Fahri Yardim, Ärgere dich nicht!

Ein Gespräch über Rückschläge, bei einer Partie "Mensch, ärgere Dich nicht". Schauspieler Fahri Yardim ist als emotionaler Mensch mit einem Hang zu überbordenden Gesten wie geschaffen für dieses Spiel. Aber er hat gelernt: Scheitern ist immer ein Lernprozess.
jakob-biazza

Illustration: Julia Schubert


Ein Hotel in Hamburg – alte, noble Schule: Teppiche, die jedes Geräusch schlucken, Personal, das nie zu bemerken und doch immer zur Stelle ist. Schauspieler Fahri Yardim, der mit zerknautschtem Jeanshemd und einer Frisur wie selbst geschnitten hier ist, um die Verfilmung von „Der Medicus“ zu bewerben, passt nicht in dieses Setting. Quasi alles an ihm – Gesten, Mimik, auch sein Ernst – ist laut, überbordend. Theaterbühnengroß. Ein perfekter „Mensch, ärgere Dich nicht“-Kandidat. Yardim kann von einer Sekunde auf die andere ausbrechen und den Raum mit Energie fluten – oder seine beste Freundin quiekend knuddeln. Marlene heißt die und wird – „Es stört doch nicht, wenn sie da ist?“ – das Spiel verfolgen. Wir spielen mit einer Sonderregel: Schmeißt der Reporter eine Figur des Interviewten, darf er eine unangenehme Frage stellen. Umgekehrt darf der schamlos bewerben, was er will, wenn er es schafft, eine Figur des Reporters zu schmeißen. Das Spiel beginnt unter großem Jubel mit der ersten Sechs beim ersten Wurf und bringt – „Oh Mann, ey, das läuft!“ – viel weiteren Jubel, bevor es aus Zeitgründen abgebrochen wird.

Kannst du dich erinnern, wann du das letzte Mal mit etwas richtig gescheitert bist?
Ich bin etwas an mir selbst gescheitert: Ich hab in meinem Leben zu viel Ja gesagt – hab mich von schöngelesenen Drehbüchern und verklärten Gesprächen bequatschen lassen, mehr anzunehmen, als ich selbst schön fand. Deshalb habe ich eine Erschöpfung erlebt, die mir nicht guttat.

Hast du was draus gelernt?
Das würde jetzt zu weit führen. Aber Scheitern ist immer ein Lernprozess. Ich bin deshalb auch gern gescheitert.
Wie mit Anlauf schlägt er die erste Figur des Spiels: „So, dann ist jetzt wohl schon Zeit für Werbung!“ Er sagt das nicht einfach, er stößt es in den Raum – groß, laut, mit Wonne. Wie ein Gorilla auf der Balz fast. Herrlich! Und spricht, an Marlene gerichtet, weiter: „Du machst doch Schmuck, oder? Ist das deiner? Guck doch mal, wie schön der ist! Den will ich bewerben. Das ist wohl die herzlichste Antwort auf Angela Merkels Schlandkette.“ Noch während er das sagt, folgt mein Gegenschlag und – „Ah, Rache! Kacke!“ – die unangenehme Frage:

Warum polarisiert Til Schweiger so sehr?
Weil er erfolgreich ist. Und weil er natürlich auch sonst Stoff bietet. Er ist nicht so entfremdet durchprofessionalisiert wie die meisten, die sonst vor Kameras befragt werden. Daneben ist er einer der selbstironischsten Menschen, die ich je kennengelernt habe.
Hier bricht der Gedanke kurz ab, weil er die Chance hat, eine Figur zu schlagen: „Gib mir ne Eins, gib mir ne Eins“, presst er hervor und würfelt: eine Eins. „Jaaaaaa!“
Warum spaltet Til dich denn?

Hat viel Energie in allem, was er tut – ist aber schon auch ganz schön prollig.
Ja, vielleicht in Anteilen. Aber was ist das Problem an Prolligkeit? Was stößt einen da ab? Weil’s so viel von unserem eigenen Innersten miterzählt? Ich frag mich bei allen, die sich so vehement abgrenzen, ob sie sich nicht eigentlich insgeheim angesprochen fühlen von diesen eindeutigen Weltbildern.

Du darfst noch werben.
Schwieriges Ding, dieses Bewerben. Das stinkt ja immer ein bisschen. Aber gut: Ich bewerbe tatsächlich den „Medicus“ – aber unbedingt im Original! Ich finde es faszinierend, was für eine Vielfalt da aufeinandertrifft! Die ganzen unterschiedlichen Typen, die eingeflogen wurden: ein Schwede, ein Franzose mit arabischem Hintergrund, Ben Kingsley – der große Sir Ben – und dann Fahri Yardim und Elyas M’Barek als deutsche, beziehungsweise österreichische Vertreter. Wie sich das vergemeinschaftet, wenn alle dieselbe Sprache sprechen: Das ist unheimlich gut gelungen. Diese Toleranz, von der da erzählt wird, das Philosophische, aber auch immer wieder die Freundschaft im Kleinen. Das hat sich auch am Set abgebildet.

Man erlebt dich außerdem in einer ungewohnten Rolle: Du spielst Davout Hossein, einen opportunistischen Widerling, der aus Hass zu den Fundamentalisten überläuft.
Es hat so gutgetan, dem dunklen Anteil mal wieder ein Feld zu geben! Einen zu spielen, den ich nicht abkann – und der trotzdem irgendwie vorhanden ist. Dieser Feigling! Es war toll, sich mal in dieser Farbe zu sehen. So seicht das klingt.
Fast schüttelt es ihn vor freudiger Anspannung, wenn er davon erzählt.

Es brodelt richtig in dir, wenn du das erzählst.
Ja, total, nicht wahr?! Aber weißt du, warum? Ich hab so viel Komödie gespielt – da war diese Abwechslung einfach geil.

In deiner Laudatio auf ein Projekt für den kulturellen Dialog unter Jugendlichen hast du deine Realität in Deutschland einmal so beschrieben: „Die nicht enden wollenden Beleidigungen, Zuschreibungen, Vorurteile, absurd vollendet in den Fragen vieler Journalisten: Ja, was sind Sie denn jetzt, türkisch oder deutsch?“ Ist das noch immer so?
Die Frage? Klar. Unfassbar eigentlich!

Und die Vorurteile?
Auch noch. Wobei das jetzt so ein riesiges Fass öffnet, auf dem ich gerade lieber den Deckel lassen würde. Deshalb lieber so: Ich glaube, der soziale Status entscheidet viel stärker darüber, wie stark man Diskriminierung ausgesetzt ist, als nationale Hintergünde. Und meine Eltern sind beide Akademiker.
Hier kommt die Dame vom Filmverleih, um abzubrechen. Die Zeit, man müsse verstehen. Punktsieg nach Abpfiff für Yardim also. Und Zeit für eine schnelle letzte Fragerunde:

In derselben Laudatio hast du erzählt, dass du früher auf Demos Polizeiknüppel und Wasserwerfer abgekriegt hast. Was hat das ausgelöst?
Schmerzen.

Und dann?
Ich habe mich ab da mehr beschäftigt mit der Gesellschaft, in der wir leben, und mit den demokratischen Strukturen, die wir politisch jeden Tag neu verhandeln.

Es hat dich also demokratischer gemacht? Es hat mich bestärkt darin, dass Demokratie nicht von der Staatsmacht befohlen wird, sondern von den Bürgern gelebt werden muss. Puh, dick aufgetragen für ein Schlusswort ...

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