Willi Weitzel: "Für manche bin ich eben der Kindskopf, der nur Spaß macht"

Welche Schlüsselqualifikationen sind im Beruf wirklich wichtig? Heute in der Jobkolumne: Willi Weitzel über Glaubwürdigkeit
andreas-glas

In Stellenanzeigen wird von Bewerbern so einiges verlangt: Teamfähig sollen sie sein, flexibel und zuverlässig. Doch wie wichtig sind Schlüsselqualifikationen im Job wirklich? Wir haben bekannte Persönlichkeiten gefragt. Folge 6: Willi Weitzel über Glaubwürdigkeit.

Default Bild

Illustration: Julia Schubert

Willi Weitzel, 37, moderiert seit dem Jahr 2002 die Kindersendung "Willi wills wissen", die unter anderem in der ARD und auf dem Kinderkanal läuft. Die Sendung gewann den Bayerischen Fernsehpreis und den Adolf-Grimme-Preis. Seit März ist Willi mit dem Film "Willi und die Wunder dieser Welt" im Kino zu sehen. jetzt.de: In „Willi will’s wissen“ trittst du den Kindern nie als Oberlehrer, sondern immer auf Augenhöhe gegenüber. Ist das ein Geheimnis deiner hohen Glaubwürdigkeit? Willi Weitzel: Ich weiß nicht, ob es das Geheimnis meiner Glaubwürdigkeit ist, aber sicher steckt darin das Erfolgsgeheimnis von „Willi will’s wissen“. Wir machen uns vor jeder Sendung intensive Gedanken, wie wir den Kindern ein Thema vermitteln können, das eigentlich aus der Welt der Erwachsenen stammt. Dazu müssen wir das Thema herunterbrechen, die Kinder in ihrer Welt abholen, etwas ihnen Bekanntes liefern und dann weiterführen. Das verstehe ich unter "auf Augenhöhe gehen". Es gibt auch andere Kindersendungen, denen das gelingt. Aber nicht allen und dann ärgere ich mich schon, wenn Kinder von oben herab, wie fremde Wesen behandelt werden. Hast du Vorgaben, wie du dich in der Öffentlichkeit zu verhalten hast? Es gibt tatsächlich Kindersender, bei denen sich die Moderatoren zum Beispiel dazu verpflichten, privat in der Öffentlichkeit kein Bier zu trinken. Aber wenn du nicht du selbst bleiben darfst und dich permanent verbiegen musst, dann leidest du - und irgendwann auch die Glaubwürdigkeit. Als wir „Willi will’s wissen“ gestartet haben, musste ich keine Rollenerwartung erfüllen, sondern die Sendung wurde um mich herum gestrickt. Auch um meine Macken herum. Ich muss mich also nicht verstellen. Wirkt sich deine vertrauenserweckende Art gegenüber Kindern negativ auf deine Glaubwürdigkeit bei Erwachsenen aus? Es gibt sehr viele Erwachsene, die unsere Sendung nutzen, um noch mal in ihre Kindheit einzutauchen. Bei manchen Erwachsenen gewinne ich dadurch an Glaubwürdigkeit. Aber wenn ich jetzt für Anne Will einspringen würde, dann würden mir das vielleicht nicht alle abkaufen. Wen sehen erwachsene Menschen in dir? Manche sagen: Das ist doch dieser Kindskopf aus dem Fernsehen! Für die bin ich der kindgebliebene Reporter, der nur Spaß macht. Dahinter steckt aber mehr. Ich möchte Kindern etwas vermitteln, ich möchte, dass sie mit Spaß lernen. Und aus der Lernpsychologie ist bekannt, dass sich Inhalte besser verankern, wenn man sie emotional verknüpfen kann. Vielleicht ecke ich deshalb bei manchem Erwachsenen an und verliere dadurch an Glaubwürdigkeit. Die meisten freuen sich aber gemeinsam mit ihren Kindern, dass da einer ist, der all das bringt und all das darf, was sie sich als "echte Erwachsene" nicht mehr trauen. Wenn Du Dich im Fernsehen siehst, wie glaubwürdig wirkst Du auf Dich selbst? Ich schaue mir das sehr kritisch an. Ich bin nicht immer zufrieden mit mir, aber wir entscheiden im Team, was geschnitten wird, weil vieles eben verschieden interpretiert werden kann. Dabei sagt man den Menschen vor der Kamera gerne nach, dass sie eitel seien. Ich streite nicht ab, dass ich auch eitel bin. Und oft denke ich: Da sehe ich ja schrecklich aus! Aber es geht letztlich darum, als Journalist etwas in der Sache zu vermitteln. Ich bin nur der Transporteur. Auf der nächsten Seite erzählt Willi, weshalb man Kinder auch über den Tod aufklären sollte und er verrät, ob er im Privatleben genauso authentisch ist.


