Die jetzt.de-Kettengeschichte, Teil 7

Preußen-Paule verletzt seine Prinzipien und erinnert sich währenddessen an seine ärmliche Kindheit. Und dann bekommt er einen seltsamen Anruf... Teil 7 unserer Kettengeschichte von jetzt-User Volere.
jetzt-redaktion

Was bisher geschah: Die Tankstellen-Angestellte Anna ist nach einem seltsamen Besuch von zwei seltsamen Gestalten vor ihrem öden Job und ihrem akribischen Chef Paul Wisselmann aka "Preußen-Paule" geflohen - auf einem Traktor. Ihr Ziel: Das Mensch-ärgere-dich-nicht-Turnier, bei dem Annas großer Schwarm Gerwin Gewinner antritt. Dort ist Anna einer guten Fee begegnet, die sie in die seltsame, märchenhafte Welt des Turniers entlassen hat. Etwa zeitgleich erwacht Preußen-Paule in seinem Geheimversteck unter der Tankstelle, in dem er eigentlich über Anna wachen wollte, und sinniert über die seltsamen Ereignisse des Abends nach.

Alle vorigen Teile der Kettengeschichte kannst du übrigens hier nachlesen. Und hier kommt Teil 7 von jetzt-User Volere:

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Illustration: Julia Schubert


Nie wieder Preußen-Paule. Der Gedanke erscheint in seinem Kopf ohne Vorwarnung. Ohne dass er weiß, woher die Gewissheit kommt, weiß er, dass Preußen-Paule gestorben ist. Vor Zehn Minuten ist er aus der Tankstelle gestürmt und hatte sich ohne nachzudenken in sein Auto gesetzt. In dem Moment, als er den Zündschlüssel umdrehte, war Preußen-Paule verschwunden. Ab heute gibt es nur noch Paul. Einfach nur Paul.

Der Wagen rollt durch die Nacht. Oder eher durch den gerade beginnenden Morgen, wie Paul findet. Obwohl es immer noch stockfinster ist, hat Paul das Gefühl, Nacht sei der falsche Begriff. Es ist die Uhrzeit, in der die Kunden in der Tankstelle immer so einen komischen Gesichtsausdruck bekommen. Als ob sie wüssten, dass alles, was sie jetzt noch machen, außer schlafen, auf eine bestimmte Weise falsch ist. Zumindest ist das die Erfahrung, die er gemacht hat, als er die Nachtschichten in der Tankstelle noch selbst übernommen hat. In seiner Anfangszeit im Tankstellengeschäft. Jetzt hat er ja Anna. Wobei „hat“ komisch klingt. Natürlich hat er Anna als Mitarbeiterin, aber irgendwie hört es sich falsch an. Als wenn er sich dafür schämen müsste, zu glauben, er würde Anna besitzen. Als sei es frivol von ihm, sich nicht eine andere Formulierung für diesen Gedanken zu überlegen.

Er schiebt den Gedanken beiseite und blickt auf die Straße. Um ihn herum herrscht dunkle Leere. Bis auf den Lichtkegel vor seinem Auto und die Sternen am Himmel. Als er losgefahren ist, hat er noch keinen richtigen Plan gefasst. Er weiß nur, dass er dem Traktor folgen muss. Das hört sich im ersten Moment nach einem guten Plan an, da der Traktor ziemlich laut ist. Als er aber jetzt nach dem Geräusch horcht, hört er nichts außer seinem Auto. Theoretisch hätte er den Trecker schon längst eingeholt haben müssen.

Paul hält den Wagen am Rand der Landstraße an. Er schaut in die dunkle Nacht hinaus und überlegt. Ach Paule, mein kleiner Held. Das ist die Stimme seiner Mutter, in seinem Kopf. Er ist wieder zehn und steht im Garten. Bekleidet mit einem Betttuch und einer ausgeblichenen grünen Badehose. Das Betttuch hat er sich als Umhang umgebunden. Seine Mutter steht vor ihm und lächelt. Doch Paule erkennt sofort die Verzweiflung hinter ihrem Lächeln. Es ist die Verzweiflung darüber, dass ihr Sohn in einer Welt lebt, in der es Helden gibt. In der Welt seiner Mutter gibt es keine Helden, nur harte Arbeit. Ihre Welt besteht aus Nachtschichten, zu wenig Geld und dem schlechten Gewissen darüber, ihrem Sohn kein besseres Leben bieten zu können. Seit Paul denken kann, mussten sie sparen.

Paul öffnet die Augen. Was macht er eigentlich hier? Was stellt er sich vor? Einfach losfahren und als großer Retter Anna vor...ja, vor wem eigentlich retten? Jetzt, wo er drüber nachdenkt, weiß er nicht einmal, ob er die Tankstelle abgeschlossen hat. Was ist bloß in ihn gefahren? Wie kann er so fahrlässig mit den Dingen umgehen, die er sich in den letzten Jahren aufgebaut hat?

Er schreckt auf, da es in seiner Hosentasche vibriert. Er ist so erschrocken, dass er es fast nicht schafft, sein Telefon aus der Tasche zu bekommen. 

Er starrt auf das Display und es dauert etwas, bis er realisiert, was er da sieht. Auf dem Display steht „Anna“. Er muss sich dazu zwingen, das Telefon an sein Ohr zu halten. Erst hört er nur das Rauschen und Knistern, doch dann ist Anna da und sagt: „Hilf mir“.

Du willst wissen wie es weitergeht? Teil 8 der Kettengeschichte erscheint am Donnerstag, den 12.06.

Text: jetzt-redaktion - Illustration: Yinfinity

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