„Die Kippah erinnert mich daran, ein guter Mensch zu sein“

Unser Autor hat die Feindseligkeit satt, die jüdische Menschen im Alltag immer noch erfahren.
Von unserem Partnerblog kleinerdrei
Illustration: Daniela Rudolf

Im Zug zu sitzen scheint die beste Gelegenheit für einen Juden (als solcher bin ich durch meine Kippah auf dem Kopf stets zu erkennen) zu sein, um in seltsame oder schlimme Gespräche mit verkappten oder offenen Antisemit_innen verwickelt zu werden. Es geschieht eher selten, dass nichts geschieht. Ein Beispiel aus dem August:

Ein alter Mann, der mir gegenüber sitzt, beginnt ein Gespräch: „Eines muss ich Ihnen ja wirklich lassen…“

(Ich schaue nicht von meinem Laptop auf, weil ich mir sicher bin, dass er den Herrn neben mir anspricht.)

Er: „Entschuldigung!“

(Ich schaue nun doch auf.)

Er: „Ja, Sie. Man muss Ihnen ja eine Sache wirklich lassen.“

Ich: „Mir?“

Er: „Dem Juden.“

(Oh weh, denke ich, das kann doch nur Müll werden. Warum habe ich nur aufgeschaut? Warum fahre ich nicht einfach mit dem Taxi überall hin?)

Er: „Man muss den Juden wirklich lassen, dass Sie den Krieg gewonnen haben. Sah nicht gut aus und jetzt sitzen Sie doch hier.“

Ich: „Ich weiß nicht so recht, was ich sagen soll. Ihre Aussage ist… obskur und auf verschiedenen Ebenen falsch.“

(Ich wollte nicht „antisemitisch“ sagen. Der alte Mann schaut mich auffordernd an. Ich soll mich wohl erklären und hole tief Luft.)

Ich: „Die Juden waren keine Kriegspartei im Zweiten Weltkrieg. Es gab jüdische Deutsche, Italiener, Franzosen, Briten, Amerikaner, Polen, Russen und so weiter, die sich in unterschiedlichen Situationen im Krieg wiederfanden. Vor allem jüdische Frauen, Kinder und Männer, die man in KZs ermordet, vor ihren Haustüren erschossen oder in ihren Dörfern lebendig verbrannt hat, polnisch-jüdische Partisanen oder russisch-jüdische, amerikanisch-jüdische und britisch-jüdische Soldaten, die später dann gegen die Deutschen gekämpft und die KZs mit befreit haben. Sechs Millionen Jüdinnen und Juden sind ermordet worden – da von einem Sieg zu sprechen, ist zynisch.“

Er: „Aber es ist ja nicht so, als hätten die Juden nicht auch aktiv und bewusst den Krieg gelenkt!“

Ich: „Tut Ihnen das gut, so etwas zu glauben? Wenn Juden den Krieg so wunderbar für sich gelenkt haben, wie kommt es dann, dass sechs Millionen von ihnen industriell ermordet wurden?“

Er: „Die Deutschen waren ja dahintergekommen, dass die Juden die Völker lenken.“

Ich: „Oh so viel Macht! Und deshalb haben die Deutschen dann Frauen und Kinder erschossen, mit Krankheiten infiziert, verhungern lassen oder verbrannt? Ich habe einmal einen Überlebenden mit zwei Eheringen kennengelernt. Der eine Ring stammte aus seiner ersten Ehe, die er kurz vor dem Krieg geschlossen hatte. Seine Frau war hochschwanger, als die Deutschen in ihr Dorf kamen. Zwei deutsche Wehrmachtssoldaten hielten sie fest, während ein dritter mit einem Messer immer wieder in ihren Bauch stach. Die Deutschen zwangen ihren Mann, das alles mit anzusehen. Klingt nicht gerade nach einem Völkerlenker, oder?“

Er: „Wehrmacht?“

Ich: „Wehrmacht.“

(Der alte Mann schweigt und schaut aus dem Fenster. Ihm kommen die Tränen.)

Ich: „Ja, weinen Sie nur. Ich habe ja gesagt, dass es im Krieg nicht um Gewinnen und Verlieren geht. Freuen Sie sich, dass Sie den Krieg überlebt haben und in diesem Zug sitzen können. Aber gratulieren Sie in Zukunft keiner jüdischen Person, dass sie Ihnen trotz allem gegenübersitzen kann.“

(Der alte Mann schaut noch immer aus dem Fenster und nickt zaghaft.)

