Cro, ärgere dich nicht!

Es scheint, als würde bei Cro nie auch nur eine Kleinigkeit schiefgehen. Wir wollten das überprüfen und haben ihn zu einer Partie "Mensch, ärgere dich nicht" herausgefordert.
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Illustration: Julia Schubert


Ein Gespräch über Rückschläge, bei einer Partie „Mensch, ärgere Dich nicht‟. Sonderregel: Schmeißt der Reporter eine Figur des Interviewten, darf er eine unangenehme Frage stellen. Umgekehrt darf der schamlos bewerben, was er will, wenn er es schafft, eine Figur des Reporters zu schmeißen.    

Der Beginn des Interviews verzögert sich um eine gute Stunde, weil bei dem Rapper ein Klavier geliefert wird, das aber zu spät kam. Ich habe etwas Zeit, mich im Büro von Cros Label Chimperator in der Stuttgarter Innenstadt umzusehen. Es herrscht eine sympathische Mischung aus New-Economy-Loft und Studenten-WG. Glaswände sorgen für Lichtdurchflutung, es liegt viel Kram verstreut: kartonweise CDs, Poster, Kamerastative, Ikea-Tragetaschen voll mit Geschirrtüchern. Es könnte genau diese Mischung aus Professionalität und „Easy“-Mentalität sein, der sich Cros Karriere verdankt. Carlo, wie er heißt, wenn er seine Panda-Maske nicht trägt, begrüßt dann mit herzlicher Umarmung und will schnell loslegen: „Dann würde ich sagen – du beginnst. Alter vor Schönheit.“

jetzt.de: Was für ein Klavier ist es denn?
Cro: Ein Steinway Essex. Geiles Klavier. Die Menschen, die Steinway kennen, die flippen jetzt aus. Das ist der Mercedes unter den Pianos! Deshalb will ich nur heim und spielen!

Spielst du gut?
Es reicht, damit Mädchen sich verlieben.

Wie gehst du mit Rückschlägen um?
Manche sind hart und fies – aber die gehen in der Regel sehr schnell rum. Spätestens wenn ich mir Rat von Kody geholt hab.

Wer ist Kody?
Ein Dude hier aus dem Büro, der vor allem früher die Paparolle innehatte.

Und was war der letzte Rat, den er dir gegeben hat?
Scheiß auf andere, check die Klicks, und zähl dein Geld, Homie.

Waren das alles gute Zahlen?
Das waren sehr gute Zahlen.

Bist du denn reich?
Gefühlt: voll! Keine Ahnung, was andere da denken würden. Aber für mich ist das gerade sehr viel Geld.

Es gab in der Redaktion Diskussionen, ob du überhaupt geeignet bist, um über Rückschläge und übers Scheitern zu sprechen.
Nicht so wirklich, ne?

Läuft wirklich alles so glatt, wie’s von außen aussieht?
Schon. Es hat echt alles ziemlich perfekt funktioniert. Crazy! Beängstigend verrückt gut hat das alles funktioniert!
Es passt schon sehr stimmig ins Bild, dass Cro – während er das sagt – die erste Figur des Spiels schlägt. Vermutlich passt es noch etwas besser, dass er dann vergisst zu werben.
Kannst du dir den Erfolg selbst erklären?
Es war wohl alles dabei: ein tolles Team, ein bisschen Talent, ein bisschen Glück. Viel Fleiß allerdings auch.
Er schlägt noch eine Figur.
Darf ich jetzt werben?

Zweimal schon.
Ach geil! Dann fangen wir doch ganz locker an: neues Album, draußen seit 6. Juni, „Melodie“, meins.

Und gleich noch mal bitte.
Dann werbe ich doch gleich noch für meine neue Viovio-Klamottenkollektion. Die ist gerade erschienen. Anschlusstreffer in der Werbepause. Ich schlage auch eine Figur.
Wie fühlt es sich an, wenn in quasi allen Kritiken „niedlich“ steht?
Egal. Ich bin ja auch niedlich. Pandas sind niedlich. Alle lieben Pandas.

Wie lange kannst du das mit der Maske noch durchziehen?
Hoffentlich für immer. Keine Ahnung, wie ich in zehn Jahren drüber denke. Aber gerade ist es mir unendlich viel wert, nicht erkannt zu werden, wenn ich die Maske abnehme.
Funktioniert das denn wirklich immer noch?
Funktioniert immer noch.
Gleichstand: Direkt vor seinen Zielfeldern schlage ich noch eine Figur! Der Ärger darüber ist nicht sehr glaubwürdig.
Mal eine ganz andere Theorie: Eigentlich bist du Nostalgiker!
Hä?
Doch, doch! Deine Songs leben hauptsächlich von der sehr liebevollen Erinnerung an eine frühere Zeit.
Aber das hat nichts von „Früher war alles besser“. Was du da raushörst, ist eher ein Gefühl von „Damals war alles geil – aber jetzt ist es noch besser“. Und deshalb ist dieses Damals für mich so perfekt. Hätte ich da nicht all das gemacht, was ich gemacht habe, dann wäre es jetzt nicht, wie’s ist.

Himmel, bist du denn schon mal mit irgendwas gescheitert?
Überlegt sehr lange. Ich habe zu Hause so eine seltsame Flöte aus dem Urwald. Aus der bekomme ich keinen Ton raus. Die muss man so komisch halten. (lacht) Warte, ich werfe dich noch mal schnell raus, bevor ich ernsthaft antworte.
Gesagt, getan.
Oh Gott, ich kann nicht gleichzeitig überlegen und spielen. Also: Nö, bin nicht gescheitert. Wenn ich merke, dass ich scheitern würde, dann fange ich gar nicht erst an.
Klingt feige!
Egal.

Was bedeutet Scheitern für dich?
Etwas zu erwarten, das ich dann nicht mal im Ansatz erreiche.

Sind das dann nur eigene Ansprüche, oder kann es auch schlechtes Feedback von anderen sein? Eigentlich nur eigene. Wenn jetzt alle schreiben würden, mein neues Album ist beschissen, würde ich trotzdem denken: „Ihr seid alle bescheuert! Das ist geil so! Ihr seid doch gescheitert!“

Kannst du gut mit Druck umgehen?
Es gibt schon immer wieder Momente – Albumproduktionen und so –, in denen ich mir denke: „Fuck, wie schaffe ich das jetzt alles? Gelingt mir noch mal so etwas Krasses?“ Aber das verfliegt ganz schnell wieder.

Wie? Indem ich einfach Musik mache und merke: „Ah, wieder was Geiles entstanden.“

Kannst du selbst beurteilen, wann etwas geil ist?
Na klar. Ich hab ja meinen Geschmack, und der hat mich bisher noch selten getäuscht.

Wenn dich nachts etwas um den Schlaf bringt, hast du mal gesagt, dann hat das immer mit Liebe zu tun. Das ist ja durchaus doppeldeutig, meinte aber Liebeskummer, oder?
Doch, schon. Herzschmerz war eine Zeit lang schon ein Thema. Aber momentan ist es eher die schöne Seite der Liebe, die mich nachts wach hält.

Bist du ein Beziehungstyp?
Ja, doch. Ich bin nicht gern allein, und ich teile alles lieber. Ich teile richtig gern!

Ist denn „Work-Life-Balance“ ein Thema für dich?
Ich weiß nicht mal, was das heißt.

Genug Geld verdienen, aber trotzdem Zeit haben, es auszugeben.
Aha. Denke ich nicht drüber nach.

Man erzählt sich von Cro, dass er ein extrem fokussierter Arbeiter sei. Angeblich produziert er Songs zum Teil in wenigen Stunden, ohne anschließend noch viel ändern zu müssen. Man kann sich das gut vorstellen, wenn man ihm beim Nachdenken zusieht. Manchmal wirkt es, als würde er Gesagtem nachlauschen: „Hat das Sinn ergeben? War es das, was ich sagen wollte?“ Er tut das sehr konzentriert – aber nie lange. Dabei scheint er in diesem Fall kaum mitzubekommen, dass er noch eine Figur schlägt. Als ich ihn beim nächsten Wurf schlage, reißt es ihn aber etwas.

Wie riecht es nach einer Show unter der Maske?
Meine Schwester hat mal an der Maske geschnuppert und gesagt: „So riecht also Erfolg – nach Gummi und Schweiß!“ (lacht)

Produzierst du wirklich so schnell, wie die Leute sagen?
Auch nicht immer. Aber eher schon. Bei „Traum“ zum Beispiel hab ich keine dreieinhalb Stunden gebraucht, um das zu schreiben.

Sind das dann auch die Songs, mit denen du glücklicher bist?
Ja. Die schnellen sind immer die besten.

Taugt das auch als Lebensmotto: Immer möglichst schnell entscheiden und dann weitermachen?
Ja, einfach machen funktioniert für mich meistens sehr gut.

Du darfst auch noch zweimal werben.
Aber ich weiß gar nicht, wofür. Ach doch: für meine Schwester! Gut! Hier müsst ihr alle gucken: www.julewaibel.com. Die macht krasse Kleider, die bald bei „Austria’s Next Top-Model“ zu sehen sind. Eine ganze Show mit ihrem Stuff. Super!

Die letzten zehn Minuten vergehen mit vollem Fokus auf das Spiel. Ein umkämpftes, enges Spiel, das Cro mit einer Figur Vorsprung und unter verhaltenem Hohn gewinnt.

Gratulation! Du darfst noch mal werben.
Aber mir fällt nichts ein!

Hast du nicht noch ’ne Schwester?
Leider nein.

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