Kosmoshörer (Folge 25)

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Die Redaktion fragte am Mittwoch an, ob ich bei der Kolumne einspringen kann, weil kurzfristig jemand abgesprungen sei. Kann ich und kann passieren, geht mir gerade genauso bei den hier initiierten Mix-Tape-Täuschen. Das ist immer dann ärgerlich, wenn die oder der Betroffene dann nichts sagt. Das ist hiermit gerügt. Ich liebe Musik ohnehin, wie hoffentlich jeder Mensch. Die Woche war bisher nicht so arbeitsintensiv und die Vorbereitungen auf ein Interview über das Prager Judentum, das sich kurzfristig verschiebt (hier ist auch gerade Urlaubssaison), treten erst einmal in den Hintergrund. Als Erstes stelle ich fest, dass Musik, seit ich am Anfang des Jahres mein Rolling-Stone-Abo gekündigt habe, nicht mehr die Priorität genießt, die sie mal hatte. Aber dazu später, spulen wir erst mal zurück.

http://www.youtube.com/watch?v=UgTxrae7IZ4

Montag:
"Montags bin ich Praktikant" wird der alternative Reiseführer heißen, den ich vielleicht noch in der mir verbleibenden Zeit hier schreiben werde. "Hier" ist das Prager Literaturhaus deutschsprachiger Autoren. Ich arbeite nebenher zwar noch für zwei weitere Adressen, aber montags eben immer hier. Was auch heißt, ich schreibe das für einen Germanistischen Literaturwissenschaftler, der sich ein Leonardo-da-Vinci-EU-Stipendium direkt nach dem Ende seines Studiums gekrallt hat. Irgendwie habe ich doch gerade ein irres Glück und das erklärt auch, warum Musik derzeit etwas weniger präsent ist. So spielt sie heute zum Beispiel gar keine Rolle: das Arbeiten geht auch ohne leicht von der Hand, da die Chefs nicht da sind, von einer Freundin habe ich gutes Material für die Autorenbiografie, die ich für den Bibliothekskatalog schreiben soll, bekommen und alle freuen sich schon auf die Lesung unserer Stipendiatin morgen. Am Abend gehe ich noch mit einer Praktikantin der deutschen Botschaft in eine Ausstellungseröffnung. Der dort herrschende, selbstreferentiellen Lärm des Publikums ist demjenigen nicht unähnlich, den ich von der hiesigen Kunstakademie schon gewohnt bin: Man kennt sich untereinander, immer dieselben Leute, wie eine gepflegt-piefige Schulhofclique – nur hier dann eben in alt. Ich lerne: Fotos zu zerschreddern und das dann wieder zu fotografieren, ist auch Kunst.

http://www.youtube.com/watch?v=s-ULvJeqDdU

Dienstag:
Der Chef goutiert mein in der Andy-Warhol-Ausstellung am Altstadtplatz eigens (!) siebgedrucktes The-Velvet Underground-Bananen-T-Shirt. Und überrascht mich damit wieder. Den Satz des Tages aber höre ich bei besagter Lesung im Literaturhaus: „… oder das maße ich mir einfach so an.“ Punkt.

Teresa Präauer spricht zuerst über die Zweifel an sexuellen Identitätszuschreibungen, auch ihrer eigenen, um im nächsten Satz zu erklären, sie könne sich sowohl in alte Männer, die Großväter sind, als auch junge Japanerinnen reindenken. Und haut damit die These meiner 102-Seiten-Philo-Magisterarbeit einfach mal über den Haufen. Die Autorin resolut, ich im Publikum sprachlos: Das kann man also auch. Spricht ja eigentlich nichts dagegen. Aber andererseits – den privilegierten Zugang zum Innenleben seiner Figuren hat ja letztlich und zunächst der Autor. Aber das ist, glaube ich, was das literarische Spiel mit der Möglichkeit interessant macht. 

