Ich und meine Musik

Musik hört jeder, aber jeder macht es anders. In der neuen Kolumne Kosmoshörer dokumentieren jetzt-User und jetzt-Redakteure jeweils eine Woche lang ihren Musikkonsum. Den Anfang macht Redakteur Jan Stremmel.
jan-stremmel

Montag
Noch ganz benommen von gestern Abend. War mit Freund T. auf dem Konzert von Moderat. T. und ich pflegen seit Jahren eine Nischenfreundschaft: Wir schicken uns wöchentlich E-Mails, in denen wir pingpongmäßig neue Songs anpreisen. Sehen tun wir uns fast nur zu Konzerten. T. ist außerdem Bastler aus Leidenschaft, erst letzte Woche hat er zwei alte Hi-Fi-Boxen von Braun für mich restauriert, die eine davon hier unterm Tulpenstrauß:



Das Konzert will ich jedenfalls erst gar nicht gut finden, weil es im Kesselhaus stattfindet, einer Halle, die charme-mäßig irgendwo zwischen dem Studio von Günther Jauch und dem Kölner Dom liegt. Bin aber dann doch nachhaltig markerschüttert von dem schlagsahnigen Emo-Techno und der 3D-Lichtshow und höre das Album morgens in der Bahn und abends nochmal auf meinen neuen Boxen. Nicht gerade ein Alleinstellungsmerkmal, aber: eines meiner liebsten Alben des vergangenen Jahres!

Dienstag
http://vimeo.com/82053429

Abends gehe ich zum Sport. Mein Fitnessstudio ist musikalisch immer ein Spießrutenlauf: entweder läuft dort der schlimmste Lokalsender Münchens oder ein Jumpstyle-Webradio aus Brandenburg. Ich stöpsel mich davon normalerweise mit Kopfhörern und einem guten DJ-Set ab, zuletzt mit diesem hier von Larse. Heute höre ich das neue Album von La Femme. Ich finde diesen Franko-Surfpop durchweg unterhaltsam und, wenn auch weniger gleichmäßig, flott genug für eine Stunde mittelmotiviertes Beintraining ist er allemal.

Mittwoch
http://www.youtube.com/watch?v=SG1RH5a9uw8  

Hab mir das neue Album der Hidden Cameras auf den iPod gezogen und deshalb morgens schon vor dem zweiten Kaffee grundgute Laune. Im Büro höre ich in das neue und mit großem Presse-Tamtam angekündigte Album von Left Boy rein – und bin ein bisschen enttäuscht. Für so viel präpotentes Gehabe ist mir das Stimmchen zu dünn, das halt ich nicht auf Albumlänge aus, zumindest nicht heute.

Donnerstag
Wir lesen abends mit der Redaktion in einem Schwabinger Mini-Theater, und ich soll danach auflegen. Fällt mir pünktlich um 17 Uhr ein. Ich wühle mich durch den CD-Stapel auf meinem Schreibtisch und mische eine halbgare einstündige Playlist mit Songs vom neuen We Are Scientists-Album, einer Prise Egotronic und Gardens & Villa und hoffe, dass niemand vorhat, zu tanzen. Zum Mitwippen reicht's und bei diesem Song prostet mich sogar jemand zustimmend an - Honig für meine DJ-Seele:

http://www.youtube.com/watch?v=AWViNiiaj-c

Freitag
http://www.youtube.com/watch?v=YxcO53WATYw

Ein Katertag im Büro, Kopfweh und Stress, denke nicht mal annähernd an Musik. Auf dem Nachhauseweg dann: Der Soundtrack von "Inside Llewyn Davis". Ein Schonwaschgang für meinen Rotweinkopf und übrigens eines meiner meistgehörten Alben der letzten zwei Monate.


Der Film hat mich gleich so erwischt, dass ich meine alte Gitarre entstaubt und neu besaitet habe. Seither sitze ich abends verkrümmt auf der Couch vor Youtube-Tutorials und lerne den Soundtrack.
  
Samstag
http://www.youtube.com/watch?v=u9sq3ME0JHQ

Zum Frühstück gibt's Räucherlachs mit Etta James. Als Playlist auf Spotify. Ein Wochenend-Tag muss bei mir mit Blues oder Jazz beginnen, frühkindliche Prägung väterlicherseits.

Sonntag
http://www.youtube.com/watch?v=RFrIT6-A6iU  

Höre nachmittags mal wieder ein sehr altes Album von Matt Costa, ehemaliger Jack-Johnson-Zögling und Skater. Dieser Song ist mein nächstes Projekt auf der Gitarre. Abends auf dem Fahrrad zum Abendessen spielt mein iPod ein altes, trauriges Album der nicht so alten, aber sehr traurigen Westküsten-Band Port O’Brien. Und ich werde kurz so wehmütig, dass ich auf dem Rückweg binge-mäßig ein paar Songs von Reverso 68 hören muss – ganz großmütig schwingender Balearen-House.  http://www.youtube.com/watch?v=MzSN5Ueq2_I

Auf der nächsten Seite: Der ausgefüllte Musik-Fragebogen von Jan.
  



