Die jetzt.de-Kettengeschichte, Teil 6

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Was bisher geschah: Unsere Protagonistin, die Tankstellen-Angestellte Anna (die kurzzeitig in "Kunigunde" umbenannt und wieder zurückbenannt wurde), ist vor ihrem öden Job und ihrem akribischen Chef Paul Wisselmann aka "Preußen-Paule" geflohen - auf einem Traktor und gemeinsam mit der geheimnisvollen Figur Wendy Wendepunkt, die Geschichten gerne eine neue Richtung gibt. Ihr Ziel: Das Mensch-ärgere-dich-nicht-Turnier, bei dem Annas großer Schwarm Gerwin Gewinner antritt. Nachdem Wendy Wendepunkt sich in Rauch aufgelöst hat, ist Anna einer guten Fee begegnet, die sie in die märchenhafte Welt des Turniers entlassen hat, in der Gerwin eine Art Prinz und sie selbst eine Art Prinzessin im Ballkleid wurde.

Alle vorigen Teile der Kettengeschichte kannst du übrigens hier nachlesen. Und hier kommt Teil 6 von jetzt-User eha - und ein Perspektivwechsel:

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Illustration: Julia Schubert



Preußen-Paule schreckt auf. Wo ist er? Er ertappt den Lichtschalter. Ein kurzer, benommener Schwenk seiner rot geränderten Augen. Er liegt auf der Matratze, die er vor Jahren einmal vorsorglich in dem romanischen Gewölbe unter seiner Tankstelle deponiert hat.

Er erinnert sich: Die seltsamen Leute heute, der junge Mann, die ältere Dame, und eine ansonsten unkenntliche Person in einem, na ja, Feenkostüm. Kamen hier mit einem Traktor an, kurz vor Ende der Tagschicht. Tankten nicht, kauften nichts, lungerten nur eine Weile an ihrem alten Dieselross herum, bis schließlich der Bursche zu ihm in den Verkaufsraum kam – nein: schlich! „Kommt Kuni…kommt Anna heute nicht?“ – „Wer will das wissen?“, fragte Paul, der eigentlich aus Freilassing stammt, aber den alle nach einer kurzen beruflichen Episode in Braunschweig nur noch Preußen-Paule nennen, wo er diesen Deppen am Stammtisch doch schon tausendmal erklärt hat, dass Braunschweig noch niemals Preußen war. „Ich bin ein alter Freund.“ Na, so alt kann das Bürscherl ja noch gar nicht sein, dass er ein ‚alter‘ Freund sein könnte. Leute, die nichts kaufen, machen Paul misstrauisch. Seit seiner Jugend mit den Lehren von Marx und Mao vertraut, war er durch und durch Materialist. Paul sagte nichts mehr. Eine peinliche Pause entstand. Anders als Pausen, die manchmal in Gespräch entstehen,  in denen zwei besondere Menschen erkennen, dass ihnen die Pause nicht peinlich ist und sie, wie schon gesagt, einen besonderen Menschen getroffen haben, mit dem man sich auch ohne Worte versteht (Anna ist manchmal so ein Mensch für Paul, vielleicht bildet er sich das aber nur ein), war diese Pause dem jungen Mann deutlich merkbar sehr unangenehm. Er schien einen Ausweg aus der Gesprächssituation zu suchen, sein Blick streifte über die Glasfront des Tankstellengebäudes. „Dürfte ich hier ein Plakat aufhängen? Eigentlich wollte ich Anna darum bitten.“ Diesem Schnösel einen Wunsch zu erfüllen, noch dazu ohne Gegenleistung, widerstrebte Paul. Aber was, so schoss es ihm durch den Kopf, wenn dieser Kerl, der von den beiden komischen Figuren, die noch immer am Traktor lehnten, neugierig beobachtet wurde, wirklich ein Freund Annas war? Das würde ihn bei Anna in einem schlechten Licht dastehen lassen. Gerade jetzt, wo sie sich mit seiner peniblen Art, das Geschäft zu führen, angefreundet, wenigstens abgefunden zu haben schien. „Aber nicht zu nah am Eingang.“ raunzte Paul. „Mensch-Ärgere-Dich-Nicht-Turnier“ las er auf dem Plakat, dass der Bube (wieso fielen ihm plötzlich so altertümliche Wörter ein?) flugs auszurollen begann. So was denken sich Schreiberlinge aus, wenn sie eine Mindestzeichenzahl abgeben sollen. Aber welcher komplett hirnamputierte Volldepp setzt den Beginn eines Brettspielabends um 3 Uhr in der Früh an? Er hatte einen Moment lang zu intensiv gegrübelt, war nur für wenige Sekunden unaufmerksam; der „Freund“ Annens war entfleucht. Auch seine Begleitung war entschwunden, ohne dass Paul es erinnert hätte. Irgendetwas stimmte hier nicht. Angst bemächtigte sich seiner, nicht um sein altes Tankwartleben, er hatte schon mehr Abenteuer erlebt, als sie normalerweise der Gesamtbevölkerung Freilassings in 100 Jahren widerfahren könnten. Diese Bande führte etwas gegen Anna im Schilde. Er beschloss, die Nacht hindurch über Anna zu wachen, und zwar von unter der Tankstelle. Inmitten der Benzin- und Dieseldämpfe musste er eingeschlafen sein.

Wie lange ist es jetzt her, dass er – von einem Krachen, wurde ihm gewahr – aufgeschreckt wurde? Wieso sinniert er so lange über die Ereignisse des Tages, wo sie sich doch hier und jetzt offensichtlich überschlagen? Paul rappelt sich auf, schleicht die mit Kalkstein belegte Wendeltreppe empor und gelangt durch eine schwere Bodentür in den Lagerraum des Tankstellenladens. Er hastet nach vorne, den Zapfsäulen (an einer war ein demoliertes Auto abgestellt) entgegen, auf den Vorplatz, der ansonsten menschenleer ist. In der Ferne das unverkennbare Knattern eines Zweizylinder-Traktordiesels.

Du willst wissen, wie es weitergeht? Teil 7 der Kettengeschichte erscheint am Donnerstag, den 05.06.

Text: jetzt-redaktion - Illustration: Yinfinity

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