Das Hobby stirbt zuletzt.

Ein Traum: bezahlt werden für das, was man sowieso zu tun liebt. Oder wird dadurch plötzlich alles, was man gern tut, auf einmal zu echter Arbeit?
christina-waechter

Illustration: Julia Schubert



Ich habe etwas sehr Altmodisches in Zeiten wie diesen: ein Hobby. Und dieses Hobby habe ich nur für mich selbst, weil ich es so gern mag. Ich stricke – fast jeden Abend nach der Arbeit, wenn ich im Auto auf dem Beifahrersitz fahre, wenn ich auf dem Sofa sitze und Musik höre oder wenn der Fernseher läuft. Neben dem Sofa befindet sich ein Korb mit ungefähr zwei Dutzend Knäueln Wolle und – je nach meiner mentalen Verfassung – zwei bis zwölf angefangenen Strickarbeiten. Weil der Korb nur ein begrenztes Fassungsvermögen hat, mäandert die Wolle aus dem Korb wie sehr träges Magma aus einem
Vulkan und erobert langsam, aber sicher einen Teil des Wohnzimmers. Manchmal schimpft dann mein Freund ein bisschen, und dann räume ich die Wolle ein bisschen auf. In meinem eigenen Zimmer gibt es außerdem noch eine Kommode mit meinem „echten“ Wollvorrat. Wenn man die Sache ganz realistisch betrachten würde, könnte man behaupten, ich hätte genug Wolle für den Rest meines langen Lebens. Aber realistische Menschen haben die Sache mit dem Hobby noch nie kapiert.

Stricken kann ich schon, seit ich als kleines Kind von der Zugehfrau meiner Großtante die Grundbegriffe gelernt habe. Aber abgesehen von Socken für besonders verdiente Freunde habe ich in der Zeit zwischen Pubertät und dem Ende meines Studiums keine Stricknadel angefasst. Ich hatte schließlich einen Ruf zu verlieren und außerdem wirklich genug mit mir selbst, der Liebe und dem Coolsein zu tun.
Doch irgendwann hatte ich auch diese drei epischen Themen durchdekliniert, kannte mich gut genug, hatte sogar in Ansätzen das mit der Liebe kapiert und vor allem verstanden, dass Coolness von fast allen Menschen und vor allem mir selbst bei Weitem überschätzt wird.

Und so kam es, dass ich nach der Lektüre einer britischen Zeitung, in der die dumme Formulierung „Stricken ist das neue Yoga“ zu lesen war, meine alten Stricknadeln wieder herausholte und es noch einmal versuchte. So richtig los ging es mit dem Stricken und mir aber erst, als ich entdeckte, welch großartige Symbiose Handarbeiten mit dem Internet eingegangen waren. Schon seit Jahren sorgten sogenannte Handarbeitsblogs bei den cool-nerdigen Netzaktivisten für Hohn und Spott wegen der harmlosen Inhalte und der freundlichen Frauen, die sie betrieben. Aber für alle am Thema interessierten Menschen waren und sind sie ein Quell reinster Freude. Für strickende und häkelnde Menschen gibt es außerdem auch eine einzigartige Social Community, die Facebook alt aussehen lässt, angesichts der unzähligen nützlichen Features und der sympathischen Atmosphäre. Ravelry.com heißt die Website, auf der sich fast alle Menschen tummeln, die gern stricken oder häkeln. Dort können sie sich nicht nur mit Gleichgesinnten austauschen und sich gegenseitig unterstützen – sie können auch Strickmuster kaufen oder sie kostenlos herunterladen, sich über verschiedene neue Angebote informieren und sich von den Werken anderer User inspirieren lassen.

Kurz: Das Internet ist für handarbeitende Menschen ein Paradies. Eigentlich. Denn wie in jedem Paradies gibt es natürlich auch hier ein paar Dinge, die richtig nerven. Und das liegt in diesem Fall vor allem an den Zwängen des Mediums Internet. Nicht dass wir uns da falsch verstehen – ich liebe das Internet! Ohne das Internet wäre mein Leben nur halb so lustig, und ich würde vermutlich ein Drittel mehr zustande kriegen. Es gibt nur eine Sache, die wirklich wahnsinnig nervt, und das ist der unbändige Selbstvermarktungszwang, der die Menschen im Netz befällt, sobald sie der Meinung sind, sie könnten eine Sache gut genug, um sie fast fehlerfrei zu Ende zu bringen. Klar, diese Sorte Menschen gab es auch früher schon. Schon vor dem Internet haben Teenager nach nur einer Stunde im Schultheater beschlossen, am nächsten Tag nach Hollywood zu ziehen, weil sie nur dort ihre wahre Bestimmung leben könnten. Und auch früher haben Kunstleistungskurs-Schüler auf ihren Spaziergängen bedeutungsschwangereSchwarz-Weiß-Fotos von Pfützen gemacht und davon geträumt, eines Tages die Welt mit ihren Kunstwerken aufzurütteln. Aber diese Fantasien haben sie mit ihren allerbesten Freunden geteilt und vielleicht noch ihren Eltern große Sorgen damit bereitet. Die Welt dagegen erfuhr für gewöhnlich erst dann von diesen Ambitionen, wenn sie Realität geworden waren. Das ist heute anders. Wir wissen schon von den künstlerischen Ambitionen unserer entfernten Bekannten, wenn sie noch nicht einmal den Stift in die Hand genommen haben. Und weil das Publikum wirklich nur einen Mausklick entfernt ist, wird auf selbiges auch alles losgelassen.

Dank unserer 24-Stunden-Anbindung an die Welt existiert die altmodische Trennung zwischen Arbeit und Freizeit nicht mehr, und das Private ist nicht mehr privat oder gar politisch, sondern sollte möglichst der Selbstvermarktung dienen. Die Möglichkeiten der Professionalisierung durch das Internet führen dazu, dass inzwischen geradezu der Zwang zur Professionalisierung herrscht: Du kannst nähen? Dann eröffne mit zwei Mausklicks einen Webshop, und verkaufe deine Näharbeiten. Du schreibst? Dann starte ein Blog und verlinke wie ein Bekloppter auf sämtlichen Social-Media-Kanälen so lange, bis ein Verlag kommt, der dich unter Vertrag nimmt. Du machst Fotos? Dann stelle sie auf einer von Dutzenden halbprofessionellen Datenbanken zur Verfügung, und wer weiß – vielleicht wird es bald auf dem Titelblatt einer großen Zeitung abgedruckt. Und wer diese ganzen Möglichkeiten nicht nutzt, der ist entweder sehr alt oder sehr doof. Ich weiß nicht, wie oft ich dieses moderne Tellerwäscher-Märchen schon live miterlebt habe bei den Hunderten Blogs, denen ich folge. Für gewöhnlich funktioniert der Dreischritt dieser Hobby-Selbstverwirklicher folgendermaßen: Erst ist da das Hobby, das sie für sich entdeckt haben, dann das Internet, das als Quelle für selbiges entdeckt wird, und das eigene Blog, das sofort eingerichtet wird, auf dem die Vernetzung professionalisiert wird. Und dann kommt eine ganze Weile lang Schweigen, unterbrochen nur von ominösen Ankündigungen, bis dann nach ein paar Monaten die begeisterte Ankündigung folgt: „Leute, haltet euch fest, ich schreibe ein Buch, bin jetzt fest bei XYZ angestellt, schreibe weiter mein Blog, nur von jetzt an für Geld und gegen die Nennung der fabelhaften Produkte meiner großzügigen Sponsoren.“

Mich machen diese Ankündigungen immer ein bisschen traurig, weil sie fast immer eine große Änderung einläuten. Entweder hören meine Lieblingsblogger ganz auf zu bloggen, weil sie keine Zeit mehr dafür haben, oder ihre Blogeinträge verkommen zur bloßen Rahmenhandlung von Product Placement. Oder sie setzen sich so unter Druck, ständig Inhalte zu produzieren, dass man ihnen bald anmerkt, dass ihr Blog ihnen Arbeit und keinen Spaß mehr macht. Natürlich kann ich nachvollziehen, warum uns das Netz dazu verführt, sämtliche Aspekte unseres Lebens auf ihre Vermarktbarkeit hin abzuklopfen. Einfach weil es geht und weil die Vorstellung so verführerisch ist, mit etwas Geld zu verdienen, das man so gern macht, dass man bisher kein Geld dafür verlangt hat. Dabei vergessen diese Menschen allerdings, dass es schon einen Grund gibt, warum eine Unterscheidung zwischen Arbeit und Freizeit existiert. Und warum es sehr schön sein kann, Dinge nur um ihrer selbst willen zu tun. Denn wer sein Hobby professionalisiert, der setzt sich auch in diesem Bereich unter Druck. Wer nicht mehr nur für sich an einer Sache vor sich hin werkelt, sondern auf einmal einen Auftraggeber und eine Deadline hat, der hat auch schnell Stress und, ja, Arbeit. Und muss sich womöglich irgendwann ein neues Hobby suchen, eines, das er nur für sich hat, diesmal. Versprochen!

