Die Liebe ist eine Zwangsjacke

Alles, was wir in Sachen Liebe und Beziehungen diskutieren, erzählt der Film "The Lobster". Und noch viel mehr.
Von Friedemann Karig
David und seine Geliebte.
Screenshot von "The Lobster".

Die Liebe der Gegenwart ist eine Zwangsjacke. Für zwei. Sich nicht verlieben, alleine sein und bleiben ist schlecht und falsch. Wer sagt das? Serien, Filme, Bücher, Songs. Die Bibel, die BILD, die Bibi von "Bibis Beautypalace". Der Single ist ein so oft besungenes wie verfemtes Wesen. Aber es geht noch schlimmer.

In der Welt des Filmes "The Lobster" ist es sogar bei Strafe verboten, sich nicht zu verlieben. Wer alleine bleibt, wird in ein Tier verwandelt. Er wird ausgestoßen. Seine letzte Chance: 45 Tage in einem Hotel. Unter Singles. Einzige Aufgabe: zu zweit wieder gehen. Oder eben als Tier.  

 "The Lobster" hat vergangenes Jahr in Cannes begeistert und den Preis der Jury gewonnen, kam aber hier nicht ins Kino. Vermutlich war er zu gut. So wie jeder einen Freund, eine Freundin im Freundeskreis hat, der oder die "einfach zu gut" für das Dating-Game ist. Jetzt aber läuft der Film doch noch in einigen Sälen an. Und Kino oder iTunes – Hauptsache, man sieht ihn. So wie egal ist, wann man sich wo verliebt. Hauptsache, man verliebt sich. 

Warum in diesen Film?

Die Geschichte ist schnell erzählt: Der kurzsichtige Architekt David (Colin Farrell mit stattlichem Schnauzer und Wohlstandsbauch, die zusammen einen Oscar für die beste Nebenrolle verdient hätten) wird von seiner Frau verlassen. Also kommt er liebeskummerkrank in das Hotel. Dort versucht er 45 Tage lang, sich in einen der anderen Singles zu verlieben, um nicht als Tier zu enden. Das darf man sich wenigstens aussuchen. David wählt den Hummer. Denn er mag das Meer.

Die im Hotel gestrandeten einsamen Seelen haben einen Makel, der ihnen die Partnerwahl vorgibt. Denn, so glaubt man, nur Menschen mit ähnlichen Fehlern passen zusammen. So sucht ein junger Mann namens John eine Frau mit einem ebenso steifen Bein wie er selbst eines hat. Und findet, als seine Nase plötzlich anfängt zu bluten, eine hübsche junge Frau mit ständigem Nasenbluten. "Was ist schlimmer", fragt er den misstrauischen David, "in ein Tier verwandelt zu werden, oder sich ab und zu selbst die Nase blutig zu schlagen?" Was ist schlimmer, fragt sich der Zuschauer: all die Verletzungen, die Traumata, die Wunden, die uns die Liebe schlägt – oder das ewige Eis der Einsamkeit?

 

Der griechische Regisseur Yorgos Lanthimos, der schon mit Hirnverbiegern wie "Alpen" und "Dogtooth“  die Grenzen des Erträglichen erkundete, erzählt die Geschichte von Davids Verkuppelung als dystopischen Thriller, schräge Komödie und hoffnungslose Romanze. Rund um das Hotel und seine Bewohner zeigt er uns eine Welt voller Horror und Herzenskälte. Und doch ist sie nah genug an unserer, um Gänsehaut zu machen. Dieses Hotel symbolisiert das geistige Gefängnis, in das uns unsere Vorstellung von "richtiger" Liebe zwängt. Unser Heiratsmarkt ist brutal. Wir sind alle ein wenig wie der blutende John.

 

Der unvermittelbare David flieht schließlich aus dem Hotel zu den Lonern, einer Gruppe von Gesetzlosen, die im Wald leben und sich geschworen haben, sich nie zu verlieben. Dort, natürlich, verliebt er sich in eine ebenfalls kurzsichtige Frau (Rachel Weisz). Und sie sich in ihn. Ihr Glück scheint greifbar. Kann ihre Geschichte gut ausgehen? 

"The Lobster" hat viel: großartige Bilder einer irischen Landschaft, kühl und klamm wie ein entliebtes Herz. Ein trauriges Streichquartett im Hintergrund. Einen Colin Farrell, der den Langweiler David spielt wie eine Handpuppe, ohne Antrieb, ohne Eros, also tragischerweise ohne irgendetwas Liebenswertes. Dazu Bond-Girl Lea Seydoux als wunderschöne, aber kalte Anführerin der Loners, die Flirten mit dem Red Kiss bestrafen, dem Abschneiden der sündigen Lippen.

 

Sadistische Gewalt, schmerzhaft nahe Figuren und eine heimliche Liebesgeschichte – das alles erlebt man körperlich mit. Wie ein Embryo krümmt man sich zusammen, wenn John sich die Nase auf einem Tisch blutig schlägt, um endlich geliebt zu werden. Riesig reißt man die Augen auf, wenn David und seine Geliebte vor ihren Häschern durch den nebligen Wald fliehen. Und man verkrampft zu einem falschen Lachen, wenn die Hand eines Hotelinsassen in den Toaster gesteckt wird, weil er beim Onanieren erwischt wurde, der Todsünde in einer Gesellschaft, welche die Verpartnerung totalitär durchsetzen will. 

 

Über all diesen skurrilen Momenten, über dem schicken Hotel und dem glatten See schweben die Fragen, die diesen Film antreiben: Was ist denn diese fucking Liebe jetzt eigentlich? Was muss sie sein? Wie viel Zwang leben wir heute, in unserer ach so befreiten Post-alles-Zeit? Waren wir jemals frei? Nach welchen Regeln liebe ich? Warum?

 

Am Schluss steht David, der im Laufe seiner klassischen Heldenreise über sich und das unmenschliche Regime hinausgewachsen ist, vor der Entscheidung, was er bereit zu geben ist für seine Liebe. Was ist die Liebe letztlich wirklich wert? Der Zuschauer sucht die Antwort in sich selbst. Tagelang. Ohne Ergebnis. Er bleibt zurück, ratloser denn je. Aber hoffentlich wenigstens ein bisschen verliebt.  

 

 

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