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Es hätte eigentlich gar keine Abrechnung werden sollen. Ich hatte mir wirklich vorgenommen, zum Abschied vom Gymnasium etwas halbwegs Versöhnliches zu sagen; etwas, das die Feier, bei der wir unsere Abiturzeugnisse erhielten, nicht unnötig ungemütlich machen würde.

Es ging nicht. Ich saß an meinem Schreibtisch und kam nicht voran. Es ging erst, als ich – einen Tag vor dem Termin – beschloss, das aufzuschreiben, was ich wirklich sagen wollte. Meinen ganzen Zorn über diese Schule, ihren verquasten Katholizismus und Konservativismus, ihre Überheblichkeit, ihren Umgang mit Außenseitern und Kritikern packte ich in diese Rede. Nur ein rätselhaftes Heine-Zitat am Anfang deutete an, dass nicht alles schlecht gewesen war.

Ein Teil der Lehrerschaft und eine Reihe von Eltern verließen während meines Vortrags aus Protest die Aula. Der Schulleiter sagte aus Protest die Teilnahme am feierlichen Abi-Ball am nächsten Tag ab, weil ich, wie er ver­lesen ließ, die Lehrer „desavouiert" hätte.

Ich habe mich mit meiner Rede nicht beliebt gemacht, auch bei vielen meiner Mitschüler nicht.
Ich würde gern sagen, dass die Leute, die mich damals nicht mochten, dafür etwas anderes empfanden, was viel wichtiger ist: Respekt. Oder wenn sie es damals nicht empfanden, dann wenigstens im Nachhinein.
Das klingt gut, aber ich weiß nicht, ob es stimmt. Noch weniger weiß ich, ob man darauf spekulieren kann. Ich weiß nur, dass ich im Nachhinein ungemein stolz bin auf die Rede, die ich da gehalten habe. Es geht also, etwas pathetisch formuliert, zuallererst um den Respekt vor mir selbst.

Es ist ja auch nicht so, dass man einfach beschließen könnte, beliebt sein zu wollen. Das gelingt nicht einmal zuverlässig in den Berufen, in denen Erfolg tatsächlich zu wesentlichen Teilen mit Popularität zusammenhängt, wie Popstar oder Politiker. Beliebt sein zu wollen ist keine Eigenschaft, die Menschen beliebt macht. Auf Dauer wird eher der ankommen, der aus einer inneren Überzeugung
entscheidet, als der, der sich anbiedert. Das Wort dafür ist: Haltung.

Ich bin Journalist. Das sollte kein Beruf für Harmoniesüchtige sein. Als Journalist müsste man besonders skeptisch sein, wenn man bei den Leuten, über die man schreibt, beliebt ist. Ganz sicher darf es nicht das Ziel der Arbeit sein. Aber dasselbe gilt auch beim Publikum, für das man schreibt: Wer schreibt, was alle lesen wollen, schreibt womöglich nicht das, was alle lesen sollten.

Jeder muss einen eigenen inneren Kompass finden, der ihm zeigt, was richtig und was falsch ist, was gut ist und was nicht. Der zu erwartende Beifall sollte dabei nicht die entscheidende Rolle spielen. Das ist leicht gesagt, aber so einfach ist es natürlich nicht. Wir alle sind soziale Wesen. Wir suchen und genießen die Bestätigung. Wir wollen geliebt werden – und sei es nur dafür, dass es uns scheinbar egal ist, ob wir geliebt werden wollen.

Am Ende hilft womöglich nur eine Handvoll guter Freunde und Kollegen, auf deren Urteil wir vertrauen – nicht zuletzt, weil wir wissen, dass es ehrlich ist. Auch Freundschaften können schließlich nicht darauf aufbauen, dass man sich gegenseitig beliebt machen will.

Und vielleicht hilft es auch zu erleben, dass es nicht so schlimm ist, es sich – scheinbar – mit allen zu verscherzen. Das macht zwar zum Beispiel den Besuch von Veranstaltungen etwas unentspannt, auf denen ich die Leute treffen könnte, bei denen ich mich sehr entschieden nicht beliebt gemacht habe. Aber das ist ein kleiner Preis dafür, dass man womöglich bei derselben Gelegenheit entdeckt, von Leuten geschätzt zu werden, die Haltung zu schätzen wissen.

"Musste das sein?", fragte mich meine Mutter damals, nach meiner Abiturrede, und natürlich ist das die Antwort: Das musste sein.


Stefan Niggemeier, 42, ist wohl Deutschlands einflussreichster Medienjournalist, weil er sogar über Hefte, in denen er selbst schreibt, immer ehrlich seine Meinung sagt (sei nett zu uns!). 

Text: stefan-niggemeier - Foto: Felix Krüger