Wie definierst du das Wort "Glaubwürdigkeit" für dich selbst? In Glaubwürdigkeit steckt das Wort "Glauben". Das ist ja im Prinzip eine naive Haltung, weil es nicht "Wissen" ist. Wenn mir jemand etwas erzählt, dann glaube ich es auch, weil ich erst mal davon ausgehe, dass man mich nicht verarschen und mir nichts vormachen will. Vielleicht strahle ich deshalb auch selbst diese Glaubwürdigkeit aus. In Glaubwürdigkeit steckt auch das Adjektiv "würdig". Die Würdigkeit haben wir uns vielleicht gerade dadurch erarbeitet, dass wir ein paar Themen angegangen sind, an die sich die meisten Kindersendungen nicht trauen. Das Sterben zum Beispiel. Die Folge „Wie ist das mit dem Tod?“ wurde mit dem Erich-Kästner-Fernsehpreis geehrt. Bei Themen wie Obdachlosigkeit, Menschen mit Behinderung oder eben dem Tod, fragt man sich erst mal schon: Kann man den Kindern das zumuten? Aber wir haben uns nicht davor gescheut, Themen anzusprechen, die tief menschlich sind. Wir möchten den Kindern bewusst etwas zumuten, damit sie es auch verarbeiten können, wenn zum Beispiel jemand stirbt. Ich versuche dann wie ein großer Bruder zu sein. Ich hole die Kinder am Anfang der Sendung ab, reiche ihnen die Hand und sage: Vertraut mir! Wir betreten jetzt Neuland, aber ich bin bei euch. Ihr braucht keine Angst zu haben!

Glaubwürdigkeit wird meist in jenen Branchen gefordert, in denen es gilt, Menschen etwas zu verkaufen: Versicherungen, Bauspar- oder Handyverträge. Wie viel Verkaufsstrategie und wie viel Authentizität stecken im Fernseh-Willi? Wir drehen „Willi will’s wissen“ über drei, manchmal auch vier Tage und am Ende kommt eine Essenz von 25 Minuten raus, in der ich ein gut gelaunter Mensch bin, der ein Thema verkaufen will. Oder besser gesagt: an das Kind bringen will. Aber natürlich bin ich ein ganz normaler Mensch mit allen möglichen Launen. In der Sendung sieht man immer nur einen kleinen Ausschnitt. Wo dieser Willi, der vor der Kamera arbeitet, aufhört und wo der Privatmensch Willi anfängt, das weiß ich selbst nicht so genau. Aber was ich weiß, ist: Wenn ich mich von innen heraus ganz ehrlich für ein Thema begeistern kann und daran glaube, dann kann ich es auch glaubwürdig rüberbringen. Abgesehen von der Glaubwürdigkeit: Welche Schlüsselqualifikation ist in deinem Job besonders wichtig? Ich brauche ein Team um mich herum, in dem ich mich wohlfühlen kann. Teamfähigkeit ist also absolut notwendig. Ich könnte die Sendung nicht machen, wenn ich Starallüren hätte. Denn nicht ich habe das letzte Wort, sondern der Regisseur. Innerhalb des Teams begegnen wir uns mit großem Respekt, das ist auch nicht anders möglich. Wir arbeiten zu viert: Der Kameramann, der Tonmann, der Regisseur und ich. Wir verstehen uns gut, arbeiten deshalb auch gut zusammen und sind ein prima Team. Hier gesteht jetzt.de-Redakteurin Christina Wächter, warum sie heimlich in Willi Weitzel verliebt ist. Foto: megaherz

  • teilen
  • schließen