Der wichtigste Mann im Haus

Wenn Kaffee das Schmiermittel der Wirtschaft ist, sind Baristas die heimlichen Chefs. Daniele Luongo arbeitet an der Espressobar im Verlagsgebäude der SZ. Für die meisten ist er die erste Anlaufstelle, wenn sie morgens das Haus betreten oder am Nachmittag eine Pause brauchen. Wir haben mit ihm über seinen verantwortungsvollen Job gesprochen.
kathrin-hollmer

Illustration: Julia Schubert



Daniele, ist dir und deinen Kollegen bewusst, dass euer Arbeitsplatz für uns der wichtigste Ort im Haus ist?
Ja, schon. Wenn es jemandem schlecht geht, holt er sich etwas Süßes, wenn er nachmittags ein Tief hat, einen Kaffee. Hier treffen sich alle, privat, wenn sie etwas bereden wollen, das andere Kollegen nicht mitbekommen sollen. Das merke ich, wenn sie die Köpfe zusammenstecken. Oder für eine Besprechung. Hier ist das Zentrum.

Bei wie vielen Gästen weißt du schon vorher, was sie bestellen?
Fast bei allen, außer bei denen, die immer etwas anderes trinken. Ich merke mir auch, wenn jemand lieber viel oder wenig Milchschaum, laktosefreie oder Sojamilch mag. Dann bereite ich das schon so vor.

Kennst du manche Gäste näher?
Nicht privat. Wenn es ruhiger ist, frage ich schon mal, wie es ihnen geht, wie ihr Wochenende war oder in welchem Stock sie arbeiten. Manchmal schiele ich auf ihre Chipkarte, wenn sie damit bezahlen, weil daraufsteht, ob sie Praktikant sind oder in der Buchhaltung arbeiten. Viel Zeit ist allerdings meistens nicht, weil die Schlange sonst gleich wieder so lange wird, vor allem morgens, wenn die Menschen gruppenweise von der S-Bahn-Station eintrudeln, und nach dem Mittagessen.

Was ist in einer Espressobar in einem Unternehmen anders als im Café in der Stadt?
Ich habe vorher in einem kleinen Café in der Münchner Maximilianstraße gearbeitet, davor bei meinen Eltern, die eine Eisdiele in der Stadt hatten. In einem Unternehmens-café gibt es kein Trinkgeld, außer wenn jemand bar bezahlt statt mit seiner Chipkarte. Dafür ist es lockerer: Früher habe ich zum Teil sechs, sieben Tage die Woche gearbeitet, das Café war immer voll, ich hatte oft nicht einmal Zeit zu essen. Ich hätte keine Nerven mehr, wenn ich immer noch dort wäre. Hier in der Espressobar muss man nicht bedienen oder abräumen, und man hat um sechs Uhr Feierabend und am Wochenende frei.

Und die Gäste sind – wenigstens fast – immer dieselben.
Das mag ich sehr. Im Café in der Stadt kommt fast kein Gast zweimal, außer ein paar Stammkunden. Hier im Haus lernt man sich doch ein wenig kennen, auch wenn man nicht redet. Die Gäste sagen oft, dass sie sich freuen, weil wir immer gute Laune haben. Wir im Team machen untereinander oft Späße, ich singe manchmal ein paar Zeilen aus „Volare“, dann lachen die meisten Gäste oder lächeln wenigstens und kommen ein bisschen zur Ruhe. Von manchen weiß ich auch, dass sie Italienisch sprechen, dann begrüße ich sie mit „Buongiorno!“ und spreche ein paar Sätze auf Italienisch mit ihnen, das freut sie.

Und wenn jemand schlechte Laune hat?
Das merke ich schon am Gesichtsausdruck oder daran, wie er „guten Morgen“ sagt. Manche bestellen auch nur schnell und sehen gleich weg oder auf ihr Handy, dann merke ich, die wollen nicht reden, die wollen nur ihre Ruhe haben. Das ist auch in Ordnung. Als Barista ist man kein Seelenklempner, wie man es Barkeepern nachsagt. Das suchen die Gäste hier auch nicht. Wenn einer traurig aussieht, male ich ein Smiley in den Milchschaum. Dann freut er sich, lächelt oder sagt „Wow“. Das macht mich dann glücklich.


Mehr über das "Schmiermittel der Arbeitswelt": Michalis Pantelouris über das "braune Gold" Kaffee.

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