Braunes Gold

Ohne ihn geht gar nichts: Kaffee ist mehr als ein einfaches Heißgetränk. Er ist zum Schmiermittel der Arbeitswelt mutiert. Gedanken bei einer - nein, vier Tassen Kaffee.
michalis-pantelouris

Illustration: Julia Schubert



Die erste Tasse, am Morgen
Als 1985 der Film „Zurück in die Zukunft“ in die Kinos kam, wirkte es nur ein kleines bisschen verrückt, dass Doc Brown bei seiner Rückkehr aus dem Jahr 2015 keine Straße mehr braucht, weil sein Auto, mit dem er aus dieser glorreichen Zukunft zurückreist, fliegen kann. Heute wissen wir: Autos fliegen nicht.

In Wahrheit hat sich überhaupt nicht viel verändert. Wer heute in einer Zeitmaschine aus dem Jahr 1985 in der Gegenwart landen würde, der würde zunächst nicht viele Unterschiede bemerken. Handys wahrscheinlich als Erstes, verbunden mit dem Internet. Dann, dass Kopfhörerkabel plötzlich weiß sind. Und schließlich, wenn er denkt, das seien aber eigentlich alles vernünftige Neuerungen und Weiß sei schließlich nicht schlechter als Schwarz, würde er an einem Laden vorbeikommen, in dem Menschen einen Venti White Chocolate Mocha oder einen Grande Soya Iced Caramel Macchiato bestellen, dafür das Sechs- oder Zehnfache dessen bezahlen, was einmal eine Tasse Kaffee gekostet hat, und mehr Kalorien aufnehmen als bei einer Hauptmahlzeit.

Man könnte sagen, das Handy ist eine Evolutionsstufe des Telefons. Es hat sich entwickelt. Das mit den fliegenden Autos kommt erst noch. Aber Kaffee? Kaffee ist mutiert. Das ist keine Evolution mehr. Das ist eine Explosion. Und dabei ist Kaffee irgendwie immer noch genau das Gleiche wie immer: der Schmierstoff einer Welt, die erstens arbeitet – und zweitens immer zu früh am Morgen damit anfängt.  

Tasse zwei, die Arbeit beginnt
„Nicht für Kinder ist der Türkentrank“, hieß es früher in dem heute wahrscheinlich politisch nicht mehr ganz korrekten Kinderlied aus dem 19. Jahrhundert, mit dem didaktisch die Tonfolge C-A-F-F-E-E vermittelt wurde, „trink nicht so vi-hiel Ka-ha-ffee“. Historisch korrekt war das Lied nicht, denn Kaffee wurde zwar schon im 16. Jahrhundert im Osmanischen Reich getrunken, aber spätestens im 17. auch in Mitteleuropa. „Türkentrank“ ist Quatsch, „Reichentrank“ wäre richtiger gewesen. Die ärmeren Schichten tranken Muckefuck, gebrüht aus irgendwas. Eicheln. Zichorien. Etwas wie Kaffee. So nah wie möglich an Kaffee.

Denn die ganze Welt ist abhängig. Die ganze Welt steht mit ihm auf, und „sich auf einen Kaffee treffen“ kann –vom unverbindlichsten Feindkontakt bis zum zeitsparenden Auf-den-neuesten-Stand-Bringen unter besten Freunden oder Kollegen – jede soziale Funktion erfüllen, die man sich nur vorstellen kann. In seiner archaischen Sonderform „Kaffee und Kuchen“ sogar mit echt alten Leuten. Kaffee, in den eimergroßen Venti-, Trenti- oder Was-auch-immi-Größen, ist in US-Großstädten längst das neue Rauchen beim Abhängen an der Straßenecke. Es ist die kleine Erholung im Büro, die Zigarettenpause der Generation Rauchverbot, die Teezeremonie des gestressten Westlers ohne Privatleben auf der Suche nach der Work-Work-Balance.

Es ist erstaunlich, welche Fähigkeiten Kaffee schon rein physiologisch zugesprochen werden: Wer müde ist, trinkt ihn, um aufzuwachen. Wer gestresst ist, trinkt erst mal in Ruhe einen Kaffee. Im Krankenhaus gibt man ihn morgens zum Abführen, und in Fitnessstudios trinken die, die abspecken wollen, auf nüchternen Magen einen doppelten Espresso (ohne Zucker, klar), bevor sie auf den Crosstrainer steigen, weil das Koffein die Fettverbrennung in Schwung bringt. Das sind alles nur Beispiele für Kaffees, die man allein  trinkt. Seine echte Funktion und Fähigkeit entfaltet Kaffee erst dann, wenn er in Gemeinschaft genossen wird: als Schmiermittel der Wirtschaft, der Gemeinschaft, der Welt.