[link=/texte/spotify:track:7s9V6MJ95LWh1gnPNezHIE">Die Sterne – Aber andererseits:

Mittwoch:
Prag ist tendenziell und komischerweise eher rechts, also im vulgär-liberalistischen Sinne, Kommunist fast ein Schimpfwort und Kinderkrippen verpönt. Meine Mitbewohnerin und ich sind folglich froh, ansonsten zwischen Berlin und Leipzig leben zu können. Wo man links und Atheist sein kann und das soziale Netz schätzt, auch wenn man noch keine Kinder vorzuweisen hat. Außerdem: Je moc horký. Es ist sehr heiß und erstaunlich, wie wenig Tschechisch wir nach fast drei Monaten sprechen können. Aber man lernt ja nicht aus. Zumindest meine Englischkenntnisse profitieren stätig: Weil Kino hier günstig ist und meist im Original erklingt. Was einem aber auch nicht hilft, wenn die Affen am Anfang vom Film sich per Gebärdensprache unterhalten und das dann eben nur Tschechisch untertitelt wiedergegeben wird.
 
http://www.youtube.com/watch?v=GmIiEbVhdTA
 
Küchennebenfakt am Rande: Auch der Autor von „Das Känguru-Manifest“, das wir beim gemeinsamen Kochen auf den WG-internen Boxen hören, ist, wie Teresa Präauer übrigens auch, immer noch älter als wir. Aber es wird enger.

Donnerstag:
Das Wochenende hat nicht nur ein Zerwürfnis mit einer langjährigen Freundin mitgebracht, die ich über die Leidenschaft zur Musik kennengelernt hatte, sondern auch die Ankündigung meiner Schwester, mich morgen dann doch mal besuchen zu kommen. Putzen wäre eigentlich die Gelegenheit gewesen, nebenbei Musik zu hören. Erst da fällt mir auf, dass diese gerade eben nicht mehr so wichtig ist. Man streitet letztlich über – eigentlich indiskutablen – Nonsens wie Fußball, oder ist von den Leuten aus dem Oasis-Fan-Forum ausgerechnet noch mit den Blur-Fans in Kontakt. Oder mit einer langjährigen Freundin in Dublin, die mir die Serie „My Mad Fat Diary“ empfiehlt, die mich angenehm an eine Mischung aus „Skins“, „Freaks and Geeks“ und „In Treatment“ erinnert – in einem 1996er-Setting. Der Plot ist mitunter zwar teenagerbanal, aber die Zeitreise zusammen mit dem kongenial eingesetzten Soundtrack reißt das raus: Die benutzen noch Kassetten! „Disco 2000“ ist noch Zukunft! Musik plus irre Menschen coming of age. Kann man nie genug von haben. 

http://www.youtube.com/watch?v=yBKBl_s0NsQ 

Freitag:
Sightseeing – en famille – v Praze. Es ist immer noch sehr heiß, was die Bewegungsfreudigkeit merklich einschränkt, aber das öffentliche Verkehrssystem ist hier ein sehr gutes und meine Ortskenntnis – entgegen anderslautender Darstellungen – gar nicht mal so schlecht. Diesmal finde ich die John-Lennon-Wall auf Anhieb. Auch wenn sie derzeit nicht gerade ein postkartenmustergültiges Format aufweist: Zu viele Nichtkünstler haben eben ihr mangelndes Talent und ihre bloße Existenz an ihr bewiesen. Dafür verschollen bleibt mein Schlüssel, und zwar seit gestern Abend, an dem ich noch ein – wie ich gelernt habe – nonverbales Theaterstück (Tanz) gesehen habe mit direkt daran anschließendem Konzert der beteiligten Liedermacherin. Auf dem Schiff und über der Vltava. Können wir demnach alles in einem Abwasch abhaken. Mit Dank an Mitbewohnerin #2 von 3, die uns für lau reingeschmuggelt hat. 

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„Meist schweißt es die Partner eher zusammen, wenn sie gemeinsam die Depression überstehen”, sagt Dr. Gabriele Pitschel-Walz.

Illustration: Julia Schubert


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