 

Wenn mir Dinge wie diese widerfahren, muss ich sie auf-, oder wie ich sage, „wegschreiben“. Es ist meine Methode, mit diesen Situationen umzugehen. Ich schreibe sie auf, teile sie mit anderen, damit ich selbst etwas weniger wütend oder traurig sein muss. Und gerade schreibe ich diese Worte nicht ohne Wut. Denn ich sitze in einem Abteil mit drei AfD-Anhänger_innen. Zwei von ihnen sitzen mit dem Rücken zu mir. Der Dritte starrt mich verachtend an und beginnt, den beiden anderen zu erzählen, wen er im Blickfeld hat: Einen echten Juden, der da schamlos sitzt, als wäre er einfach ein unschuldiger Reisender im Zug. „Leute wie die kennen wir mittlerweile ja ziemlich genau. So ein Goldman-Sachs-Jude oder Israeli, der hierherkommt und in großem Stil deutsche Firmen einkauft, um sie zu ruinieren, und uns Mahnmale in deutsche Städte baut, damit wir uns schlecht fühlen und alles mitmachen, was der Jude von uns will. Das hat der Björn Höcke schon richtig entlarvt wie es läuft.“ Seine Mitreisenden pflichten ihm bei.

 

Bald können Antisemit_innen die höchste Politik mit ihrer Ideologie beeinflussen

 

Björn Höcke ist der Fraktionsvorsitzende der AfD im Thüringer Landtag und hat im Januar das Shoah-Mahnmal für die ermordeten Jüdinnen und Juden Europas in Berlin als „Denkmal der Schande“ und die deutsche Erinnerungskultur als „dämliche Bewältigungspolitik“ bezeichnet. Er gehört zu einer großen Gruppe innerhalb der AfD, die aus Geschichtsrevisionist_innen, Holocaust-Leugner_innen, Antisemit_innen und Rassist_innen besteht. Dazu zählen auch andere prominente und einflussreiche Politiker_innen der AfD, und einige von ihnen sind seit der Bundestagswahl im deutschen Bundestag vertreten. Ich muss gestehen, dass ich geschockt war, wie viele Wähler_innen aus Wut oder Frust oder Perspektivlosigkeit oder Hass diese Partei gewählt haben und damit in Kauf genommen haben, dass mit ihren Stimmen für die AfD eben auch Antisemit_innen und Rassist_innen in den Bundestag gewählt werden. Vielleicht wollten das einige Wähler_innen aber auch explizit so.

 

Am Tag nach der Wahl hatte ich mit meiner 83-jährigen Großmutter telefoniert. Sie klang sehr nachdenklich und besorgt, als sie mir sagte: „Ich dachte schon, dass es in einer fernen Zukunft sein kann oder sein wird, dass in den Bundestag wieder Antisemiten einziehen werden. Aber ich hätte nie gedacht, dass ich auch das noch erleben und mitansehen muss, wie Leute mit diesem schlimmen Gedankengut über meine Kinder und Enkel bestimmen wollen. Das bricht mir das Herz.“ Danach schwieg sie. Ich hatte sie bei diesem Gespräch nicht mehr beruhigen, ihre Sorgen nicht zerstreuen können.

 

Ich machte mir ja selbst viel zu große Sorgen. Bald können Antisemit_innen die höchste Politik mit ihrer Ideologie beeinflussen: wichtige Ausschüsse und Gremien wie die Rundfunkräte. Werden sie im Kulturausschuss des Bundestags, in dem womöglich ein AfD-Abgeordneter den Vorsitz erhalten wird, dafür sorgen, dass weniger Geld in Projekte gegen Rechtsextremismus oder in die Gedenkinstitutionen fließt? Werden sie die Agenda der verschiedenen Rundfunkräte nach rechts rücken können, so wie sie schon jetzt die Sprache und Programmatik einiger Parteien nach rechts bewegen? Und ist das nicht sogar das größte Problem: die Bewegung von größeren Parteien, Verbänden, Medien, ganzen Gesellschaftsteilen nach rechts? Wird dieses Land dann nationalistischer, engstirniger und misstrauischer gegenüber Menschengruppen, die als „fremd“ begriffen werden könnten?

 

Jüdinnen und Juden werden oft als Erste von der Geschichtsvergessenheit gefressen 

 

Oft wird gefragt, warum gerade Jüdinnen und Juden öffentlich als Mahnende auftreten, nicht die Geschichte zu vergessen – Shoah-Überlebende etwa oder Vertreter_innen von jüdischen Institutionen wie dem Zentralrat der Juden in Deutschland. Das ist kein Eigennutz, sondern die Erfahrung der eigenen Familien über Zeiten, Orte und soziopolitische Kontexte hinweg, dass Jüdinnen und Juden oft von der Geschichtsvergessenheit der Mehrheitsgesellschaft als Erste gefressen werden. Und ist man gerade noch so mit dem Leben davongekommen, vergisst man es nicht und lässt es auch die Kinder und Kindeskinder nicht vergessen.

 

Wie fragil demokratische Werte, Rechte und Freiheiten sind, zeigt bereits der Alltag. Ich werde häufig gefragt, warum ich eigentlich stets meine Kippah trage, auch wenn sie immer wieder ein Magnet für Antisemit_innen und weitere schlimme Menschen ist. Ich könnte doch einen wesentlich ruhigeren Alltag haben, würde ich auf die Kippah verzichten oder darüber einen Hut oder eine Mütze tragen.

