Kind und weg

Viele Neumütter und -väter nutzen die Elternzeit zum großen Ausflug. Sechs Wochen oder sechs Monate fahren sie mit dem Kind in die Welt. Warum braucht man eigentlich Nachwuchs, um sich aus dem Haus zu trauen?
yvonne-gamringer
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Illustration: Julia Schubert



Eine befreundete Kleinfamilie ist eben von vier Monaten Thailandurlaub zurückgekommen. Andere Bekannte fahren immer noch mit dem Kleinbus durch ihr Leben, den sie sich für die halbjährige Europatour während der Elternzeit zugelegt hatten. Und ich weiß von mindestens vier Familien, die ihre Elternzeit nach einem einfachen Modell auffächern: Die Frau bleibt zehn Monate beim Kind, die verbleibenden vier Monate Elternzeitanspruch werden geteilt. Das heißt, dass der Mann zwei Monate zur Kleinfamilie stößt – und ab geht es in den ausgedehnten Urlaub. Eine Steuerberaterin, die eine Reihe von Familien in Sachen Elternzeit und Elterngeld vertritt, schüttelte kürzlich in einem Gespräch den Kopf. Sie spricht nicht mehr von Elternzeit, sondern von staatlich finanziertem Urlaub.  

Nun sind das, mangels verfügbarer Untersuchungen, recht private Betrachtungen. Ich kenne keine offiziellen Zahlen dazu, ob die Elternzeit wirklich zur Urlaubszeit verkommt. Alles, was man weiß, ist, dass nicht mal dreißig Prozent aller Männer Elternzeit nehmen. Mehr als drei Viertel dieser Männer sind nicht länger als zwei Monate zu Hause. Von einem Massenphänomen kann man also noch nicht reden. Dennoch geschieht da gerade was. Ich sehe es nicht nur in meinem Umfeld. Ich sehe es in den Foren, in denen sich reisewillige Eltern austauschen. Ich sehe es an den Neuerscheinungen im Buchhandel, für die sich Autorinnen mit ihren Kindern in die Mongolei begeben haben, für die Eltern mit Kleinstkindern um die Welt fahren oder zumindest durch Südamerika. Mit dem Fahrrad. Wird man bald belächelt, wenn man seine Elternzeit zu Hause verbringt? Erzeugen Kinder Fernweh? Braucht man Nachwuchs, um sich rauszutrauen?

Es gibt erfahrene Eltern, die werdenden Eltern klarmachen, dass sie ihre Freiheit nun an den Nagel hängen können. Weggehen, Urlaub, Ausschlafen – alles rum und aus. Quasi rationiert wie das Essen bei der Bundeswehr: schlafen in Schichten, sich erholen in Schichten, ausgehen in Schichten. Es gibt Menschen, die solchen Perspektiven mit Trotz begegnen. Sie kaufen sich sofort das Equipment, das es braucht, um ein Neugeborenes durch diverse Outdoor-Abenteuer befördern zu können. Eine Kraxe. Einen Radanhänger. Einen Kinderschlafsack. Wasserfilter. So eine Reise kann bisweilen einen „Jetzt erst recht“-Aufkleber tragen. Es geht dann darum, die eigene Freiheit demonstrativ zu verteidigen. Und es geht vor allem darum, ein verrinnendes Gefühl zu retten: das Glück gelassener Sommer beim Surfen im Atlantik; die Seligkeit beim Ausflug an den See samt Übernachtung im Corsa; Lagerfeuer, Sternenhimmel, Dosenbier. Das kommende Kind ist für viele ein Signal dafür, dass eine Zeit zu Ende geht. Dass das Erwachsensein beginnt. Die Elternzeit-Ausfahrt ist die letzte große Flucht, ehe das Leben in Schulferienzyklen vor sich hin marschiert.   Blättert man durch die Foren, in denen sich Eltern Ratschläge für unterwegs geben, entdeckt man schnell eine neue Peergroup. Wer mit seinem Nachwuchs am längsten und weitesten verreist, wird bestaunt. Eltern mit weniger Fernweh bekommen in Diskussionen ihre übertriebene Vorsicht vorgehalten. Wer zu Hause bleibt, weil er seinen Kindern (und sich selbst) die Mühen einer Familienfahrt ersparen will, gerät unter Rechtfertigungsdruck.   

Vielleicht ist die Elternzeit-Reise auch Ausdruck der Gap-Year-Routine unserer Zeit. Sobald sich zwischen zwei Lebensphasen ein Loch ergibt, wird es mit einer Reise gefüllt: nach der Schule, nach dem Bachelor, nach dem Studium. Die Elternzeit ist, so betrachtet, auch ein großes Loch, viele Monate breit. Und dann hält der Staat noch Förderung parat. Die idealen Voraussetzungen für einen Urlaub, man könnte der Steuerberaterin recht geben.  

Was wird dabei aus dem Anliegen, das die Initiatoren der Elternzeit ursprünglich hatten? Ging es nicht mal darum, zu Hause zu einer Familie zu werden? Zusammenzuwachsen? Durchaus. Die Frage ist: Muss das zu Hause geschehen?   

Nicht unbedingt. Denn nach der Geburt eines Kindes wird das Leben nicht nur komplexer. Es gibt plötzlich auch Großeltern, die gern ins Geschäft des Erziehens reinreden und die Komplexität noch erhöhen. Und damit nicht genug: Spielplatzmütter geben gute Ratschläge. Eltern aus dem Freundeskreis sagen, was man „unbedingt machen muss“ und wie. Es geht dann um schnelle Krippenanmeldung, um die besten Kinderwägen, um die ersten Zähne, um geeignetes Essen. Eine anstrengende Zeit, in der es mühsam sein kann, die zunehmende Komplexität und die Vielstimmigkeit des Lebens zu verdauen. Manchen fällt das Zusammenwachsen unter solchen Umständen schwer. Ein langer Ausflug ist da vielleicht ein gutes Rezept. Das Leben reduziert sich wieder, die Stimmen verschwinden, und die Kleinfamilie probiert in Ruhe aus, was es heißt, Kleinfamilie zu sein. Zusammenwachsen in der Ferienwohnung, im VW-Bus oder im Zelt – dort, wo das Leben übersichtlich ist.  

Würden die reisenden Eltern auch ohne staatliche Stütze wegfahren? Viele schütteln still den Kopf, wenn man sie fragt. Mit der Elternzeit ist ein Schutzraum entstanden, wie es ihn vorher kaum gab. Das Kinderkriegen soll attraktiver werden. Sieht so aus, als würde das der Fall.



Text: yvonne-gamringer - Foto: Viajante / photocase.de

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