Lassen Sie mich in Ruhe, ich bin Arzt! Auf der nächsten Seite liest du, wie es ist, einen Beruf zu haben, bei dem man niemals Feierabend hat.



Lassen Sie mich in Ruhe, ich bin Arzt!

Ich mache mir manchmal Sorgen um mich. Gesundheitliche zum Beispiel. Ich habe sensible Mandeln. Und ich habe Angst, in einem Flugzeug eine Thrombose zu bekommen, weil ich nämlich in alle einschlägigen Risikogruppen passe. Als eine Art dicker Pete Doherty. Ohne Gitarre, dafür mit Angina.

Statistisch gesehen liegt die Wahrscheinlichkeit bei 1 zu 3, dass auf die Durchsage „Ist zufällig ein Arzt an Bord?“ im Flugzeug tatsächlich ein Mediziner aufspringt und zu  Hilfe eilt. Also, nein, korrekterweise muss man wohl sagen: ein Mediziner aufspringen müsste. Ob er es tatsächlich macht, bleibt ihm ja immer noch überlassen. Praktisch. Theoretisch muss er natürlich, sowohl juristisch als auch nach seinem hippokratischen Eid – und überhaupt damit er kein Arschloch ist. Wer will nicht gern helfen?

Es ist so: Menschen mit Spezialwissen tragen eine besondere Verantwortung. Das ist ein sinnvoller Grundsatz, der im Zweifel auch vor Gericht gilt. Wer besonders ausgebildet ist zu helfen, der muss auch helfen – genau wie ein Autofahrer besonders vorsichtig sein muss, wenn er an einer Ecke vorbeifährt, von der er weiß, dass dort gern mal Ortsfremde falsch fahren oder was auch immer. Spezialwissen verpflichtet. Und das ist gut für uns alle. Zum Beispiel für mich. Ich habe ziemlich oft entzündete Mandeln, zumindest oft genug, dass jeder HNO-Arzt, wenn ich mal wieder da bin, um mir Antibiotika verschreiben zu lassen, sagt: „Na, die sehen aber auch nicht mehr jungfräulich aus.“ Und: „Überlegen Sie sich, ob Sie sich die nicht rausnehmen lassen wollen!“ Was eine ziem­liche Entscheidung ist, denn danach ist man potenziell drei Wochen lang nicht einsatz­fähig. Also über­lege ich es mir – indem ich jeden Arzt, den ich auf einer Party treffe, nach seiner Meinung frage. Was viele Ärzte ziemlich nervt.

Sie haben es auch schwer: Sie sind im Graubereich der professionellen Nachbarschaftshilfe. Ein Fotograf kann (und wird!) sagen: „Tut mir leid, aber ich kann nicht einfach Bewerbungsfotos für dich machen. Das ist aufwendig und teuer.“ Und ein Polizist hat keine Wahl: Der muss per se helfen, wenn er etwas sieht, und kostenlose Hilfe will sowieso niemand von ihm. Aber alles dazwischen, also zum Beispiel Ärzte, Anwälte, Golfprofis, Steuerberater, Pornodarsteller, Kinderpsychologen und Komiker haben eigentlich nur frei, wenn niemand weiß, was sie beruflich machen. Ansonsten müssen sie zumindest Tipps geben. Oder lustig sein.

Aber da zeigt sich eine eindeutige Schwäche meiner Art der privaten Krankenversorgung: Wer schon mal einen Komiker privat erlebt hat, weiß: Wer ein lustiges Bühnenprogramm gut aufführen kann, ist nicht unbedingt ein überragend lustiger Partygast. Und die Diagnosen, die Ärzte in ihrer Freizeit aufgrund genuschelter Aussagen eines angetrunkenen Typen erstellen, der denkt, er sei eine Art dicker Pete Doherty, sind überragend ungenau. Sie widersprechen sich alle. Also lasst mich durch, ich glaub, ich muss doch zum Arzt.

Text: christina-waechter - und michalis-pantelouris; Bild: Lukas Gansterer

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