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Ein Abend mit dem Prediger des „I bims“

Willy Nachdenklich hat das Jugendwort des Jahres groß gemacht. Wir waren bei einer seiner Lesungen.
Von Viktoria Klimpfinger

Die Jugendkultur hat nun endlich wieder einen neuen, amtlich geprüften und für gut befundenen Slogan – das Jugendwort des Jahres. Diesmal ist es aber nicht ein einziges Wort, sondern fast so etwas wie eine ganze Phrase: „I bims“. Die Internet-Schenkelklopfer-Version von „Ich bin’s“. Stellvertretend wird damit von der Jury aber eigentlich der gesamte Vong-Kauderwelsch als Sprache anerkannt. Zeit wird’s: Immerhin haben Ausdrücke wie „vong Niceigkeit her“, „I bims“ und generell das Ersetzen aller Wörter mit „eins“ durch die Zahl 1 sich aus den Untiefen des Internets längst zu 1 Sprachtrend hochgearbeitet. Nach einem durchzechten Abend verabschiedet man sich mittlerweile gekonnt mit der Pointe „Ich muss jetzt gehen vong Müdigkeit her“ – und damit ist dann auch klar: Der Spaßvogel der Runde verlässt nun das Gebäude. 

Willy Nachdenklich ist Vong-Sprachkünstler der ersten Stunde. Ohne ihn wäre der Hype wohl nicht möglich gewesen, das Jugendwort des Jahres wäre jetzt wahrscheinlich ein anderes. Anfangs hat er mit seiner Facebook-Seite „Nachdenkliche Sprüche mit Bilder“ all jenen aus der Seele gesprochen, bei denen die echten pseudo-nachdenklichen Memes mit kitschigen Kerzen oder Katzenbabys wütende Magenkrämpfe auslösen. „Ursprünglich ging es um diese Sprüchlein auf Bildern von Kaffeetassen, mit denen sich die Leute gegenseitig einen schönen Dienstag wünschen“, erklärt Willy. „Aber auch um die ganzen tiefgründigen Sprüche, die meistens von Leuten geteilt werden, die doch nicht so tiefgründig sind.“ Jetzt macht er das Ganze in Buchform. Mit seiner Kurzgeschichtensammlung „1 gutes Buch vong Humor her“ fährt er wie ein Rockstar durch den deutschsprachigen Raum. „Serwus – i bims!“ heißt seine Lese-Tour. Damit mischt er das Genre der literarischen Lesung auf. So wie vor ein paar Tagen in Wien.  

 

Donnerstag, 20:30 Uhr, im Wiener Lokal Reigen. Früher haben wir dort auf klassischen Teenie-Partys zu soften Generationshymnen wie „Mr. Brightside“ von The Killers unser Leben gefeiert. Heute liegen auf den Tischen weiße Tischtücher und wir lassen uns von den Kellnern den Wein bringen. Der herausgeputzte Raum wirkt fast schon surreal, denn immerhin wird hier gleich Willy lesen - ein Typ mit Nasenbrille und schmerzhaften Grammatikfehlern im Gepäck. Der Saal ist voll. Eine bunte Meute von über Hundert Hipstern, Bobos, Normalos und ein paar distinguierten Älteren – alle wollen sie den Prediger des „I-Bims“ sprechen hören.

 

Eigentlich stand ich dem ganzen Vong-Hype ja immer irgendwie skeptisch gegenüber. Natürlich ist es erst mal saukomisch, wenn man auf Facebook zwischen all den ernstgemeinten Sinnsprüchen und perfekt ausgeleuchteten Food-Fotos plötzlich Dinge liest wie: 

Aber warum eigentlich? Weil es Leute gibt, die wirklich so doof sind und solche Dinge schreiben – und sagen? Ist das nicht irgendwie fies? Das Ganze erinnert ein wenig an die Frauentausch-Compilations mit den furchtbarsten Kandidaten. Wenn ein sichtlich verbal-schwacher Typ sich im Fernsehen blamiert, lacht man vielleicht zunächst unüberlegt auf, schämt sich aber im nächsten Moment, weil man damit am Tiefpunkt des RTL-Voyeurismus angekommen ist.

 

Ich habe mich also darauf vorbereitet, mich bei Willys Lesung irgendwie schmutzig zu fühlen und mich und alle anderen für unsere elitäre Verarsche sprachlich Eingeschränkter zu verachten. Aber schon allein das Setting hat mich zum Schmunzeln gebracht – vong Aufmachung her: Macht der Typ mit der Nasenbrille vielleicht wirklich auf Literat? Zum Glück nicht. 

