Konsumkolumne: Verhuschte Biere ohne Alkohol

Unser Esstest ist unparteiisch und fies. Heute geht's um alkoholfreie Biere.
christina-waechter

Marke Krombacher Alkoholfrei

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Illustration: Julia Schubert

Das steht auf der Flasche Voller Geschmack bei reduziertem Kaloriengehalt Die Blume sagt uns Räucherschinken, in Karamalz gesotten. Macht Lust auf Liebe. Die Situation, in der es das einzig richtige Getränk ist Trixi und Josi sind mal wieder gemeinsam im Number 2 in Markt Schwaben. Ladies Night, verstehst? Jedenfalls wird Trixi schon seit zwei Stunden tierisch vom Wiggerl (dem Holzhauser Josef sein Bub) angegraben. Wiggerl: „Trixi! Bin ich froh, dass du jetzt 18 bist. Jetzt darf ichs dir ja sagen: Du bist das Schärfste des wo zwischen Straubing und Markt Schwaben ohne Waffenschein erhältlich ist!“ Trixi: (verlegen) „A Schmaaaarn.“ Wiggerl: „Ey Trixi: I schwöööör! Gibstmerabusserl?” Trixi: (peinlich berührt) “A geh weida ...” Wiggerl: „Ey Trixi, du mit deiner Anmache machst mich ganz narrisch.“ Trixi: (geschmeichelt) „A geeeeehh …“ Wiggerl: „Ey Trixi, sag – ach, ich weiss es eh – gell: Du bist a ganz a Leidenschaftliche! So wie du portioniert bist …“ Josi ist ganz die perfekte Freundin und denkt sich: Obacht! Trixi is in Danger, Maus! Trixi, ein Riesenhase. Da muss die Josi als Flirthilfe beiseite stehen. Quasi nüchtern. Schließlich weiß sie, wie die sind, die Dorfburschen. Ran an den Speck und rauf aufs Kotelett! Aber nicht mit Josi, Flirtcop. Josi: „Back off, Wiggerl!“ Schöne Rechtfertigung, dieses Bier zu trinken "Ich wollt’ morgen früh um fünf den Manga Parbat besteigen. Mal kucken, jetzt rein zeitlich. Jedenfalls: Deshalb." So klingt der Rülps örggs (leise, bohemien-haft) So sieht man nach dem Genuss aus

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Illustration: Julia Schubert


Marke Clausthaler Classic

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Illustration: Julia Schubert

Der Spruch auf der Flasche Acclaimed Worldwide – Brewed and Bottled in Germany Die Blume sagt uns Eindeutig radleresk. Macht aber ganz einen schlechten Mundgeschmack. Als schmeckte der Gaumen Wasser, das zwei Wochen im handgeschnitzten Zedernholzkarren bei Schimmelwetter (Regen durchmischt mit sonnigen Abschnitten, hohe Luftfeuchte) durch die schwermetallischen und schwermütigen Appalachen gezogen wurde. Da könnt’ selbst das Wasser kotzen. Die Situation, in der es das einzig richtige Getränk ist Jack, der US-amerikanische Investmentbanker auf neuen Krisenpfaden sucht mit Rucksack und ein wenig Resthirn nach neuen Anlagemöglichkeiten im peruanischen Kolumbien. Dort ist das Essen manchmal so lala, weshalb er sich schon am zweiten Tag eine sogenannte Aphte in der Mundhöhle zuzieht. „Aphte happens“, sagt der Ami und bereitet sich auf eine selbst durchgeführte Not-OP vor. Am offenen Gaumen (typisch Investment: Hauptsache jemand macht’s Maul auf) wird laboriert. Zur Desinfektion ein Sprutz kochend heißes Clausthaler. Dann der Eingriff: Jack legt ein Aphter Eight aufs Grind. Fertig. Schöne Rechtfertigung, dieses Bier zu trinken „Ach. Ist nur, weil ich die Flaschen sammle.“ So klingt der Rülps gölb (guttural, auch dreidimensional; vermeintlich mit Materiallieferung) So sieht man nach dem Genuss aus

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Illustration: Julia Schubert


Marke Neumarkter Lammsbräu

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Illustration: Julia Schubert

Der Spruch auf der Flasche Mild mit feiner Hopfennote Die Blume sagt uns Ausgewrungenes Käsebrot. Recht happig im Sinne von: Happen. Die Situation, in der es das einzig richtige Getränk ist Lady Gaga, fünf Minuten vor ihrem Auftritt in der Bielefelder Jahrhundertmehrzwecksporthalle. Sie übt nochmal die Zeilen, die sie gleich synchron mit dem Playback hinkriegen muss. „Bababa Pokerface, Baba … Damn. Jetzt hab ich mich schon wieder versungen.“ Ihr Manager, das ariola-Urgestein Giswald Brandthorst, schenkt ihr eine Tulpe mit Lammsbräu ein und reicht ihr das Gebräu wie Faust dem Pudel das Wasser nach dem Osterspaziergang. „Nimm, Gaga.“ Die Lady ist konsterniert, mosert ein bisschen in den Spiegel der Garderobe und trinkt einen Schluck. Schaut erstaunt. Sagt ein Gebet. Und entert die Bühne! Die abgezockte Sau. „Diese Energie“, staunt tags darauf der Lokalreporter der Bielefelder Apothekenumschau. „Typisch Showbusiness. Ohne Drogen geht heutzutage ja gar nichts mehr. Aber jeder zahlt einen Preis für den Erfolg. So auch Gaga.“ Schöne Rechtfertigung, dieses Bier zu trinken "Die Renaade had gsachd, sie schmaisd mich raus wenn ich nochamal so bsuffn heimkomm alz wie gesdern." So klingt der Rülps Ffföööt (zeitlupig, geschlechtsneutral, humid) So sieht man nach dem Genuss aus

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Illustration: Julia Schubert


Marke Franziskaner Weissbier

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Illustration: Julia Schubert

Der Spruch auf der Flasche Alkoholfrei Die Blume sagt uns In Pfütze eingeweichte Semmeln. Die Situation, in der es das einzig richtige Getränk ist Hark Strom, der Flash Gordon unter den sauerländischen Schrotthändlern erlebt the time of his life. Stichwort: Abwrackprämie. Die Bude ist voll, der Kran krant, die Stapel gehen hoch und die Wracks chillen gemütlich in der waldreichen Sonne Niederlitauens, wie das Sauerland von Schlechtmeinenden gerne genannt wird. Hark also muss erstmal seinen Biorhythmus umwuchten. Die Molle am Morgen kann er knicken. Er muss ja jetzt Repräsentieren, Moderieren, Intervenieren. „Schrott ist wie das Leben“, sagt er gerade in die Kamera des ZDF-Regionalfernsehens. „Kostet. Lohnt sich aber auch. Und ich sag immer: Schrott ist nichts wofür man sich schämen muss.“ Es sind diese Sätze, die Hark zu Anne Will bringen. Als Stimme des Volkes fläzt er im Sofa im Rampenlicht und knallt sich erstmal einen „Franz“ in die Rübe. Zum Warmwerden. „Kostet“, sagt er dann zu Anne Will. „Lohnt sich aber auch.“ Will nickt demütig. Hark Strom, kluga Bürga. Schöne Rechtfertigung, dieses Bier zu trinken „Ich bin Triathlet. Franziskaner Weissbier Alkoholfrei ist mein offizieller Partner!“ So klingt der Rülps Dschmürbbs (vergoren, asexuell) So sieht man nach dem Genuss aus

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Illustration: Julia Schubert


Marke Jever Fun

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Illustration: Julia Schubert

Der Spruch auf der Flasche Friesisch Herb Die Blume sagt uns Oh Wattenmeer. Weltkulturerbe. Naturerbe. Werbung. Die Situation, in der es das einzig richtige Getränk ist Fritjof, den alle nur „Fruchti“ nennen, hat es sich in seinem Bauwagen gemütlich gemacht. Ihm geht die Krise sprichwörtlich gesagt am Popo vorbei. „Krise hat immer was Hausgemachtes.“ Und da weiß er, wovon er spricht. In den Regalen harren die konservierten Geschenke der Natur friedvoller Verspeisung. Gurkerl, Zwieberl, Radieserl und andere Magendratzerl. Jetzt zündet er gleich die zweite Rakete seines geplanten Selbstversorgerdaseins: Mit der spektakulären Kettensägenjonglage Roaarr Jump sucht er seinen Weg auf die Gauklermärkte dieses Landes. Klar ist folgendes: Da braucht er eine ruhige Hand. Eine waschechte Husqvarna lupft niemand im Vorbeigehen und Sicherheit ist die Mutter des Bauwagens. „Verletzungen haben ja immer etwas Hausgemachtes“, sagt Fruchti altklug und lacht keckernd. Er nervt. Aber das weiß er auch. „Nerven haben immer was Haus …“ Jaja, Fruchti, halt den Rand. Have fun! Schöne Rechtfertigung, dieses Bier zu trinken "Das geht jetzt neun Monate so weiter", sagt sie zu sich selbst und streichelt ihren Magen und ihren Bauch. "Fuck." So klingt der Rülps: Ix (verhalten, herb, spitz) So sieht man nach dem Genuss aus

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Illustration: Julia Schubert



Text: christina-waechter - und Peter Wagner; F.: Screenshots, dpa, ap

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