Die jetzt.de-Kettengeschichte, Teil 30

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Was bisher geschah: Anna jobbt an der Tankstelle und haut mitten in der Nachtschicht ab, um ihren Schwarm Gerwin Gewinner zu treffen. Doch Gerwin entpuppt sich als Verbrecher und er und seine Komplizin, die alte Liesel Maier, sperren Anna auf einem Dachboden ein. Annas Chef Paul, der sie retten will, kennt die Entführer schon aus seiner Zeit als illegaler Kunsthändler - die drei haben Kunstwerke gestohlen, die magische Kräfte haben. 

In einer Parallelrealität hat Anna inzwischen einen Roman namens "Nachtschicht" gelesen und wurde in die Geschichte hineingesogen. Ihre Freundin Rana gerät in die Fänge der Entführer, Ranas Freundin Bernhard wird ermordet. Anna und Paul flüchten in die Tankstelle, werden von einer Zombie-Armee bedroht und von einem fliegenden Einhorn gerettet...

...und Anna erwacht in einer Redaktion als Autorin einer Kolumne namens "Nachtschicht", wird aber gefeuert. Vor dem Redaktionsgebäude sitzt trifft sie auf einen geheimnisvollen Fremden und auf Gerwin - Gerwin nun allerdings als Kapitän eines Raumschiffs. Das ist natürlich alles sehr verwirrend und Anna geht mit Lavendelduft in der Nase ohnmächtig zu Boden, um im Haus ihrer Urgroßtante wieder zu erwachen. Dort bekommt sie die Möglichkeit, aus den Scherben ihrer Geschichte eine auszuwählen und zu einem beliebigen Punkt der Erzählung zurückzuspringen...

Alle vorigen Teile der Kettengeschichte kannst du hier nachlesen. Und hier kommt Teil 30 von jetzt-User Abis_Zett.

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Illustration: Julia Schubert


Anna zieht die Glasscherbe sofort wieder heraus aus ihrer Tasche. „25!“

„Sie sind ja immer noch hier, Fräulein Anna!“, brüllt der übergewichtige Redaktionsleiter. „Hatte ich Sie nicht gefeuert?“ „Schon gut, schon gut! Ich gehe ja schon! Aber es ist nicht meine Schuld. Wenn Ihnen ein Liegestuhljunge im Batmankostüm eine Zeitsprungscherbe in die Tasche steckt, dann –“ „RRRRAAAAUUUUSSSS!!!!“ Ein schwerer Glas-Aschenbecher zerschellt am Türrahmen, durch den Anna verschwindet.   Erschöpft keuchend kommt sie auf einer Parkbank wieder zu sich, den Kopf weit nach hinten übergelehnt, den Blick in den warmen, blauen Sommerhimmel. „War es nicht eine kühle Mondnacht, als ich das erste Mal rausgeschmissen wurde?“ Sie reibt sich die Augen, bis die Funken tanzen. „Ich bin einfach überreizt. Ich muss wieder zu mir kommen.“ Sie setzt sich gerade hin und zwingt sich, ruhig zu atmen. „So, Anna, jetzt mal eins nach dem anderen: Deinen Journalistenjob bist du los – aber deshalb aufgeben? Niemals! Und weshalb bist du denn Journalistin geworden? Hattest du nicht mal ein großes Ziel?“ Ein Lied kommt ihr in den Sinn – und ein Lächeln fliegt über ihre Lippen. Sie fängt an zu summen: „Muss nur noch kurz die Welt retten – danach flieg ich zu dir … – Ja, lieber Paul, danach flieg ich zu dir! Doch jetzt wird erst mal kurz die Welt gerettet! That’s what journalists are for!“  

Sie lupft die rechte Pobacke und zieht ihren Stenoblock aus der Gesäßtasche. Ein wenig verknickt ist er, nach all den Abenteuern, aber was soll’s!? Dann zückt sie ihren treuen Druckbleistift und schreibt: „Welt retten“, Doppelpunkt, unterstrichen. „Erstens?“ Sie denkt kurz nach und knabbert zärtlich am Radiergummi-Ende ihres Stifts: „IS-Terror stoppen!“ Leis kratzt der Bleistift. „Zweitens? – Ebola besiegen!“ Ist notiert. „Und drittens?“ – Hm. Sollte sie erst den Ukraine- oder erst den Nahost-Konflikt beilegen? Beides würde sie heute wohl nicht mehr schaffen, es ist gleich vier. Und zum Friseur müsste sie dringend auch mal wieder. Sie fährt sich durchs Haar. „Seit 29 Folgen nicht mehr geschnitten – und als Protagonistin will man doch ein bisschen ansprechend aussehen, gell?“ – Sei’s drum: „Konflikt ad lib. lösen (wenn noch Zeit)“ – sie schreibt’s, legt Block und Stift beiseite, streckt sich einmal kräftig und genießt noch für ein paar wohlige Sekunden die warmen Sonnenstrahlen.  

„So, auf geht’s!“ Sie strafft den Rücken und greift wieder zum Block: „Punkt 1: IS-Terror stoppen!“ Sie denkt kurz nach, dann zückt sie ihr Handy. „Ich hatte doch die Nummer von diesem Abu-Dingsbums …“ Und sie hat die Nummer tatsächlich noch – die Nummer von ihm: der Grauen Eminenz des islamistischen Terrors, dem Drahtzieher hinter jeder Gewalttat, jedem Anschlag; einem Mann, den außer ihr niemand kennt. Nur sie hatte ihn einmal interviewen dürfen, damals, als Praktikantin beim Grevenbroicher Tagblatt – weil man ihren Chef, Herrn Schlämmer, mit seiner meterlangen Alkoholfahne nicht auf einen Moslem loslassen wollte. Abu-Schnabu Abdn-Babdn war sein Name – ein deutscher Konvertit, geboren als Hans-Egon Knösickel in Hückeswagen. Anna kannte ihn noch aus dem Konfirmandenunterricht. Damals konnte er sich von zehn Geboten nicht mal drei merken – heute, so hieß es, könne er den Koran auswendig hersagen. Selbstverständlich auf Arabisch – vorwärts, rückwärts, ja sogar vorwärts und rückwärts zugleich.   „Hi, Abu! Ich bin’s, die Anna! Erinnerst du dich noch?“ Die Verbindung ist schlecht durch die bleihaltige Luft im irakisch-syrischen Grenzgebiet. Aber er erinnert sich. „Du, ich find das voll nicht gut, was ihr da macht! – Ja, wie? Natürlich weißt du, wovon ich spreche! Lasst das mal sein, ja?! – Was heißt ‚Mal sehen‘!? Ihr hört sofort auf damit, verstanden? – Ob du ver-stan-den hast!? – Na also. Versprichst du’s mir? – Ob du’s mir ver-spri-hichst!? – Supi, Abu, bist ’n Schatz. Tschaui!“  

Zufrieden lehnt sich Anna zurück, greift zu Block und Stift und zieht einen dicken Strich. „IS-Terror gestoppt! – So, what’s next?“

Du willst wissen, wie es weitergeht? Teil 30 der Kettengeschichte erscheint am 20. November.

Text: jetzt-redaktion - Illustration: Yinfinity

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