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Klingt nach einer guten Idee: eine Kaufberatung für die Weine, neben deren Regalen man täglich in der Kassenschlange steht. Denn all die Parkers und Johnsons, die großen Weinführer, sind im Alltag des Weineinsteigers von geringem Nutzen, da er an die besprochenen Weine zumeist nur über Telefonnummern rankommt. Und wer telefoniert schon frisch und frei mit französischen Weingütern und manierierten Importeuren in Bremerhaven? Und wer ordert dann eine Kiste für 300 Euro? So aber bekommt die Plörre, die man sich mit wenig schlechtem Gewissen und vielen guten Finanzargumenten in den Einkaufswagen legt, endlich auch eine fachmännische Einordnung. Einhundert taugliche Weine hat Till Ehrlich aus den Regalen der großen Supermarktketten herausgeschmeckt, wobei darunter wieder nur die, mit der höchsten Punktzahl „Züge von Charakter“ besitzen. Damit sollte also noch mal klar sein: die richtigen Weine gibt es nicht im Supermarkt. Was man mit Hilfe dieses Büchlein findet, ist ordentliches Kunsthandwerk, aber nie Kunst. Denn zu einem guten Wein gehört der Winzer, der Reben und Trauben mit der Hand bearbeitet, der veredelt und seine Sorten nach bestem Wissen mischt. Dieser Sorgfaltsanspruch steht den Anforderungen der Supermarktketten entgegen, die ihr Weinsortiment unter lageristischen und ökonomischen Aspekten einkaufen und dazu eine gewisse Geschmackskonstanz fordern – bei einem fragilen, organischen Produkt wie Wein völliger Unsinn. Discounter wie Lidl, Aldi und Penny sind auch in diesem Buch außen vor, denn für dort gilt: „die Qualität ist unberechenbar, denn sie ändert sich ständig. Aldi etwa verkauft unter dem Namen „Chianti“ ein Getränk, für das Produktionen und Überbestände ganzer Kellereien aufgekauft werden. Nach wenigen Wochen folgt die nächste Charge, der Wein schmeckt anders“ Verköstigt wurde also, was klassische Supermärkte wie Tengelmann, Plus und Real für unter zwanzig Euro pro Flasche zu bieten haben. Beim Durchblättern der kleinen Sammlung, erscheint tatsächlich manches Etikett vertraut und anhand der noch nicht entsorgten Altflaschensammlung lässt sich dann quasi postum herausfinden, was man so getrunken hat. Freilich, jenseits dieser Unterhaltung ist das Büchlein auch nur bedingt hilfreich. Es erschöpft sich mit wenigen Zeilen pro Wein und die ähneln sehr den Sätzen, die mittlerweile selbst auf chilenische Weinflaschen in deutsch gedruckt sind: „Schmeckt nach Zitronen und Birnenkuchen, bedingt lagerfähig, gut zu leichtem Fleisch“. Dass solche Urteile von einem unabhängigen Tester gegeben wurden, ist natürlich mehr wert, als die Werbung am Etikett, deutlich zusätzliche Strahlkraft haben sie aber auch nicht. Das liegt vermutlich am Einkaufsverhalten: Den Supermarktwein, der irgendwie gut schmeckt und keinen Wein-Schädel macht, hat jeder für sich herausgefunden und wird dabei bleiben, ob er nun bei Till Ehrlich aufgeführt wird oder nicht. Wein ist in diesem Fall gar nicht mehr das kritikfähige Kulturgut Wein, sondern nur das Getränk, an das man sich gewöhnt hat, wie an Multivitaminsaft. Vielleicht wäre deswegen das Gegenteil wirkungsvoller: Ein Buch, das die hundert katastrophalsten Weine deutscher Supermärkte auflistet und jeden mit haarsträubenden Urteilen verdammt. Dann ließe vielleicht mancher vom „Himmlischen Tröpfchen“ oder der „Mädchentraube“ und würde aktiv sein Weinbewusstein schärfen. Zumindest eine Sortierung nach Supermärkten wäre leserfreundlich, dann könnte man schneller sehen, was vom Rewe um die Ecke so dabei ist, ohne sich durch exotische Real- und Stüssgen-Supermärkte wühlen zu müssen. Wie es jetzt vorliegt, unterfüttert das schmale Büchlein im schlimmsten Fall jene Partyschwätzer, die sich ohnehin schon „Echt, das ist ein Spitzenwein, den ich beim Plus entdeckt habe“-mäßig in Sicherheit wiegen. Im besten Fall greift man, durch die Lektüre angeregt, im Regal einmal eine Flasche weiter, um später beim Abendessen zu verkünden: „Schmeckt doch wirklich nach Zitrone und Birnenkuchen, oder?“