Tasse drei, unter Menschen. Konferenzzeit
Im ersten Moment könnte man es für ein Wunder halten, dass „Kaffee trinken“ keine eindeutige Konnotation hat. „Kommst du noch auf einen Kaffee mit rauf?“ ist eine inzwischen derart klischierte Einladung zum Sex, dass man erstens abends niemanden mehr nur für einen Kaffee in seine Wohnung einladen kann und dass zweitens selbst VW inzwischen Werbung damit machen kann. (Im Radiospot sagt als Antwort auf die Frage der Frau, ob er noch auf einen Kaffee mit hochkommt, das Navigationsgerät zum Mann: „Sie haben Ihr Ziel erreicht.“ Haha.)Auf den zweiten Blick ist es gar nicht mehr erstaunlich: Es wird einfach in zu vielen sozialen Situationen Kaffee getrunken. Ein Kaffee muss gar nichts, kann aber alles bedeuten. Der Satz „Wir sollten mal einen Kaffee zusammen trinken“ kann Vorbote eines drohenden Donnerwetters sein, Meinungsverschiedenheiten zwischen Kollegen oder Abteilungen können so auf neutralem Boden und vor friedlicher Kulisse – der Cafeteria – ausgefochten werden. Von der richtigen Person ausgesprochen, kann der Satz bedeuten, dass man entdeckt worden ist. Dass Großes bevorsteht. Wahrscheinlich sollte man zumindest in seinem Berufsleben eine Einladung zum Kaffee nie ausschlagen, wenn man nicht gerade als Justizvollzugsbeamter für die Bewachung von Hannibal Lecter zuständig ist. Menschen trinken Kaffee zusammen als eine Art Mahlzeit: die nächstfriedlichere Geste unterhalb der echten, gastfreundlichen Einladung nach Hause. Ein warmes Getränk, Nahrung für Körper, Geist und Seele – das Koffein regt an, macht den Magen voll und wärmt auch im übertragenen Sinn. So viele Bräuche sind offenbar entstanden, um friedliche Absichten anzuzeigen: Nur waffenlose Hände lassen sich schütteln. Beim Anstoßen schwappt das Bier vom einen in den anderen Krug, so- dass keiner oder alle vergiftet sind. Aber eine Tasse Wärme, das ist mehr als nur Frieden.                                                      

Tasse vier, nach dem Essen Wir müssen nicht darüber sprechen, wie Kaffee schmeckt. Es gibt inzwischen eine eigene Berufsbezeichnung für den Kaffeewirt – Barista, angelehnt an das italienische Wort für Barmann, aber mit dem eigenen Plural Baristas –, es gibt die gastronomische Kultur der „Latte Art“, der Kunstwerke in Milch auf dem Cappuccino, es gibt in den Hipster-Stadtteilen der Metropolen kleine Kaffee-Röstmanufakturen – und trotzdem schmeckt Bürokaffee wie Bürokaffee, und nur absolute Kaffee-Vollnerds reden über Kaffee wie alle anderen über Wein oder Tee. Wir alle haben schon bei Terminen Kaffee angeboten bekommen, dessen Äquivalent in Wein wir ausgespuckt hätten. Der Geschmack ist nachrangig, vielleicht fällt es gerade noch auf, wenn ein Kaffee völlig übersäuert und dünn ist, ansonsten ist ein guter Kaffee im täglichen Hausgebrauch einer, der irgendwie rund ist. Aromen, Körper, Säure – so bewertet man andere Getränke. Kaffee, der ist anders.

Vielleicht sagt man es so am besten: Sekt und Schnaps sind, wenn die Arbeit getan ist. Kaffee ist genau dann, wenn es passiert. Wenn es wichtig ist. Kaffee ist dabei. Der Freund. Die coole Sau. Immer dabei.


Wenn Kaffee das Schmiermittel der Wirtschaft ist, sind Baristas die heimlichen Chefs. Daniele Luongo arbeitet an der Espressobar im Verlagsgebäude der SZ. Wir haben mit ihm über seinen verantwortungsvollen Job gesprochen.

  • teilen
  • schließen