Grünen-Politikerin Nestle: Ich will auch öffentlichen Druck machen

In Kopenhagen wird zur Zeit nicht weniger als die Zukunft unseres Planeten verhandelt: Der dortige Klimagipfel geht in die entscheidende Runde. jetzt.de spricht die ganze Woche über mit Menschen, die vor Ort aktiv sind.
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Illustration: Julia Schubert

Etwa 100 000 Menschen demonstrieren am Samstag in Kopenhagen für ein umfassendes Klimaabkommen. Es ist knapp über null Grad. Anfangs bewegt sich der Demozug nur quälend langsam durch Kopenhagen. Eine der Demonstrantinnen ist Ingrid Nestle, 31 Jahre alt, seit diesem Herbst Bundestagsabgeordnete für die Grünen. Wir haben mit ihr gesprochen. Was sagen Sie zum Klimagipfel? Es ist beeindrucken und umwerfend hier zu sein. Es hat auch etwas von Ausnahmezustand. Im Konferenzgebäude wuseln Menschen aus verschiedenen Ländern, verschiedenen Verbänden, die sich monatelang auf diesen Augenblick vorbereitet haben. Alle arbeiten hochkonzentriert an den Details. Und es ist klar: Nun muss etwas passieren.

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Illustration: Julia Schubert

Und passiert auch etwas? Natürlich viel zu langsam. Die Verhandlungen stoppen leider immer wieder. Zum Beispiel war ich letzte Woche bei einem Plenumstreffen, bei dem es einen kleinen Eklat zwischen zwei Ländergruppen gab. Die Verhandlungen mussten irgendwann abgebrochen werden, weil es nicht mehr weiter ging. Jetzt sind Sie gerade auf der Demo, wieviel bekommen Sie von den Verhandlungen mit? Ich bin seit dem dritten Tag hier, um einen Einblick zu bekommen, bevor diese Woche die Staats- und Regierungschefs anreisen. Ich versuche so viel mitzubekommen wie es geht. Aber ich verbringe nicht den ganzen Tag bei den Verhandlungen, dazu habe ich zu viele Seelen in meiner Brust. Inwiefern? Einerseits will ich mitbekommen was passiert, andererseits habe ich auch ein NGO-Ich, das demonstrieren will und öffentlichen Druck machen. Und dann bin ich ja auch Parlamentarierin und nehme an allen möglichen Treffen teil. Gestern Abend war es zum Beispiel ein Treffen der internationalen Grünen. Sie sitzen seit dieser Legislaturperiode im Bundestag, sind Sie für Ihre Fraktion hier? Ich habe mich über eine NGO akkreditiert und wohne bei Freunden. Aber natürlich arbeite ich hier auch für meine Fraktion. Mein Ziel ist schon möglichst viel mitzubekommen und das für meine Arbeit zu nutzen. Im Bundestag will ich vor allem Energiepolitik machen. Kopenhagen wird da in den nächsten Jahren eine große Rolle spielen. Egal, wie es ausgeht.

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Illustration: Julia Schubert

Was erhoffen Sie sich von dem Ausgang des Gipfels? Wichtig ist, dass am Ende ein rechtlich bindender Vertrag steht, nicht nur Lippenbekenntnisse. Und es ist wichtig, dass die Erderwärmung nicht zwei Grad übersteigt. Dazu brauchen wir mittelfristige Ziele. Ich habe die Befürchtung dass jeder sagt, „Jaja, zwei Grad“ aber dann doch nicht getan wird, was notwendig ist, um das auch zu erreichen. Die Staats- und Regierungschefs kommen erst jetzt, wozu war die erste Woche gut? Um das Abkommen vorzubereiten und Details zu klären. Je mehr Fragezeichen noch in den Texten stehen, desto weniger wahrscheinlich ist es, dass die Regierungschefs in den letzten Tagen zu einer Einigung kommen. In Kyoto war es so, dass man sehr viel erst in der allerletzten Nacht geklärt hat. 2000, bei der Klimakonferenz in Den Haag, war so wenig vorher geklärt, dass es auch in der letzten Nacht nicht geklappt hat. Macht es für die Verhandlungen eigentlich einen Unterschied ob bei einer Demonstration wie dieser 30 000 oder 50 000 oder 100 000 Menschen auf der Straße sind? Ich denke, dass es einen wichtigen Unterschied macht. Für manche Verhandler ist der Druck von der Zivilbevölkerung sehr hilfreich um anspruchsvollere Ziele durchzudrücken. Je größer das öffentliche Interesse, desto größer der Erwartungsdruck auf den Ausgang des Gipfels. Und ich denke, einer Politikerin wie Angela Merkel ist es auch nicht egal, ob sie sich zu recht als Klimakanzlerin bezeichnen darf oder nicht.

Mehr zum Klimagipfel auf sueddeutsche.de und im jetzt.de-Label Kopenhagen.

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