Die Kraft der Langeweile

Wer arbeitet, dem wird irgendwann fad, und er lenkt sich ab. Früher durch Witze in der Kaffeeküche, heute mit Grumpy Cat und dem Harlem Shake. Der schnelle Klick zwischendurch ist so zu einer globalen Macht geworden
dirk-vongehlen

Illustration: Julia Schubert

Gestatten: Grumpy Cat, die derzeit berühmteste Katze der Welt. Sie wäre nie so beliebt geworden, wenn nicht zwei Dinge so wunderbar miteinander funktionieren würden: die Langeweile von Büromenschen und das Internet.

Jonah Peretti verdient sein Geld mit Langeweile. Das ist ein gutes Geschäft, denn Langeweile gibt es überall und jederzeit. Sie quält Menschen, die sich tagtäglich durch Stunden von Tabellenkalkulation und Textver­arbeitung wühlen, sie erreicht aber auch diejenigen, die ihren Job lieben und spannend finden. Wahrscheinlich gibt es sogar in Barack Obamas Oval Office Momente der Langeweile. Jonah Peretti hat eine Art TV-Sender für diese langweiligen Momente im Büro gebaut. Der Sender heißt Buzzfeed und findet im Internet statt.

Zuschauer dieses Senders sind Menschen, die dem „Bored at Work“-Network angehören – so nennt Peretti die Leser, die in langweiligen Arbeitsstunden nicht mehr aus dem Fenster glotzen, sondern auf Buzzfeed schauen. Das Besondere an dieser Ablenkung von der Langeweile: Sehr viele Menschen kommen auf Perettis Seite, ohne jemals „buzzfeed.com“ in den Browser zu tippen: Sie kommen durch Hinweise von Freunden.

Früher erzählte man einander gegen die Bürolangeweile vor allem Witze in der Kaffeeküche. Hier tauschte man sich mit Kollegen aus, zapfte Soziales gegen die Arbeitseintönigkeit und vielleicht noch ein Getränk, das man anschließend – mehr als Vorwand für die Abwesenheit vom Computer – über den Gang trug. Natürlich bleibt die Kaffeeküche nicht nur in Büroserien im Fernsehen wichtigste Kulisse für alle möglichen Versuche gegen die Langeweile. Aber allein daran sieht man, dass es sich durchaus lohnen könnte, die Langeweile zu akzeptieren, statt sie zu bekämpfen: Statt mit lauem Kaffee kann man sich mit „Tardar Sauce“ umgeben. Das ist der Name der populärsten Katze Arizonas – ach was, der populärsten Katze der Welt: „Grumpy Cat“.

In der Welt vor dem Internet wäre man nicht auf die Idee gekommen, sich mit ihr zu befassen, doch das „Bored at Work“-Network hat aus Tardar Sauce einen Renner gemacht, eine Web-Berühmtheit: Grumpy Cat ist eine Art Postergirl der Haltung, die die Arbeitslangeweile zu einem Prinzip erhoben hat. Seit die Katze mit dem stets grimmigen Gesicht am 22. September 2012 erstmals auf Reddit auftauchte, ist sie ein weltweiter Insidergag des Web geworden – inklusive eigener Vermarktung. Im Sommer 2013 wurde vermeldet: Hollywood will einen Film mit der Figur Grumpy Cat drehen. Im Oktober war die Katze auf der Titelseite des New York Magazine zu sehen.

Für die einen ist Grumpy Cat eine Art Garfield der Gegenwart, für die anderen der bekannteste Beweis für die weltumspannende Macht gelangweilter Büroarbeiter. Sie erst haben aus Tardar Sauce die berühmte Grumpy Cat gemacht. Die Katze wurde bei den Webby Awards 2013 als Mem des Jahres ausgezeichnet, also als ein Trend, dessen genauer Ursprung nicht mehr zu ermitteln ist, der sich aber in großer Geschwindigkeit durchs Netz bewegt. Mems gab es schon immer, doch seit die gelangweilten Büroarbeiter vor ihren Bildschirmen über Reddit und Buzzfeed surfen, werden Mems noch schneller verbreitet als Ostfriesen- oder Blondinenwitze früher in der Kaffeeküche. Sie erlauben den einfachen Zugang, schließen aber auch viele Menschen aus. Denn es ist nicht für jeden ersichtlich, was an einer grimmigen Katze so toll ist, dass sie in vielen Adaptionen durchs Netz gereicht wird. Wer das Spiel aber eine Weile beobachtet hat, gehört fortan dazu. Er versteht die Geheimsprache des Webwitzes, der Grenzen überwindet und mit der ansteckenden Kraft einer Grippe weitergegeben wird.

Aus der bisherigen Standardverabschiedung aus der Kaffeeküche („Ich schick dir gleich den Link“) haben Facebook und Twitter eine automatische Verweiskultur gemacht, die kleine Webwitze viel schneller als früher verbreitet. Ein Zappeltanz aus Amerika oder ein Hüftschwung aus Südkorea – die gelangweilten Büroarbeiter überall auf der Welt stürzen sich voll Begeisterung auf Harlem Shake und Gangnam Style. Sie schauen die Clips nicht nur an und leiten sie weiter, sie kommen immer häufiger auch auf die Idee, sie zu adaptieren. Eine der beliebtesten Kulissen beim Harlem-Shake-Gezappel war nicht zufällig: das Büro.

Ob diese Form verlinkter Langeweile der Arbeitsmoral schadet oder diese doch eher befördert, wird Gegenstand soziologischer Forschung der nächsten Jahre sein. Bis diese zu Ergebnissen kommt, kann man aber feststellen, dass die Langeweile als verbindendes Element erstaunliche Wirkung zeigt. Menschen sind nicht mehr darauf angewiesen, Postkarten oder Sportabzeichen an ihren Bürowänden anzubringen, um an Schönes zu denken. Sie können in all der Tagesroutine ein kleines Fenster in eine andere Welt öffnen. Und sei es nur, weil sie dort ihre eigene freudlose Situation humorvoll gespiegelt bekommen. Grumpy Cats Motto lautet jedenfalls: „I had fun once. It was awful.“

  • teilen
  • schließen