Kopenhagen-Interviews: Marcus arbeitet im Emissionshandel

In Kopenhagen wird die Zukunft unseres Planeten verhandelt: Der Klimagipfel geht in die entscheidende Runde und für jetzt.de spricht Anke Lübbert mit Menschen, die dort aktiv sind. Teil 3: Marcus Ferdinand, Experte für Emissionszertifikate
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Beleuchtete Weihnachtsbäume hängen in den Terminals am Kopenhagener Flughafen. Marcus Ferdinand ist 26 Jahre alt und CO2-Analyst. Eine Woche lang hat er für E.ON den Verlauf der Konferenz beobachtet. Nun ist er auf dem Weg nach Hause.

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Illustration: Julia Schubert

jetzt.de: Wohin geht ihr Flug? Marcus: Nach Düsseldorf. Haben Sie bei atmosfair das auf ihrem Flug entstandene CO2 neutralisiert? Privat würde ich das ja machen ... Und beruflich handeln Sie mit Emissionszertifikaten? Nein, ich beobachte den CO2-Markt und die politischen Entwicklungen und unterstütze unsere Händler dadurch bei ihren Handelsentscheidungen. Was ist der CO2-Markt? Die Grundlage für den europäischen CO2-Markt ist die politische Entscheidung der EU, Unternehmen eine bestimmte Menge an CO2-Ausstoß zuzubilligen. Für alles, was darüber hinaus geht, müssen sie Zertifikate kaufen, die an Börsen gehandelt werden. Einige Experten vertreten die Meinung, dass der CO2-Zertifikatemarkt in Zukunft einer der wichtigsten Energiemärkte überhaupt werden könnte. Was machen Sie, um Handelsentscheidungen treffen zu können? Ich verfolge die Entwicklungen um den europäischen Emissionsmarkt. Dazu beobachte ich Nachrichtenticker, politische Entwicklungen und erstelle Berechnungen zu den einzelnen Marktparametern. Ganz wichtig sind natürlich auch politische Kontakte. Sind Sie wegen Ihrer Kontakte nach Kopenhagen gekommen? Das war ein Grund. Außerdem wollte ich mitbekommen, wie die allgemeine Stimmung ist. Für mein Unternehmen ist interessant, ob die EU ihr Emissions-Minderungsziel von 20 Prozent auf 30 Prozent erhöht. Wenn es ein ambitioniertes Kyoto-Folgeabkommen gibt, hat die EU angekündigt, auf 30 Prozent zu erhöhen, was sich auf den europäischen Emissionshandel auswirken würde. Mal angenommen, Barack Obama hätte im Vorfeld des Gipfels bekannt gegeben, dass die USA ihren CO2-Ausstoß bis 2020 um 60 Prozent reduzieren ... Das ist natürlich nicht sehr realistisch. Wenn wir das Szenario dennoch hypothetisch durchspielen, dann hätte ein solches Statement unter Umständen zu einem Anstieg der CO2-Zertifikatepreise geführt. Warum? Weil es die Option auf ein stabiles und verbindliches Abkommen erhöht hätte – und demnach die Bereitschaft der EU, ein 30 Prozent-Ziel anzunehmen. „No-Offsetting“, kein Emissionshandel, ist eine Forderung vieler Beobachter der Konferenz. Finden Sie Emissionshandel hilfreich für den Klimaschutz? Da muss man zunächst unterscheiden zwischen Emissionshandel und Offsetting. Mit „Offsetting“ ist der Einkauf von Zertifikaten gemeint, die aus Projekten in Entwicklungsländern stammen. Das führt dazu, dass ein Finanztransfer in diese Länder stattfindet, europäische Unternehmen Zertifikate bekommen und diese für ihre Zielerfüllung nutzen können. Ich finde, das ist ein guter Ansatz. Schließlich ist es egal, wo auf der Welt Emissionen vermieden werden. „Emissionshandel“ bezeichnet den Handel mit Emissionszertifikaten, egal welcher Herkunft. Wichtig ist: Wenn die Preise für Zertifikate im europäischen Emissionshandel ein gewisses Level erreichen, investieren Unternehmen automatisch in Vermeidungstechnologien, weil es sich betriebswirtschaftlich lohnt. Und das führt dann zu dauerhaften Emissionsreduktionen. ***

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Mehr zum Klimagipfel auf sueddeutsche.de und im jetzt.de-Label Kopenhagen.

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