Er gehört zu mir!

Zwei Menschen, die nichts gemeinsam haben als ein Büro, teilen irgendwann alles. Ein Loblied auf einen Ex(-Zimmernachbarn).
dirk-vongehlen

Illustration: Julia Schubert



Am Abend vor dem ersten Schultag lief ein Tatort im Fernsehen. Es war der erste Schultag allein, und der Tatort kam aus München. Die beiden Kommissare fuhren in kollegialer Eintracht durch die Stadt, als meine Freundin sagte: „Eigentlich wart ihr auch so was wie der Leitmayr und der Batic.“ Das waren wir, und morgen musste ich allein in die Arbeit. Ohne den Kollegen, mit dem ich fünf Jahre lang in der Art das Zimmer geteilt hatte, wie man früher mit einem guten Banknachbarn den Tisch in der Schule teilte, mit dem ich zusammengearbeitet hatte, wie auch Leitmayr und Batic arbeiten: so, dass nicht mehr klar ist, wo der Spaß endet und wo der Dienst anfängt. Und jetzt: allein!

Unternehmen geben viel Geld dafür aus, ihren Angestellten repräsentative Einzelbüros anzubieten. Der Raum soll Größe und Souveränität ausstrahlen. Er soll sagen: Seht her, ich habe es geschafft, ich habe ein großes Bild an der  Wand oder einen riesigen Tisch. Und ich habe eine Tür, die ich jederzeit schließen kann, um all das ganz allein zu genießen. In Wahrheit ist dieser einsame Genuss aber wertlos im Vergleich zu dem, was ein Unternehmen seinen Mitarbeitern bieten kann, wenn diese ihr Büro mit einem echten Kollegen teilen können. Mit jemandem, der zuhört, wenn ein Meeting schlecht gelaufen ist, wenn ein Vorgesetzter ungerecht war oder wenn man Lob bekommt für eine gute Idee. Mit jemandem also, der einen abschreiben lässt, wenn es blöd läuft.

Ich hatte so einen Kollegen. Fünf Jahre lang saßen wir in einem Büro. So wie die Münchner Tatort-Kommissare in ihrem Büro sitzen. Mit kaum erschütterbarer Sympathie füreinander, mit vergleichbarer Humorfrequenz und sehr unterschiedlichen Kompetenzen und Vorlieben. So wie Drehbuchschreiber den Ermittlern Differenzen in ihrem Blick auf die Welt erfinden, so schauten auch wir aus unterschiedlicher Perspektive auf all das, was uns täglich mal mehr und mal weniger packte. So konnte jeder dem anderen ein beruhigender Filter sein, wenn die Anstrengungen des Alltags bei den repräsentativen Einzelbüro-Sitzern zu situativen Wutanfällen oder langfristigen Magengeschwüren führten. Eine vorher besprochene Schimpftirade ist nicht nur für den Beschimpften angenehmer als ein ungefilterter Ausbruch – auch das Unternehmen profitiert von derartigen indirekten Mediatoren.

Dabei liegt die wahre Leistung eines kompatiblen Sitznachbarn gar nicht so sehr in der Besänftigung und im konfliktdämpfenden Zuhören (das schreibe ich nicht nur, weil ich davon ausgehen muss, dass Arbeitgeber und Zimmernachbar mitlesen könnten). Produktiv wird das Zusammensitzen wie in der Schule, wenn sich Kompetenzen ergänzen und man Schwächen ausgleichen kann. Wenn man also das lebt, was komplizierte Menschen „interdisziplinär“ nennen. Denn schulisches Lernen und berufliches Arbeiten werden dann einfacher, wenn man mit Freude an den Ort geht, der für Dienst steht, für Müssen, für Verpflichtung.

Ich bin bisher nicht in den Genuss eines Büros mit großem Tisch und Gemälde gekommen, in dem ich allein tun kann, was ich will. Ich kann mir aber nicht vorstellen, dass es ersetzen kann, was ein guter Banknachbar für den Schulbesuch bedeutet. Man darf so was nicht zu laut sagen. Erstens weil sonst stets behauptet wird, ich sei mit einer fensterlosen Kammer zufrieden, wenn man mir nur noch jemanden dazusetzt. Und zweitens, weil das Lob auf den Banknachbarn recht ungewöhnlich ist. Auch wenn das Fernsehen es uns aus dramaturgischen Gründen vorspielt: So selbstverständlich ist es nicht, dass Kollegen gemeinsam an der Currywurstbude stehen, Bier trinken und über das Leben philosophieren. Das heißt aber nicht, dass man nicht versuchen sollte, diese Bude zu erreichen.

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