Die jetzt.de-Kettengeschichte, Teil 35

Anna ist zurück an der Tankstelle, wo ihre Reise ihren Anfang nahm. Vielleicht wird alles gut, wenn sie einfach ihre Schicht antritt? Doch da ist ja noch diese Angestellte, die ihr sehr ähnlich sieht... Der letzte Teil unserer Kettengeschichte von jetzt-User kettenraucherIn.
jetzt-redaktion

Was bisher geschah:
Anna jobbt an der Tankstelle und haut mitten in der Nachtschicht ab, um ihren Schwarm Gerwin Gewinner zu treffen. Doch Gerwin entpuppt sich als Verbrecher und er und seine Komplizin, die alte Liesel Maier, sperren Anna auf einem Dachboden ein. Annas Chef Paul, der sie retten will, kennt die Entführer schon - die drei haben gemeinsam Kunstwerke gestohlen, die magische Kräfte haben.

In einer Parallelrealität hat Anna inzwischen einen Roman namens "Nachtschicht" gelesen und wurde in die Geschichte hineingesogen. Ihre Freundin Rana gerät in die Fänge der Entführer, Ranas Freundin Bernhard wird ermordet. Anna und Paul werden von einer Zombie-Armee bedroht und von einem fliegenden Einhorn gerettet...

...und Anna erwacht in einer Redaktion als Autorin einer Kolumne namens "Nachtschicht", wird aber gefeuert. Vor dem Redaktionsgebäude trifft sie auf einen Fremden und auf Gerwin - als Kapitän eines Raumschiffs. Anna wird ohnmächtig und wacht im Haus ihrer Urgroßtante auf. Dort bekommt sie die Möglichkeit, zu einem beliebigen Punkt der Erzählung zurückzuspringen und landet wieder in der Redaktion. Ihre nächste Mission: eine erfolgreiche Journalistin werden! In einen Club trifft sie schließlich alle Figuren ihrer bisherigen Geschichte. "Du musst die Kurve kriegen, Anna, es wird Zeit", sagt Wendy Wendepunkt. Und so macht Anna sich auf den Weg zurück zur Tankstelle - und trifft dort auf eine Angestellte, die ihr sehr ähnlich sieht. Extrem ähnlich...

Alle vorigen Teile der Kettengeschichte kannst du hier nachlesen. Und hier kommt der letzte Teil von jetzt-User kettenraucherIn.

Default Bild

Illustration: Julia Schubert


Anna kneift die Augen zusammen, reibt mit ihren Fingern darüber, wendet sich dann schnell um. Zum ersten Mal seit langem zweifelt sie an sich, an ihrer Wahrnehmung, ihrem Verstand. Der Tankstellenvorbau liegt altbekannt vor ihr, gelblich erleuchtet, zwei Fahrspuren, Zapfsäulen, Super, Normal, Diesel. Dahinter die Kreisstraße, nur ab und zu belebt von den Lichtschweifen vorbeifahrender Fahrzeuge.

Schnell geht sie ein paar Schritte zur Seite, weg von der hellen Lichtinsel des Eingangsbereichs, weg von der Fensterscheibe, um die Ecke zum Leergutautomaten, den Preußen-Paule damals in einem Anfall von Hochmut hatte einbauen lassen. Sie erinnert sich noch genau an seine Worte von damals: "Wenn die Leute schon alle ihre Flaschen bei mir abgeben müssen, dann bitte wenigstens nicht in meinem Shop, wie schaut das denn aus!"

Die Schultern angespannt, die Hände in den Taschen zusammengeballt, spürt sie kaltes Metall. Ihr Schlüssel! Den hatte sie ja ganz vergessen. Vielleicht würde sich ja alles klären, wenn sie ganz normal zur Schicht erschiene.

"Verdammt, meine Schicht! Ich bin sicher schon viel zu spät!", denkt sie mit einem Anflug von Panik, denn wenn Paule eines nicht duldet, dann sind es Verspätungen. Aber alles in Ordnung, er hat ja immerhin schnell einen Ersatz gefunden, das wird schon passen. Jetzt aber besser Beeilung.

Trotzdem sind ihre Finger leicht zittrig, als sie den Schlüssel aus der Hosentasche zieht, den klobigen Sicherheitsschlüssel, der ihr den Weg durch den Lieferanteneingang öffnet.

An den Flaschen und Bierkästen vorbei geht sie in den Raum, findet auch tatsächlich ein Poloshirt mit dem Aufdruck der Mineralölgesellschaft, ihre Arbeitskleidung. Sie öffnet die Tür zum Verkaufsraum, gleißend hell strahlt ihr das Licht in die Augen, als sie Richtung Kasse geht, die Verkäuferin wendet sich ihr zu und setzt zum Lächeln an.

Ein erstarrtes Grinsen, einen zum Schrei geöffneten Mund später ist sie wieder draußen, läuft weg, bleibt erst wieder stehen, als die Tankstelle hinter ihr kleiner geworden ist. "Ich brauche eine Intervention", denkt sie sich, "Paule, Wendy, Liesl! Ich bin in einer Welt, die mich nicht braucht, ein Artefakt der Raumzeit, ausgespuckt, allein!" Doch nichts passiert, außer, dass ein Auto besonders dicht und besonders schnell an ihr vorbeifährt.

Der Horizont beginnt langsam zu zerfasern, beinahe unmerklich verschwindet der Geruch nach Lavendel, der ihr bis dahin gar nicht mehr aufgefallen war, dafür riecht sie die Wiese, die Bäume, die klare, kalte Luft, und was ist das, da, unter dem Rauschen der Nacht? Eine Stimme?

Später würde sie ab und zu von dem Erlebten erzählen und meistens schloß sie ihre Geschichte mit der Bemerkung ab, dass sie noch nie so froh gewesen sei, wieder in der Realität angekommen zu sein.


Text: jetzt-redaktion - Illustration: Yinfinity

  • teilen
  • schließen