 

Ich versuche, mich nicht fahrlässig bedrohlichen Situationen auszusetzen. Doch obwohl meine Kippah die Schlechtigkeit vieler Menschen aufdeckt, manche mir gefährlich wurden und mir auch in Zukunft gefährlich werden können, gebe ich nicht einfach mein Recht auf Bekenntnisfreiheit und freie Entfaltung der Persönlichkeit her und verstecke mich.

 

Die Kippah erinnert mich daran, ein guter Mensch zu sein

 

Wenn ich unsichtbar wäre, würde ich diese Freiheiten aushöhlen und es für alle, die nach mir kommen, schwerer machen, sie noch zu erhalten. Wir sind in diesem Land qua Geburt mit derart vielen demokratischen Privilegien ausgestattet, dass ich sehr wohl etwas zu ihrem Erhalt, ihrer Verteidigung beitragen kann, selbst wenn es mir Schwierigkeiten bereiten kann. Ich trage gern meine Kippah, ich fühle mich mit ihr geborgen, wohl, vollständig; sie erinnert mich daran, ein guter Mensch zu sein. Und Juden haben noch zu weitaus schlimmeren Zeiten ihre Kippah getragen; wer bin ich, dass ich das heute einfach aufgebe, um einem Problem aus dem Weg zu gehen?

 

Also werde ich weiterhin meine Kippah tragen, wenn ich unterwegs bin. Deshalb trage ich sie auch jetzt, in diesem Regionalzug, während diese drei Menschen auf dem Viererplatz vor mir weiterhin über den vermeintlichen Einfluss jüdischer Amerikaner_innen auf deutsche Politik schwadronieren, der hoffentlich bald durch die Politik der AfD unterbunden würde, und mir einschüchternde Blicke zuwerfen. Trüge ich meine Kippah jetzt nicht, könnte ich in Ruhe meinen mitgebrachten Apfel essen. Stattdessen sehe ich dem Mann direkt in die Augen, der nun schon fast eine Stunde hasserfüllt und stumpf über seine Rache an den Jüdinnen und Juden schwatzt.

 

Da fällt mir etwas ein: das glorreiche Alte Ägypten – heute Sand und Steine; das triumphale riesige Römische Reich – genau wie das Alte Griechenland bloß noch Ruinen; das Zarenreich wie so viele europäische Königreiche von Revolutionen geschluckt; das Dritte Reich mit seiner Kriegsindustrie vom eigenen Weltkrieg zerstört; die Sowjetunion kollabiert. Sie alle, die unsere Kultur zerstören, unseren Glauben verbieten wollten, alles, was uns auszubeuten, zu versklaven, morden und auszurotten versuchte, ist untergegangen. Es gibt die übermächtigen Babylonier und Römer und die mörderischen Nazis nicht mehr. Sie sind Geschichte. Aber uns Jüdinnen und Juden, unser kleines großes Volk, gibt es nach 4000 Jahren noch immer. Wir haben bisher alles überstanden. Sogar einen Völkermord. In spätestens zwei Generationen wird vielleicht nichts mehr an die AfD erinnern. Aber uns wird es dann noch geben. Wir haben den längeren Atem.

 

Ich lächle den Mann an. Er wendet seinen Blick ab. Ich habe Leute wie ihn so satt. Und ich habe es satt, mich vor Leuten wie ihm zu fürchten.

 

In jüdischen Familien bringt man den Kindern augenzwinkernd bei, dass man den historischen Hintergrund der jüdischen Feiertage immer mit denselben zehn Worten zusammenfassen könne: „Sie wollten uns umbringen, wir haben überlebt, lasst uns essen!“. Ich beiße entspannt aus dem Fenster schauend in meinen Apfel.

 

Dieser Text erschien zuerst auf kleinerdrei.org . Wir veröffentlichen hier eine gekürzte Fassung.

 

Kleinerdrei ist ein Gemeinschaftsblog, das 2013 von Anne Wizorek gegründet wurde. Zehn feste Autor_innen und sieben Kolumnist_innen schreiben hier regelmäßig über alles, was ihnen am Herzen liegt. Daher auch der Name kleinerdrei, der im Netzjargon für ein Herz steht: eben ein <3. Die Themen reichen dabei von Politik bis Popkultur und werden stets aus einer feministischen Perspektive betrachtet. Im Jahr 2014 wurde kleinerdrei in der Kategorie „Kultur und Unterhaltung” für den Grimme Online Award nominiert.

 

Der Autor dieses Textes, Levi (@LeviHerz), schreibt auf dem Blog vor allem über das Jüdischsein, Gender, Poesie und Filme. Parallel arbeitet er an seiner Promotion.

Mehr kleinerdrei: