Kinderlieder neu gehört: Bolle reiste jüngst zu Pfingsten...

Die schönsten Kinderlieder - gesungen haben wir sie alle. Aber haben wir sie auch richtig verstanden? Tobias Peter analysiert den Soundtrack der Spielplätze und Jugendgruppen.
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Heute: Bolle reiste jüngst zu Pfingsten... Darum geht’s: Bolle muss die Hosen runter lassen. Nicht weil seine Alte zärtlich zu ihm sein und ihm den Hintern küssen möchte. Bolle bekommt bombastisch sein Gesäß versohlt. Ohne seine Frau zu fragen, ist er mit dem Kleinsten im Sonderzug nach Pankow gefahren. Weil der den Wusch hatte, da irgendwie hin zu kommen. Dort hat er dann das Kind verloren, was ihn ungefähr 30 Minuten lang zumindest noch irgendwie irritiert hat. Danach hat sich Bolle feste jeprügelt. OK, wenn Bolle fünf Männer mit dem Messer perforieren möchte, soll er doch, denkt sich seine Alte: „Ich hätte ja auch auf meine Mutter hören können, jetzt muss ich damit leben, einen Mann zu haben, der nicht perfekt ist.“ Doch dass er ohne Hemdkragen und mit zu wenig Knöpfen zurückkommt: dafür muss es einfach richtig was setzen. Bolle kann sein Fehlverhalten noch nicht mal mit Alkohol entschuldigen – das Bier in Pankow war von Touristen leer gesoffen. Er weiß, er hat es verdient: Deshalb legt Bolle sich bei seiner Frau übers Knie und lässt sie ordentlich drauflos klopfen. Was soll’s, andere bezahlen ja angeblich viel Geld für so was. Autsch! Autsch! Aauuuuuuuh… Aber dennoch hat sich Bolle janz köstlich amüsiert.

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Illustration: Julia Schubert

Warum wir dieses Lied gesungen haben: Wow, Pankow! Das klang nach Erdbeer-Milchshake mit Wodka, was immer das war. Das klang nach drei Beutel Ahoi Brause mit unterschiedlicher Geschmacksrichtung in einen Becher gießen – und auf Ex wegziehen. Pankow musste die Welthauptstadt des Abenteuers sein. Was der Bolle da alles erlebt hat. Junge weg, Butterstulle weg, Hemdkragen weg. Dann auch noch das teure Taschenmesser in der Brust von irgendeinem Typen vergessen. Oh Mann! Bolle, ein tragischer Held. Geschickt ermöglichen die Autoren des Lieds dem jungen Zielpublikum die Identifikation mit der (bereits älteren) Hauptfigur Bolle, indem sie auf das Leitmotiv des Arschvolls zurückgreifen: da konnten wir mitfühlen, da kannten wir uns aus. Da entstand ein unumstößliches Gefühlsband, direkt zwischen Bolles und unserem eigenen Hintern. Janz köstlich amüsiert haben wir uns über die j-für-g-Geschichte – und da haben wir auch selbst viel dran rumprobiert. Denn „Gips gibt's in der Gipsfabrik, und wenn's in der Gipsfabrik keinen Gips gibt, dann gibt's keinen Gips“ ist ein total langweiliger Zungenbrecher. Besser ist: Jips jibt’s in der Jipsfabrik, und wenn’s in der Jipsfabrik keinen Jips jibt, dann jibt’s keinen Jips. Jeil und jenial. Heute wissen wir: Es gibt kein Bier in Pankow, Touristen erst recht nicht. Wenn jemand ein Kind verliert, dann soll er es gefälligst an einem spannenden Ort tun: San Francisco, New York, Melbourne. So ist auch dem Kind gedient. Bolle ist ein Depp. Denn für Eltern gibt es dank des internationalen Organ- und Menschenhandels finanziell höchst attraktive Möglichkeiten, ihre Kinder zu entsorgen. Reinste Geldverschwendung, sie auf dem Rummel zu verlieren. Jetzt bloß nicht zynisch werden – sonst gibt es böse Leserbriefe. Janz böse Leserbriefe sogar, fürchte ich. J für g klingt jar nicht jut, sondern von jestern. G für j wär’ auch nicht zum Gubeln. Eher gämmerlich. Meint auch Gürgen. Es sei denn, man würde auch noch das w durch das j ersetzen. Denn dann käme man zu sehr unterhaltsamen Redewendungen wie: „den Gürgen jürgen“. Eigentlich ist die deutsche Sprache schön, so wie sie ist. Unsere Wohnung ist schön, so wie sie ist. Deshalb machen wir keinen Urlaub in Pankow oder Paris. Lieber legen wir uns auf den eigenen Balkon. Dort fläzen wir uns genüsslich mit einem selbst gemixten „Sex on the beach“ auf eine Plastikliege. Selbstverständlich nackt, um nahtlose Bräune zu gewinnen. Das ist auch ein Gewinn für die nette 83-jährige Frau Liebig von gegenüber, die immer so nett grüßt und manchmal einen Kuchen vorbeibringt. Ihr Herrmann ist ja, ach, schon drei Jahr’ unter der der Erde und sah zum Schluss auch nicht mehr so taufrisch aus. Gut, gut, wenn die Generationen so gut zueinander sind. Text, der genauso gut zur Melodie passt: Kalle reiste jüngst nach Malle, Ballermann war sein Ziel. Da verlor er seine Liebste janz plötzlich im Jewühl. Beinahe zehn Minuten hat er nach ihr jespürt. Aber dennoch hat sich Kalle janz köstlich amüsiert. Auf Malle gab’s kein Schnaps, auf Malle gab’s kein Bier. War alles leer jesoffen von fremden Jästen hier. Nich mal ’nen Eimer Brennsprit hat man ihm reserviert. Aber dennoch hat sich Kalle janz köstlich amüsiert. Am Strand von Arenal da jab’s ’ne Keilerei. Und Kalle jar nicht feige war feste mang dabei. Hat sein Ding rausgezogen, auf fünfe uriniert. Aber dennoch hat sich Kalle janz köstlich amüsiert. Es fing schon an zu tagen, als er’s Hotel erblickt. Sein Hosenstall stand offen, der Slip, der war verrückt. Am Hals einen Knutschfleck und völlig unkaschiert. Aber dennoch hat sich Kalle janz köstlich amüsiert. Als er dann im Hotel war, da ging’s im aber schlecht. Denn da hat ihn seine Liebste janz mörderisch verdrescht. Ne volle halbe Stunde hat sie auf ihm poliert. Gerade deshalb hat sich Kalle janz köstlich amüsiert. Illu: daniela-pass

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