollegen deutlich älter als du. Sich da durchzusetzen, das stelle ich mir ungefähr so schwierig vor, wie sich in einem lange bestehenden, geschlossenen Freundeskreis zu etablieren. Zu Anfang war es auch sehr schwierig für mich, aber weniger deshalb, weil die FDP so ein geschlossener Kreis war. Aber es stimmt, dass viele doppelt so alt waren wie ich. Da musste ich mir den Respekt und die Akzeptanz schwer erarbeiten.

Illustration: Julia Schubert

Philipp Rösler, 36, stammt aus Vietnam und wurde im Alter von neun Monaten aus einem Waisenhaus bei Saigon von einem norddeutschen Ehepaar adoptiert. Nach einem Medizinstudium in Hannover spezialisierte er sich als Augenarzt und promovierte zum Dr. med. Seit Februar ist er niedersächsischer Landesminister für Wirtschaft, Arbeit und Verkehr sowieso stellvertretender Ministerpräsident. Worin lagen die Schwierigkeiten? Gerade als junger Politiker muss man versuchen, immer alles richtig zu machen. Sonst wird man nicht ernst genommen. Wenn nämlich mal etwas schief geht, dann heißt es nicht, wie bei den etablierten Politikern: 'Der konnte das nicht', sondern nur: 'Der ist noch viel zu jung!' Ist dein vergleichsweise junges Alter auch in deiner Funktion als Wirtschaftsminister noch problematisch? Klar, zum Beispiel dann, wenn ich einem Unternehmenschef helfen soll, der deutlich älter ist als ich selbst. Da wird man nur akzeptiert, wenn man gute Vorschläge hat. Woher kommt dein starkes Durchsetzungsvermögen? Ich würde das Durchsetzungsvermögen nicht als meine größte Stärke bezeichnen, aber es gehört natürlich dazu und man braucht es, um im Beruf erfolgreich zu sein. Im Grunde hängt aber alles von einer klugen Entscheidung ab. Wenn man nämlich eine kluge Entscheidung getroffen hat und davon überzeugt ist, dann kommt die Durchsetzungskraft von ganz alleine. Trotzdem ist dein Durchsetzungsvermögen im letzten Jahr an eine Grenze gestoßen. Deinen Vorschlag für eine stärkere Werteverankerung im FDP-Programm hat die Parteiführung abgeschmettert. War das also keine kluge Entscheidung? Doch, denn wir haben ja gerade erst beschlossen, dass wir die Diskussion nun doch führen wollen. So gesehen habe ich mich auch hier durchgesetzt (lacht). Aber es hat gedauert, ja. Westerwelle und Co. waren am Anfang dagegen, das stimmt schon. Nach der Bundestagswahl werden wir aber ein neues Grundsatzprogramm erstellen. Was nicht gleichzeitig bedeutet, dass dein Wunsch nach einer größeren Werteverankerung auch inhaltlich umgesetzt wird. Dein Durchsetzungvermögen musst du doch in dieser Frage erst noch unter Beweis stellen, oder? Nein. Ich habe eine lebendige Debatte um Werte gefordert und diese wird es sicher geben. Warum bist du dir dabei so sicher? Kann es nicht sein, dass es dir die etablierten FDP-Größen übel nehmen, so frech gewesen zu sein, als Jungspund eine Reform der Partei zu fordern? Das kann durchaus sein, genau weiß ich das natürlich nicht. Aber eigentlich bin ich nicht der Typ dafür, extrem frech zu sein. Wie schwer ist es, sich gegen den Häuptling Westerwelle durchzusetzen? Wenn die Argumente gut sind, dann kann man sich gegen jeden durchsetzen. Manchmal dauert es nur ein bisschen länger, da ist dann Ausdauer gefragt. Du hast früh gesagt, dass du mit 45 Jahren mit der Politik Schluss machen willst. Hat dir diese Ankündigung auf dem Karriereweg geholfen, weil die Konkurrenz sich dachte: Lasst den Rösler nur machen, der ist ja sowieso bald wieder weg? Ich glaube nicht, dass sich das irgendjemand gedacht hat. Außerdem ist es ja noch ein bisschen hin, bis ich 45 bin. Ein Politiker der FDP, die in der öffentlichen Wahrnehmung als Partei der Karrieremenschen gilt, lässt doch auf dem Höhepunkt seiner Karriere nicht alles stehen und liegen. Da wäre ja all dein Durchsetzungswille umsonst gewesen. Wenn ich jetzt aufhören würde, dann wäre das sicher so. Aber bis ich 45 bin, habe ich noch neun Jahre Zeit und eine Landtagswahl zu gewinnen. Da liegt also noch jede Menge Arbeit vor mir. Du bleibst also ernsthaft bei deiner Behauptung, niemals in die Bundespolitik zu wechseln? Genau. Die FDP wird ja nicht gerade mit großem Einsatz für Solidarität mit den Schwächeren der Gesellschaft in Verbindung gebracht. Dabei bist du selbst in armen Verhältnisse in Vietnam geboren. Hast du schon mal darüber nachgedacht, wie dein Leben verlaufen wäre, wenn du nicht adoptiert worden wärst? Darüber denke ich schon manchmal nach. Gerade deswegen weiß ich auch, wie wichtig gleiche Chancen für alle sind. Auch deshalb setze ich mich jetzt für Chancengerechtigkeit ein. Du hast selbst schon oft von Vorurteilen gesprochen, die dir in deinem Leben begegnet sind. Hat dich deine asiatische Herkunft behindert, dich in der Politik durchzusetzen? Nein, diesen Eindruck hatte ich wirklich nicht. Karriereberater und Stellenanzeigen fordern stets Qualifikationen wie Flexibilität oder Belastbarkeit. Es wäre doch schön, wenn uns ausgerechnet ein FDP-Politiker nun sagen würde, dass im Job auch Ideale wichtig sind. Ich glaube schon, dass Begriffe wie Mut, Fleiß und Kompetenz auch für die FDP wichtige Begriffe sind. Das sind durchaus Dinge, die auch berufliche Erfolge mit sich bringen können. Aber nur dann, wenn man mit diesen Eigenschaften umzugehen weiß. *** Alle bisher veröffentlichten Folgen der Jobkolumne findest du hier.

Text: andreas-glas - Foto: philipp-roesler.de

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