Froh zu sein, bedarf es wenig

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Heute: Froh zu sein, bedarf es wenig Darum geht’s: Think positive! Wenn du es willst, dann geht es auch. Glück kann einfach sein – wenn du willst. Du musst nur darüber hinweg sehen, dass du beruflich nicht vorankommst, eine Niete im Sport bist und deine Eltern sich für dich schämen. Natürlich auch darüber, dass du dich für diverse Körperteile schämst, weil sie zu klein geraten sind. Wer die Realität ausblendet, kann auch nicht unter der Realität leiden. Dann ist es nur noch ein Katzensprung – und man ist der große Monarch der Fröhlichkeit. Tschaka, du schaffst es!

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Illustration: Julia Schubert

Warum wir dieses Lied gesungen haben: 1. Fräulein Hettwer hat uns das Lied beigebracht. 2. Trotz ihres seltsamen Namens war Fräulein Hettwer eine großartig aussehende, ungebundene 25-jährige, die gerade erst ihr Musikstudium abgeschlossen hatte und sehr enthusiastisch junge Menschen an das Wunder der Musik heranführen wollte. 3. Wir wollten froh sein. 4. Wir ahnten nicht, dass der Text eine einzige Lüge ist. Heute wissen wir: Think negative! Glück ist gar nicht einfach. Im Gegenteil: Es ist fürchterlich schwierig, unbeschwert und fröhlich zu sein, wenn man beruflich versagt, eine Niete im Sport ist und die Eltern sich für einen schämen. Erst recht, wenn man sich selbst für diverse Körperteile schämt, weil sie zu klein geraten sind. Die Realität ist die Realität ist die Realität. Vier Zentimeter zu wenig sind vier Zentimeter zu wenig sind vier Zentimeter zu wenig. Genau das werden sie auch immer sein – und es bringt auch nicht viel, sich einzureden, es wären nur drei oder zweieinhalb. Das Leben ist weder ein Ponyhof noch ein Wunschkonzert. Das war es nie. Mit anderen Worten: „Du bist scheiße.“ Und: „Auch Anarchisten bügeln nachts heimlich ihre McDonald’s-Uniform, um am nächsten Tag keinen Anschiss auf der Arbeit zu bekommen.“ Außerdem: Unser großer Bruder hatte ohne jeden Zweifel Recht, als er uns verprügelt hat. Warum? Weil wir das Lied bei seinem ersten Liebeskummer zu seiner Aufheiterung gesungen haben. Fräulein Hettwer hatte eben doch nicht so viel Ahnung vom Leben wie wir dachten. Ein paar Jahre Studium können einen echt der Realität entrücken… Text, der genauso gut zur Melodie passt: Fußfetischisten-Hymne: Diese Frau ist eine Süße, hat so stinkende Schweißfüße. Strip-Poker-Weise: Nackt zu sein, bedarf’s nicht viel. Nur ein bisschen Pech im Spiel. Metzger-Song: Für die Wurst schlachte ich Rinder. Und vielleicht noch ein, zwei Kinder. Melker-Lied: Gebt viel Milch, ihr lieben Kühe. Denn sonst gibt es Rinderbrühe. Kapitalisten-Kanon: Reich zu sein, bedarf es viel. Und wer reich ist, ist am Ziel. Illustration: Daniela Pass

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