Fühl dich einfach wie zu Hause.

Für den Job zieht man auch um. Man gibt viel für ihn auf. Die Heimat. Die Freunde. Geliebte Rituale. Mein Gott, kann das gut gehen?
anna-clauss

Wandert mein Blick durch das Bürofenster ins Freie, liegt mir die Stadt zu Füßen. Da vorne die Landungsbrücken, dahinter rote Kirchtürme, gelbe Baukräne, ein glitzerndes Stück Elbe, am Horizont die Kuppel der Sternwarte. Ich habe Glück. Ich gehöre nicht zu den Menschen, die sich Tag für Tag durch staubtrockene Bürojobs quälen müssen. Mein Blick durchs Bürofenster ist kein Fluchtversuch. Im Gegenteil: Ich versuche anzukommen.

Illustration: Julia Schubert



Seit einem Jahr wünsche ich mir, dass sich das Hamburg unter meinen Füßen in Heimat verwandelt. Seit einem Jahr ist der einzige Ort, an dem ich ankomme: mein Büro. Jeden Morgen, kurz vor halb acht.

Kein Aufbruch ohne Heimweh. Das war mir klar, als ich vor einem Jahr unter großem Geheule und lautem Gejammer München verließ. Kein Weiterkommen ohne Neuanfänge. Das war die Überzeugung, mit der ich das Jobangebot aus Hamburg nach langem Zögern dennoch annahm.

Nur einmal im Leben bekommst du diese Chance, dachte ich. Nimm sie an, sonst trauerst du ihr ein Leben lang nach. Ich wollte mutig sein und war doch schwach. Im richtigen Moment verzichten zu können ist eine Kunst, die der Starke besser beherrscht als der Ehrgeizige. Als Hauptdarstellerin in einem Fa­mi­lienfilm aus Hollywood hätte ich München niemals Lebewohl sagen dürfen. Oder ich wäre nach einem schlimmen Absturz auf der Hamburger Karriereleiter umgehend ins warme Nest an der Isar zurückgekehrt. Home is where your heart is, hätten sie im Abspann gesungen.

Es gab prima Argumente, die gegen einen Umzug nach Hamburg gesprochen hätten. Die Sonnenstrahlen auf der Waldtapete in meiner Münchner Wohnung zum Beispiel. Oder die knallorangen Fliesen in der U-Bahn-Station am Marienplatz, die ich auf meinem Weg zur Münchner Arbeit so lieb gewonnen hatte. Am Ende strahlte die Aussicht auf beruflichen Erfolg nicht nur heller als grüne Wände und orangene Fliesen. Sie brachte mich sogar dazu, das Gegrummel auf Bauchhöhe zu überhören. Mir und meinem Bauch ging es gut in München. In der letzten Woche vor dem Umzug rannte ich mit der Kamera durch die Stadt, fotografierte die Freundinnen vorm „Bratwurstherzl", das Bierglas im "Stadtcafé", das Schokoladeneis vor dem Museum Brandhorst, die Schwester vor den Erdbeeren am Obststand in der Kaufingerstraße. Ein Schildchen steckte in der Erdbeerschale: "Ja, wir sind süß!"

Ich habe die Bilder entwickeln lassen und mit nach Hamburg genommen. Ein Jahr später sind die Wände meiner Hamburger Wohnung immer noch weiß. Die Bilder machen mich traurig. Ich will sie nicht sehen. Man könnte jetzt leicht auf die Idee kommen, ich hätte den Job in Hamburg nur angenommen, um ordentlich Geld zu scheffeln. Oder um die Eltern zu beruhigen, die eine Zeitlang befürchten mussten, ihre Tochter würde als brotlose Künstlerin verelenden. So einfach ist es aber nicht. Ich kann in Hamburg einem Beruf nachgehen, der eigentlich ein Hobby ist. Das ist ein unwahrscheinlich großes Glück. Es steckt ein Teil von mir selber in meiner Arbeit. Ich dachte, ich könnte glücklich werden, wenn ich an einem Ort lebe, der mir perfekte Arbeitsbedingungen bietet.

