Kinderlieder neu gehört: die Affen rasen durch den Wald

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Heute: Die Affen rasen durch den Wald Darum geht’s: Die gesamte Affenpopulation, das find’ ich voll homo, ist vom homo sapiens in Zoos eingesperrt oder zu Rindermettwurst verarbeitet worden. Moment mal! Die gesamte Affenpopulation? Nein, nein, nein. Eine kleine, unbeugsame Affenhorde lebt frei, wild und ungezwungen im Wald. Denn diese Affen sind im Besitz der magischen Kokosnuss, die ihnen überäffliche und übermenschliche Kräfte verleiht. Wer diese Affen besiegen will, bekommt was auf die Nuss. Doch plötzlich ist sie weg, die Nuss! Katastrophe! Die Freiheit der Affen ist gefährdet. Ohne Nuss schläft der Affenchef heut’ Nacht nicht ein, ohne Nuss geht er nicht heim. Die ganze Affenbande brüllt: „Wo ist die Kokosnuss? Wo ist die Kokosnuss? Wer hat die Kokosnuss geklaut?“ Die Affenmama angelt am Fluss nach der Kokosnuss. Aber vielleicht tut sie ja nur so, als ob sie sucht – weil sie die Kokosnuss im heimischen Affenkühlschrank versteckt hat. Oder aber der Affenmilchmann, dieser Knilch, hat sich das Ding gekrallt, um die Kokosmilchpreise in die Höhe zu treiben. Jeder verdächtigt jeden, der eine macht den anderen kalt. Doch dann löst sich das Drama zum Glück auf: Das Affenbaby hat sich die Nuss nur zum Spielen genommen.

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Illustration: Julia Schubert

Warum wir dieses Lied gesungen haben: Ein Haus, ein Äffchen und ein Pferd wollten wir haben – denn, Junge oder Mädchen, wir wollten sein wie Pippilotta Viktualia Rollgardina Pfefferminz Efraimstochter Langstrumpf. Doch wir lebten nicht in der Villa Kunterbunt, sondern in einer Vorstadt-Mietskaserne: Die Unterbringung und Verpflegung eines Pferdes wäre vermutlich teurer gewesen als die Warmmiete unserer Familienwohnung. Rollgardina und Pfefferminz wollte der Standesbeamte nicht als Namen anerkennen. Die Eltern von Tommy und Annika waren Alkoholiker, weshalb unsere Eltern nicht erlaubt haben, dass wir mit ihnen spielen. Keine Flugreise nach Taka-Tuka-Land, keine Abenteuer, kein ständiges Missachten von Regeln – da musste doch wenigstens ein kleines Äffchen wie Herr Nilsson drin sein! Ein verschissenes, kleines Äffchen – das konnte doch vom Leben nicht zu viel verlangt sein! Doch auch hier sagten unsere verschissenen Eltern nur nein, nein, nein. Trotzig haben wir dann immer das Lied von den Affen gebrüllt, die durch den Wald rasen und sich kaltmachen. Kaltgemacht haben wir unsere Eltern nie – dann hätten wir ja keine mehr gehabt. Davon hätten wir auch kein Äffchen bekommen. Heute wissen wir: Die Sache mit den Affen und der Kokosnuss ist eine Metapher: Genauso brüllend und blind wie der Affe der Nuss, jagt der Mensch dem Geld hinterher. Kapitalismuskritik pur. Für diese Parabel-Interpretation hätten wir von unserem Gesamtschul-Deutsch-Lehrer eine Einsplus bekommen. Am bayerischen Gymnasium hätte es ein „Mangelhaft“ gesetzt. Zensuren sind unwesentlich. Wichtiger ist: Wir hätten ein Äffchen haben können. Wir hätten sogar gemeinsam mit einem Äffchen im Bett übernachten können, wenn wir zu Michael Jackson auf die Neverland-Ranch gezogen wären. Dann könnten wir ihm jetzt auch den Arsch wegen angeblicher sexueller Belästigung wegklagen – für ihn wäre das ja egal, lässt er sich einfach einen neuen machen, wie bei der Nase. Hätte, könnte, wäre: alles vorbei. Das Leben ist voller verlorener Möglichkeiten. Es ist schrecklich ungerecht. Dennoch kann das alles schon okay sein – solange du nicht so genau nachfragst, was in der Rindermettwurst drin ist. So schlecht geht es den Tieren im Zoo nun auch wieder nicht. Text, der genauso gut zur Melodie passt: Heuschrecken rasen um die Welt. Und ihnen geht es nur ums Geld. Ja, die Heuschreckenbande brüllt: Wo ist der Shareholder, wo ist der Shareholder, wo ist der Shareholder Value-hu-hu? Wo ist der Shareholder, wo ist der Shareholder, wo ist der Shareholder Value?

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