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Foto: Lisa Heidenbluth

Wie schafft man es, nach einer Vergewaltigung weiterzuleben – als Täter und als Opfer? Diese Frage stellt der 27-jährige Schauspieler und Autor Max Benyo in seinem Hörspiel „Tinnitus". Im Interview spricht er darüber, wieso wir uns mit dieser Frage intensiver beschäftigen sollten.

jetzt: Der Protagonist Tim vergewaltigt Lena mit 16, wird mit 20 wieder aus der Haft entlassen. Dann treffen sie sich wieder, nähern sich sogar an. Wie kamst du auf diesen Plot?

Max Benyo: Ich fand es interessant und erschreckend, dass es unter Jugendlichen so oft zu sexualisierter Gewalt kommt. Und wollte fragen: Woher kommt diese Gewalt? Die Idee zu der Geschichte gärt schon seit fünf Jahren in mir. Da habe ich begonnen, zum Thema sexualisierte Gewalt unter Teenagern zu recherchieren. Ich habe viel gelesen, mit dem Jugendamt und mit einer Anwältin gesprochen.

Lena und Tim sind noch wahnsinnig jung.

Ja. Und Tim hat die Jahre zwischen 16 und 20 im Knast verbracht. Wie bestreitet jemand dann sein Leben? Wie kann er mit so einer Schuld lernen, ein guter Mensch zu sein? Kann er eine Beziehung führen? Um das herauszufinden, habe ich eine neutrale Position eingenommen und von außen auf die beiden geschaut.

Der Hörer erfährt sehr viel mehr von Tim als von Lena. Er wird einem fast sympathisch, gleichzeitig will man sich dagegen wehren – er hat immerhin eine Frau vergewaltigt.

Ja, das ist ein schmaler Grat. Der Hörer kommt in einen Konflikt, er beginnt einen Mann zu mögen, der eine furchtbare Straftat begangen hat. Aber dahinter verbirgt sich auch eine Chance.

Inwiefern?

Ich wollte tiefer schauen. Wir behandeln sexualisierte Gewalt oft als Thema. Wenn aufgearbeitet ist, wer der Täter ist, hören wir meist auf, uns damit zu beschäftigen. Dann ist die Arbeit der Polizei abgeschlossen. Ich finde, wir sollten uns individueller mit bestimmten Fällen befassen. Täter sollen dabei natürlich nicht ihre Schuld verlieren. Aber man muss sich den Menschen anschauen, der die Tat begangen hat. Wieso ist das passiert? Sonst kann man die Problematik nicht angehen.

„Es ging mir um Szenen, die ekeln“

Tim steht unter Drogen, als er Lena vergewaltigt. Er wurde von seinen Freunden dazu gedrängt, diese Drogen zu nehmen, und es sind auch seine Freunde, die ihn anstacheln: „Wenn du sie nicht nimmst, dann mach ich das. Sie macht schon mit, wenn du sie nur mal küsst.“ Das wirkt ein bisschen so, als ob er dadurch weniger schuldig sein soll.

Es geht nicht darum, ihm so die Schuld zu nehmen. Aber es soll zeigen: Tim erlebt Gewalt, im Freundeskreis und auch in seiner Familie. Man hört ihn zum Beispiel Pornos schauen, seine Eltern sind nicht besonders empathisch, seine Freunde sehen Frauen eher als Objekte.

Das ist mir auch extrem aufgefallen. Tim ist ja eigentlich in Lena verliebt. Aber dafür ist im Gespräch mit seinen Freunden gar kein Platz. Es heißt nur: „Geile Titten!“

Ja. Ich habe das auch um mich herum erlebt, als ich in dem Alter war. Ich wollte die Frage stellen: Wie sollen Kinder und Jugendliche erzogen werden, wie muss man mit ihnen über Sexualität sprechen, damit solche Gewalt nicht mehr passiert? Was muss sich ändern?

Also siehst du das Hörspiel auch als eine Art Aufruf?

Ja. Es ging mir um Szenen, die wehtun, die ekeln, die provozieren. Ich sage nicht, dass es in jeder Kleinstadt so aussieht, aber sexualisierte Gewalt unter Jugendlichen ist extrem häufig. Und die Dunkelziffer ist riesig. Zwei Frauen aus meinem Freundeskreis haben mir anvertraut, dass sie sexualisierte Gewalt erfahren haben. Sie haben sich danach nie wieder damit auseinandergesetzt. Dabei sind sie in ihrer Seele angegriffen. Ich wollte das Thema nicht politisch korrekt beleuchten, sondern polarisieren.

„Die Kombination aus Gewalt und Sex ist heute für jeden so frei zugänglich“

Und dabei hilft es, wenn man sich mit dem Täter auch ein bisschen identifiziert oder ihn zumindest sympathisch findet?

Ja. In Literatur und Presse sind Vergewaltiger meistens eklige, mittelalte Männer, die im Park den Mädchen auflauern. Aber sexualisierte Gewalt macht nicht Halt vor Alter, vor Klasse, auch nicht vor Geschlecht. Ich wollte einen Gegensatz zu diesem Klischee erzählen. Tim ist introvertiert, er ist sensibel. Woher kommt diese Gewalt? Wie kommt er dazu, sich das Recht auf diese Gewalt zu nehmen?

Was meinst du – woher kommt sie?

Ich glaube um ehrlich zu sein, dass die Medienindustrie und damit auch die Pornoindustrie den Anfang machen müssten. Ja, es gibt heute auch Pornos, in denen Frauen nicht nur Objekte sind. Aber viel zu wenige. Und das ist sicher nicht das, was ein 16-Jähriger als erstes im Internet findet, und was ihn dann prägt. Die Kombination aus Gewalt und Sex ist heute für jeden so frei zugänglich. Das finde ich schockierend.

In deinem Hörspiel entsteht aus der Vergewaltigung auch noch ein Kind.

Ich war vor vielen Jahren in einem Mutter-Kind-Zentrum. Dort hat mir eine Frau erzählt, dass sie den Vater ihres Kindes nicht wirklich kennt, weil das Kind durch eine Vergewaltigung entstanden ist. Das hat mich extrem geschockt. Es ist ein Wahnsinn, dass sich eine junge Frau damit auseinandersetzen muss, ob sie ein Kind behält oder nicht, das durch Gewalt entstanden ist. Damit wollte ich mich befassen.

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