Jetzt habe ich den perfekten Arbeitsplatz. Ich habe sogar ein Bürofenster, das eigentlich gar kein Bürofenster ist, sondern eine Wand aus Glas. Aber alles, was ich dadurch sehe, ist eine Stadt, die mir keine Heimat gibt. Es ist komisch. Als Studentin in diesem kleinen niederbayerischen Städtchen hatte ich damals ein Poster an der Wand meines WG-Zimmers hängen. Es war weiß, darauf stand in kleiner grauer Schrift: "Wenn etwas weg ist, ist es nicht mehr da." Der Satz machte mir Mut. Weil er für mich bedeutete: Umzüge schaffen Platz für Neues. Wer nach vorne schaut, kommt weiter, vielleicht sogar nach oben. Bis an die Spitze eines Büroturms im Herzen von Hamburg.

Heimweh verstand ich damals als Herausforderung, als Hürde, die es zu überwinden galt. Ich nahm die Hürde beim Abschied aus meiner schwäbischen Heimatstadt, beim Abschied aus meiner niederbayerischen Uni­heimat, beim Abschied aus meiner Berliner Wahlheimat. Aber nicht beim Abschied aus München. Man kann jetzt sagen, das liegt an München. Man könnte auch sagen, es liegt am Alter. Je älter man wird, desto schwerer funktionieren Neuanfänge. Ich glaube trotzdem: Es liegt am neuen Job. An meiner Arbeit, die mich so sehr beansprucht und ausfüllt, dass mein Leben seltsam leer wirkt. Zur Feier des Feierabends habe ich neulich das Taxi zur Eisdiele genommen. Die hatte dann leider schon zu. Das Problem ist: Ich habe keine Ahnung, wo es eine zweite gute Eisdiele in Hamburg geben könnte; und wo man mitten in der Nacht gute Pommes gebrutzelt bekommt, weiß ich auch nicht. Ich habe keine Ahnung, wo ich Blumenzwiebeln für den Balkon herkriege und meinem Freund eine gute Flasche Schnaps besorgen könnte. Und vor allem weiß ich immer noch nicht, an welchem Ende des Bahnsteigs ich in die U-Bahn steigen muss, damit sie mich am gewünschten Ausgang der Zielhaltestelle an die Oberfläche spült.

Schon klar, Heimat braucht Zeit. Als der Herbst in Hamburg begann, der Regen Einzug in die Stadt hielt und meine Laune mit ihm im Gully verschwand, sagten die Hamburger: Warte ab, Weihnachten in Hamburg wird dir gefallen; Weihnachten in Hamburg ist so schön wie in keiner anderen Stadt in Deutschland; überall Lichterketten, an jeder Ecke Weihnachtsmärkte, sagten sie. Als die Weihnachtsmärkte dann leuchteten, rieb ich mir die Augen. Zelte aus weißer Plastikplane, Glühwein aus Milchglashumpen. Und Fischbrötchen. Keine vertrauten Holzhäuschen, keine Tannenzweige. Warte ab, sagten die Hamburger, der Frühling wird dir gefallen, geh in den Stadtpark. Ich sah den Stadtpark und ging schnell wieder. Der Hamburger Stadtpark kann nur Leuten gefallen, die den Englischen Garten nicht kennen.

Dabei will ich überhaupt nicht schlecht über Hamburg reden. Der Start in meiner neuen Stadt war am Anfang so spannend wie Abenteuer­urlaub. Ich habe Zimtbrot und Franzbrötchen entdeckt und mich in einen hübsch verwinkelten Tapetenladen verlaufen. Ich bin mit dem Bus unendlich lange zu diesem Ausflugslokal an der Elbe gefahren, wo ein alter Kapitän per Lautsprecher die einfahrenden Schiffe begrüßt. Eine Woche später habe ich der Queen Mary 2 applaudiert und aufgeregt hinterhergewinkt.