 
"Gute Musik” - was ist das für dich?
Musik, die mich bewegt. Irgendwie. Die mich antreibt oder abbremst, wärmt oder stützt – je nach Bedarf. Wenn sie das tut, ist sie gut. Wenn sie es nur anbiedernd versucht und sich dabei im Spagat überreißt, ist Musik für mich verlogen und schlecht. 

Wie hörst du Musik: Klassisch im CD-Spieler, auf dem Handy, über Streaming-Portale?
Fast ausschließlich über iTunes. Ich kaufe mir nur noch selten physische CDs. Unterwegs mit meinem alten iPod, zuhause mit einem iPad über meine große Anlage. Für neue Sachen und Hintergrund-Genudel zum Frühstück liebe ich meinen Spotify-Premiumaccount. Ich habe auch zwei Plattenspieler, auf denen ich hin und wieder Platten mixe, das hab ich früher mal halbwegs regelmäßig in einem kleinen Club gemacht.    

Wo hörst du Musik? Vor allem unterwegs, nur daheim, zum Einschlafen?
Weil ich leider so wenig Zeit daheim vor meinen tollen Boxen verbringe: vor allem unterwegs. Und im Büro über Kopfhörer. Zum Einschlafen nie, dafür fast immer zum Kochen und Essen - und gerne laut.

Hast du eine Lieblingsband oder Musiker, von denen du alles hörst?
Nein. Aber ich glaube, die Band, die ich über den längsten Zeitraum hinweg gehört, gemocht und nie aufgehört habe zu mögen, sind Weezer. Hab ich mit 16 beim Schüleraustausch in Kanada entdeckt. Die alten Dreiakkord-Losersongs lösen immer noch was in mir aus. Wen ich in letzter Zeit rundum genial finde, ist der norwegische DJ Todd Terje. Ich habe ein Spezial-Faible für schlauen Disco-House.

Welche Musik magst du gar nicht und warum?
Drum'n'Bass fand ich immer schon furchtbar, das treibt mir im Sitzen Schweißflecken unter die Achseln. Ansonsten: Jede Musik, der ich die eigene Emotion nicht abnehme, weil sie überall leidenschaftslos fingerdick draufgeschmiert ist und einem die Ohren verklebt. Sachen wie Revolverheld, brrr.

Was war deine erste eigene Platte - und wohin ging dein Musikgeschmack von da aus?
"Die Bestie in Menschengestalt" von den Ärzten, da war ich neun. Punk hat mir durch die Pubertät geholfen, NOFX, Millencollin, und ist dann irgendwann in Richtung Nu Metal abgebogen: Deftones, Korn, dieses Zeug. Irgendwann war das ständige Gejammer und Geseier dann aber auch uninteressant. Ich begann zu studieren und auszugehen, Clubmusik wurde plötzlich toll. Hab dann einige Jahre sehr viel House und Disco gehört, meine Vinyl-Sammlung besteht fast nur aus diesem Zeug.    

Gehst du gern auf Konzerte, und auf welche zuletzt?
Ja. Es rührt mich auf eine seltsame Art, wenn Musik in Echtzeit vor meinen Augen hergestellt wird. Diese Benommenheit nach einem guten Konzert kriegen bei mir sonst nur gute Kinofilme oder Theaterstücke hin. Zuletzt war ich, wie gesagt, bei Moderat. Als nächstes: Darkside, das Nebenprojekt von Nicolas Jaar.

Wie entdeckst du neue Musik und was ist deine neueste Entdeckung?
Vor allem über Musikblogs, denen ich folge: Pitchfork, Stereogum, Noisey. Und natürlich über die Dutzenden CDs, die Labels in die Redaktion schicken. Meine Entdeckung der Woche ist Ami Warning, eine junge und noch viel zu unbekannte Münchner Soul-Sängerin:
http://www.youtube.com/watch?v=dkC0y5XbOhI


Verrate uns einen guten Song zum...
 
Aufwachen: Patrice Rushen – Remind Me (Le Nonsense Remix) http://www.youtube.com/watch?v=IlDHIZqlSzY
Tanzen: Todd Terje - Spiral http://www.youtube.com/watch?v=jwBUKKbp0GA
Traurig sein: Someone Still Loves You Boris Yeltsin – Young Presidents http://www.youtube.com/watch?v=tT2y2iK5cl4 Sport treiben: Purple Disco Machine – Street Life http://www.youtube.com/watch?v=YKDvV-mF9uE

Welchen jetzt-User oder -Redakteur schlägst du als Kosmoshörer vor?
Die Kollegin Mercedes Lauenstein!

Möchtest du auch Kosmoshörer werden und deine Musik-Gewohnheiten dokumentieren? Dann schreib eine jetzt-Botschaft an jan-stremmel oder eine Mail an jan.stremmel@jetzt.de!


Text: jan-stremmel - Fotos: privat

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