Auf die Bühne kommt ein sichtlich überwältigter Willy Nachdenklich, der vor lauter Freude über den vollen Saal immer wieder ekstatisch das Wiener Allround-Wort „Leiwand“ raushaut. Punkt für ihn: Die Wiener lieben es, wenn Bayern ihren Slang unsanft plagiieren. Satte drei Stunden liest Willy aus seiner Sammlung von 18 Kurzgeschichten vor – von Alltagsgeschichten übers Schlafengehen als Teenie, trist-trostlosen Figuren à la RTLII bis hin zu Auszügen aus der Gedankenwelt des „Jogi Löb“ ist wirklich viel dabei. Und natürlich wirklich viel guter Blödsinn. Das sagt der 1stein des Vong auch selbst: „Das ist so blöd, das fällt einem jetzt beim Lesen erst auf“, lacht Willy nach einem flachen Joke.

Abgesehen von der offensichtlichen Verarsche der RTL-Klientel – von der ich mir ja wie gesagt vorgenommen hatte, ihr superkritisch gegenüber zu stehen – hat Willy tatsächlich auch Wortwitze anzubieten, die ohne vong irgendwie lustig sind: „Tage kamen mir wie Minuten vor, obwohl sich alles gerade nicht mal in einem Bruchteil einer Sekunde abspielte“, „die Stecknadel im Heuhaufen fallen hören“ und andere Verballhornungen gängiger Sager sind zwar flach, aber eben so flach, dass sie wieder gut sind. Überprüfen lässt sich das ganz einfach: Jede Geschichte im Buch ist einmal in Vong-Sprache und einmal ohne augenschmerzende Grammatikfehler abgedruckt.

 

Zwischen dem geballten Arsenal an Schenkelklopfern dringt im Laufe des Abends auch immer stärker politische Kritik und Gesellschaftssatire durch. Eine Szene Carlos hat tatsächlich das Zeug zu einem Stimmungsbild auf unsere heutige Situation, natürlich immer hart vorbeischrammend an politischer Unkorrektheit. Die fiktive Mittvierzigerin Gisela Stöckelmeier, die zu einer AfD-Veranstaltung geht und zwischen ihrem Partei-Fantum und ihrem dunkelhäutigen Liebhaber schwankt.

 

Das Politische ist Willy selbst auch wichtig: „Das will ich schon auch reinbringen. Nicht unbedingt ständig, aber ab und zu.“ Mit kreischend fehlerhaften Worten karikiert der Vong-Poet in seinen Texten aber alles Mögliche, was sich zwischen Politik und Katzenvideos tummelt, wie zum Beispiel den bedeutungsschwangeren, aber eigentlich redundanten Text „Geboren, um zu leben“ von Unheilig, über den Gisela in einer Kurzgeschichte sinniert: „Geboren, um zu leben war ihr gemeinsames Lied. Geboren, um zu leben – der Graf hatte recht, weil man ja direkt ins Leben hineingeboren wurde.“

 

Und neben viel Blödelei macht das sogenannte Vongolisch und auch die Tatsache, dass wir uns darüber lustig machen, ganz versteckt vielleicht sogar eine kleine Aussage darüber, in welchem Spannungsfeld wir uns auf Social Media und generell bewegen: der Schere zwischen leicht überheblichem Bildungsbürgertum und schonungsloser RTL-Kultur, die durch zynisches Belächeln einerseits und wütende Hassparolen andererseits immer stärker auseinanderklafft. Oder vielleicht versuche ich damit auch nur zu rechtfertigen, dass ich es insgeheim doch saukomisch finde.

 

Willy sieht sich jedenfalls klar als Urvater des Vong, obwohl ihm die graue Facebook-Eminenz H1 (Heinz) versucht hat, das streitig zu machen. „Die zwei Studenten, die hinter H1 stecken, haben am Anfang eins zu eins meine Sprüche auf ihr Layout draufgemacht“, erzählt Willy. „Da habe ich ja so nichts dagegen, aber als ich sie gebeten habe, mich wenigstens darauf zu verlinken, haben sie mich blockiert. Irgendwann haben sie mich dann angeschrieben und meinten, sie klauen nichts mehr von mir.“ Es geht also in Sachen Copyright ganz schön ab im Vong-Universum. Das „I bims“, das seit Freitag stellvertretend für unser sprachwissenschaftliches Pendant eines Autounfalls steht, hat er zwar mit groß gemacht, es stammt aber nicht von ihm: „‘I bims‘ habe ich von Money Boy. Ich habe ihn über Facebook verfolgt, wo er das teilweise in seine Sprüche hineingetan hat.“ 

So kritisch man das Ganze also beäugen will – Willy fungiert mit seiner Lesetour als Botschafter des I bims und des Vong und erntet wohl sogar beim größten Skeptiker ungewollt Sympathiepunkte. Die Mischung aus superseriösem Setting, einem Typen mit Nasenbrille auf der Bühne, der lethargisch im bairischen Dialekt und inhalierter Vong-Sprache jede Menge Gags und surreal komische Geschichten serviert, bringen irgendwann den politisch korrektesten Zuhörer zum schallenden Mitprusten – vong Lustigkeit her. 

 

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