So richtig glücklich in einer neuen Stadt wird man aber wohl erst, wenn sich Wiederholungen einschleichen. Wiederholungen, aus denen Rituale werden. Rituale, aus denen Lieblingskneipen mit Lieblingsfreunden an den Tischen werden. Davon bin ich auch nach einem Jahr weit entfernt.

Ich führe ein Leben in Ketten: Cinemaxx, Rossmann, Karstadt, Crobag, Kauf dich glücklich. Ich bewege mich in meiner Freizeit an Orten, die in jeder Großstadt gleich sind. Den Gutschein für das kleine Arthaus-Kino am anderen Ende der Stadt habe ich noch nicht eingelöst. Zu weit weg, zu wenig Zeit für spontane Entdeckungstouren.

Die Wochen­enden verbringe ich viel zu oft mit dem Befüllen der Waschmaschine statt mit Ausflügen ans Meer. Ich war noch nicht einmal in der Sternwarte am Horizont. Zu weit weg, zu wenig Zeit für spontane Entdeckungstouren. Es ist leicht zu sagen: Die Arbeit frisst mein Leben auf. Es ist vielleicht nämlich eine Ausrede, um nicht sagen zu müssen: Es fällt mir schwer, neue Freundschaften zu schließen. Sie ergeben sich in einer Kantine nicht mehr so einfach wie damals auf dem Pausenhof, in der Mensa oder auf der WG-Party.

Dabei gab es Arbeitskollegen, die mir Gutscheine für gemeinsame Alsterbootfahrten am Wochenende geschenkt haben. Es gab alte Schulfreundinnen und alte Unikolleginnen, die sich gemeldet haben, als sie hörten, dass ich neu in Hamburg bin. Ich habe komischerweise noch keinen dieser Gutscheine eingelöst. Ich konnte für die Einweihungsparty der neuen Wohnung irgendwie keinen Termin finden. Ich habe während der Treffen mit den Freundinnen eine Checkliste in meinem Kopf abgehakt: gemeinsamer Humor, gemeinsame Lieblingsband, gemeinsame Lieblingsfranzbrötchensorte. Eher Fehlanzeige. Wie mit der Liebe scheint es auch mit Freundschaften zu sein: Man findet sie nur dann, wenn man nicht danach sucht.

Ausgerechnet in der Stadt mit dem größten Hafen Deutschlands fehlt mir Anbindung. Ich rufe niemanden spontan an, um mich für den Abend zu verabreden. Ich arbeite an den meisten Tagen, bis es dunkel wird, und gehe anschließend noch ins Fitnessstudio im Keller meines gläsernen Büroturms. Dort renne ich dann so lange auf dem Laufband, bis ich keine Luft mehr bekomme. Natürlich weiß ich, dass das auch keine Methode ist, um in der Stadt unter meinen Füßen endlich anzukommen.

Ich habe immer gedacht: Du bist, was du machst. Jetzt, wo ich den Beruf zu meinem Lebensinhalt erklärt habe, fällt mir auf: Ich werde, was ich niemals sein wollte. Eine Karrierefrau.

Unnötig zu erwähnen, dass andere Frauen in meinem Alter schon längst Kinder haben. Manchmal frage ich mich, ob ich mich auf dem Weg nach oben irgendwie verlaufen habe. Ob ich verlernt habe, Wichtiges von Wesentlichem zu unterscheiden. Ich vermisse meine Schwester und die Erdbeeren in der Kaufingerstraße. Ich vermisse das Bier im "Stadtcafé", die orangefarbenen Fliesen am Marienplatz.

Die Hamburger sagen, ich soll warten, bis der Sommer kommt. Der Sommer in Hamburg sei so schön wie in keiner anderen Stadt in Deutschland. Also schaue ich durch meine gläserne Bürowand ins Freie und denke: schöne Aussicht. 

Text: anna-clauss - Fotos: Uwe Jens Bermeitinger

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