Mein Hut, der hat drei Ecken

Die schönsten Kinderlieder - gesungen haben wir sie alle. Aber haben wir sie auch richtig verstanden? Tobias Peter analysiert den Soundtrack der Spielplätze und Jugendgruppen.
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Heute: Mein Hut, der hat drei Ecken Darum geht’s: Für alles und jeden gibt es in diesem Land eine Gruppe! Die Autofahrer zum Beispiel haben den ADAC. Erzkonservative haben die Katholische Deutsche Bischofskonferenz, während für schwule Priester die Arbeitsgruppe „Homosexualität und Kirche“ zuständig ist. Die Interessen deutscher Flipper-Automaten sind im 1. Verein Deutscher Flipperfreunde organisiert. Nur Hüte haben keine Lobby: Kaum jemanden kümmern ihre politischen Ziele, ihr Wohlbefinden oder die Frage, ob sie einen Orgasmus hatten. Immer wieder werden Hüte in dunklen Schrankfächern eingesperrt. Ein Meinungsforschungsinstitut hat 1251,3 Kopfbedeckungen befragt und herausgefunden: Dreieckigen Hüten geht es besonders schlecht, weil sie sich – zusätzlich zum repressiven gesellschaftlichen Klima – gegenüber Gegenständen mit vier Ecken als minderwertig empfinden. Umso wichtiger ist, dass die Liebhaber und Freunde dreieckiger Hüte, sich zu ihren Neigungen bekennen: „Mein Hut, der hat drei Ecken, drei Ecken hat mein Hut …“

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Illustration: Julia Schubert

Warum wir dieses Lied gesungen haben: „Alle der Größe nach in einer Reihe aufstellen“, rief die Erzieherin. „Wir wollen jetzt mit rhythmisch-musikalischen Bewegungen eure Motorik schulen.“ Was sie damit meinte, haben wir nicht verstanden. Trotzdem haben wir brav mitgemacht. Denn die blöde Kuh hat Mutti immer gleich alles erzählt, wenn wir anderen Kindern die Hose runtergezogen, die Spielkameraden ans Klettergerüst gefesselt und ihnen Sand-Törtchen zu essen gegeben haben. Und auch, wenn wir sonst irgendwie aus der Reihe getanzt sind. Nun wurde ge-sing-spielt: Wir mussten „Mein Hut, der hat drei Ecken“ immer wieder anstimmen – und jedes Mal wurde ein weiteres Wort weglassen und durch eine Handbewegung ersetzt: Statt „mein“ zu singen, sollten wir auf uns selbst zeigen. Bei „Hut“ sollten wir uns an den Kopf tippen und bei „drei“ drei Finger in die Luft strecken. Bei „Ecken“ sollten wir mit der rechten Hand an den linken Ellbogen fassen. Was danach kommt haben wir nie erfahren, weil spätestens jetzt ein Underachiever in der Gruppe nicht mehr mitgekommen ist. Da er rechts und links nicht auseinander halten konnte, wurde er nervös und hat den Einsatz verpasst. Kurz: Er hat alles versaut. Gut so: Denn wir haben alle haben bestimmt ganz schön bescheuert ausgesehen. Heute wissen wir: „Mein Hut, der hat drei Ecken“ ist ein hinterlistiges Werbelied der Hut-Industrie. Die hat es auch bitter nötig, denn: Aufgrund der nahenden Klimakatastrophe frieren immer weniger Menschen am Kopf, so dass die Industrie vom Aussterben bedroht ist. Das Verschwinden der Hüte könnte also ein Vorbote des Verschwindens der Menschheit sein. Zugleich ist verständlich, dass dreieckige Hüte Komplexe haben. Wir haben ja auch welche, wenn irgendwer irgendwie eine Ecke mehr von irgendetwas hat als wir. Dennoch gilt: Umfragen unter Hüten sind meist nur halbrepräsentativ und deshalb mit Vorsicht zu genießen. Außerdem: Backe niemals mit Sand. Jemandem die Hose runter zu ziehen, ist nur mit seinem Einverständnis okay. Gleiches gilt für Fesselspiele. Es wäre cooler gewesen zu singen: „Mein Basecap hat ein Schirmchen, ’nen Schirmchen hat mein Cap“. Erwachsensein heißt, nicht mehr an entwürdigenden Singspielen teilnehmen zu müssen. Text, der genauso gut zur Melodie passt: Die Robert-Huth-Fan-Hymne „Der Huth, der schießt die Ecke“ für den besten deutschen Verteidiger aller Zeiten: Der Huth steht in der Abwehr. Ganz hinten steht der Huth. Wär’s eine sichere Abwehr, dann hätt’ sie keinen Huth. Der Huth wird überlaufen. Er hält nicht Schritt, der Huth. Und könnt’ er schneller laufen, dann wär’ er nicht der Huth. Der Huth spielt einen Fehlpass. Zum Gegner spielt der Huth. Für Huth gar nicht mal so schlecht, nur halt nicht gut genug. Der Huth, der schießt die Ecke. Die Ecke schießt der Huth. Gäb’s ein Tor nach der Ecke, dann wär’ er nicht der Huth. Der Huth, der tritt den Gegner. Den Gegner tritt der Huth. Und würd’ er den Ball treffen, dann wär’ er nicht der Huth. Das Blut, das fließt in Strömen. In Strömen fließt das Blut. Die Gegner wollen Rache: den Kopf von Robert Huth. Der Huth, der sieht die Rote, vom Platz fliegt jetzt der Huth. Und säh’ er nicht die Rote, dann wär’ es auch nicht gut. Der Huth, der geht schnell duschen. Schnell duschen geht der Huth. Und wär’s ein schöner Anblick, dann wär’ es nicht Herr Huth.

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