Kinder an die Macht

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Heute: Kinder an die Macht Darum geht’s: Die Welt ist schlecht. Böse Erwachsene rotten sich hemmungslos zu bösen Armeen zusammen und schießen mit bösen Panzern unschuldige Menschen tot. Doch alles könnte so viel besser sein – wenn, ja wenn Kinder an der Macht wären. Denn hätten die lieben Kleinen das Kommando, dann wären die Armeen aus Gummibärchen und die Panzer aus Marzipan. Außerdem gäbe es natürlich voll die Super-Duper-Riesen-Erdbeereis-Portionen gegen Unterdrückung. Kein Schokoladen-Überzug, damit es keine politisch inkorrekten Bemerkungen gibt (und wer Schokoschaumküsse „Negerküsse“ nennt, ist ein Doofmann).

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Illustration: Julia Schubert

Kinder an der Macht essen einfach alle Kriege auf: Hmm, lecker, ein Bürgerkrieg. Dann ein Guerilla-Krieg mit Zuckerguss und Waffel. Sehr zu empfehlen ist aber auch der Luftangriff mit Sahne – obwohl der Magen gelegentlich Kollateralschäden erleidet. Auf diese Weise erreichen wir nicht nur den Weltfrieden und sparen jede Menge Geld für Blauhelme. Gleichzeitig gibt es auf der Welt nie mehr Hunger. Wenn alle Erwachsenen Kinder wären, wär’s paradiesisch hier … Warum wir dieses Lied gesungen haben: Wie hätten wir das Lied nicht singen könnten? Papa spielte die Platten von „Herrn Grölemeyer“ ja fast jeden Tag. Da dröhnte vieles aus den Lautsprechern, was wir nicht verstanden haben: Texte über Gefühle, die mit geheimnisvoller Magie überlaufen, Frauen, die Staub auf der Seele wischen, und Vollmonde, die Heiligenscheine machen sollen. Komische Wortkombinationen, die wir vielleicht auch nicht alle akustisch korrekt verstanden haben. Denn Herr Grölemeyer grölte immer ein bisschen undeutlich. Doch bei dem Hit „Kinder an die Macht“ konnten und wollten wir auf Anhieb mitgrölen – jedenfalls die Worte „Kinder an die Macht“. Den Rest haben wir mal wieder nicht so ganz verstanden, aber das war uns egal: Die Botschaft fanden wir überzeugend und richtig. Papa fand das Lied übrigens auch gut. Trotzdem wollte er sich nicht von uns zur Strafe Hausarrest geben lassen, wenn er die Musik mal wieder zu laut aufgedreht hatte. Er mag Musik nur, wenn sie laut ist. Heute wissen wir: Eltern, die laut Musik hören, sind cool. Negerküsse sind Negerküsse – alles andere ist albern. Herr Grölemeyer heißt Herbert Grönemeyer. Er schreibt gute deutsche Popmusik, vor allem, seit er nur noch ganz selten politisch wird. Liebe ist eh ein besseres Thema für Songs als Kriege. Denn anders als bei der Liebe sollte man bei Kriegen besser nichts in den Mund nehmen. Die Wahrheit ist nämlich: Kriege kann man gar nicht essen. Sie sind immer ekelhaft. Ganz egal, wer regiert. Kinder würden das auch nicht anders machen, weil Kinder auch nur Menschen sind. Fragt doch einfach mal die Lehrer an der Berliner Rütli-Hauptschule. Text, der genauso gut zur Melodie passt: Der Bundeswehr-Grundausbildungs-Song: Schinder an der Macht Für dich keine Gummibärchen und erst recht kein Marzipan. Die Bundeswehr is’ nix zum Essen. Beiß ruhig zu, voll hart wie Stahl. Es gibt kein Ich, es gibt nur Truppe. Es gibt kein Bunt, es gibt nur Grün. Schnell nachts ausrücken, um zu unterdrücken gibt’s Gepäckmarsch – zu jeder Zeit. Immer für ’ne Überraschung gut. Die Schinder haben das Kommando. Dir wird gleich alles wehtun. Über dich herrschen Schinderhände. Der Spaß hat ein Ende: Hier wird jetzt Grundausbildung gemacht: Schinder an der Macht. Sie sind gottverdammte Sadisten. Lieben den Job, duschen mit. Gewähren null Rechte, tausend Pflichten. Mit ungehemmter Kraft, ekelhaft. Lächerlicher Stolz. Die Schinder haben das Kommando … Illustration: Daniela Pass

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