Kinderlieder neu gehört: Meine Oma fährt im Hühnerstall Motorrad

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Heute: Meine Oma fährt im Hühnerstall Motorrad Darum geht’s: Großmütterchen ist ein verrücktes Huhn. Und verrückte Hühner bleiben nicht ruhig auf ihrer Stange sitzen. Sie sitzen nicht nur dumm rum und trinken Tee. Erst recht lassen sich nicht vom Pfleger im Altenheim gewaltsam am Bett fixieren. Komme, was da wolle, Herzprobleme, Cholesterin oder Inkontinenz: Oma gibt Gas und fährt im Hühnerstall Motorrad. Einfach weil sie das bewegende Gefühl unterm Hintern mag. Weil’s ihr Spaß macht. Weil Großmütterchen trotz ihrer unzähligen Jahre noch immer eine rattenscharfe Biker-Braut ist. Wer so unglaublich gut drauf ist, lässt sich auf Kaffeefahrten natürlich keinen Schrott wie heilende Heizkissen oder auch Rücken schonende Magnetmatratzen andrehen. Pah, was für ein Müll! Stattdessen hat Oma ihre gesamte Rente (und darüber hinaus ein paar Tausend Euro vom Kredithai) in Senioren-Lifestyle-Premium-Produkte für Fortgeschrittene investiert: Nachttopf mit Beleuchtung, Radio im hohlen Zahn, Waschbecken mit Sprungbett, Handstock mit Rücklicht und Brille mit Gardine.

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Illustration: Julia Schubert

Illustration: daniela-pass Warum wir dieses Lied gesungen haben: Mama und Papa hatten uns alles verboten, was so richtig Spaß macht. Egal ob wir sechzehn Stunden ununterbrochen fernsehen, das Mittagessen durch die Nase zu uns nehmen oder bedeutende historische Schlachten mit Playmobil auf dem Wohnzimmerglastisch nachspielen wollten – jedes Mal hieß es nur: nein, nein, nein. Bei Zuwiderhandlungen gab es gelegentlich, wie heißt es so poetisch, einen Arschvoll. Das war nicht schön – dann aber auch wieder nicht so schlimm, dass es uns von der Verwirklichung unserer Träume abgehalten hätte. Jeder Traum braucht nur den richtigen Ort. Denn wenn wir allein bei Oma zu Besuch waren, durften wir alles. Manchmal fragte sie: „Deine Eltern schimpfen mich deswegen nachher aber nicht, oder?“ Wahrheitsgemäß haben wir geantwortet: „Nicht, wenn wir ihnen nichts davon erzählen.“ Großmütterchen lächelte verschmitzt. Dann ging sie in die Küche. Kurz darauf kam sie mit zwei Packungen „Nimm zwei“ zurück. Sollte doch niemand behaupten können, Oma würde nicht darauf achten, dass wir eine gesunde und vitaminreiche Ernährung erhalten. Sie war einfach die klügste Frau der Welt. Heute wissen wir: Oma war nicht immer so toll. Als 17-Jährige war sie eine glühende Verehrerin des Nationalsozialismus und wollte dem Führer möglichst schnell möglichst viele blonde und blauäugige Kinder als Kanonenfutter schenken. Wurde zum Glück nichts draus, weil der Krieg dann bald vorbei war. Kinder bekam sie natürlich trotzdem – und die bekamen häufig mal einen Arschvoll. Hat ja auch noch keinem geschadet, sagte sie immer. Jedenfalls hat unser Vater so frühzeitig unter Einsatz seines eigenen Hinterns die Erziehungsmethoden kennen gelernt, die er dann später unumwunden an uns weitergegeben hat. Unseren Großvater hat die Oma mit ihrer ständigen Nörgelei zwanzig Jahre zu früh ins Grab getrieben: Der Arme wollte einfach mal seine Ruhe haben, Gott hab ihn selig. Gegen Ende ihres Lebens war Oma dann ganz anders. Jetzt vielleicht nicht gleich ein verrücktes Huhn. Aber viel entspannter als je zuvor. Alterweise erkannte sie: Großeltern haben die Aufgabe, großzügig zu sein – nicht nur mit Bonbons. Danke dafür, Oma! Das Radio im Zahn und der Nachttopf mit Beleuchtung waren übrigens echt eine tolle Show. Hättest du dich nur nicht mit dem Kredithai angelegt, wir hätten noch ein paar Jahre mehr von dir haben können. Alles hat seine Zeit. Irgendwann werden auch wir vom Pfleger gewaltsam am Bett fixiert. Dann is’ nix mehr mit Motorradfahren. Bis dahin sollten wir’s genießen. Text, der genauso gut zur Melodie passt: Meine Oma fuhr im Hühnerstall Motorrad, Motorrad, Motorrad. Meine Oma fuhr im Hühnerstall Motorrad. Meine Oma war ’ne ganz patente Frau.

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