Und ich bin wieder allein, daheim

Jeder sagt unserer Autorin, wie gut sie es hat in ihrem Homeoffice. Sie kann das nicht mehr hören. Denn Heimarbeit macht einsam und ist auch sonst nicht immer so einfach, wie Menschen im Büro sich das vorstellen.
kathrin-hollmer

Ich habe meine Wohnung seit drei Tagen nicht verlassen. Jeden Morgen bin ich aufgestanden, ins Bad gegangen, habe mich für den Tag fertig gemacht und saß kurze Zeit später am Schreibtisch. Ein paar Tage in der Woche arbeite ich im „Homeoffice“. Viele Menschen sagen mir, dass sie das auch gern machen würden. Mein Freund zum Beispiel. „Dir sagt den ganzen Tag niemand, was du tun sollst, keiner stört dich“, sagt er, während er morgens um halb acht seine Jacke anzieht, um dann zur Arbeit zu verschwinden. Jede Woche erscheint eine neue Homeoffice-Studie. Darin steht dann, dass Heimarbeiter zufriedener und seltener krank sind. Heimarbeiter machen weniger Pausen, und sie sind bis zu 22 Prozent produktiver als Büromenschen, weil man doch im Büro im Schnitt alle elf Minuten unterbrochen wird und ein Drittel der Zeit sowieso mit sinnlosen Telefonaten und Besprechungen verbringt. Ich kann das nicht mehr hören.

Weil es das Internet gibt, kann ich von überall arbeiten. Ich dachte früher oft darüber nach, wie viel mehr ich schaffen würde, wenn nicht zehnmal in der Stunde eines der zehn Telefone im Großraumbüro klingeln würde, wenn nicht ständig jemand zur Tür reinkommen würde. Ich dachte daran, wie schön es wäre, wenn ich mir nicht immer ein Ohr zuhalten müsste, um meinen Gesprächspartner am Telefon zu verstehen. Nun habe ich meinen Frieden. Ich kann mich besser konzentrieren, ich schaffe mehr – und doch halte ich es kaum aus an meinem Schreibtisch in meiner Wohnung. Meine To-do-Liste wird ständig mit neuen Punkten gefüttert, ich bin gut beschäftigt. Trotzdem fühlt es sich nicht nach Arbeit an. Es fühlt sich eher nach Kranksein an. Manchmal habe ich das Gefühl, ich würde ständig mit einer leichten Erkältung zu Hause sitzen.

Wahrscheinlich ist es eine Typfrage, ob einem das Homeoffice liegt. Christine Merkle zum Beispiel kommt gut damit klar. Die 27-jährige Sachbearbeiterin bei Daimler in Stuttgart arbeitet seit Januar bis zu drei Tage in der Woche von zu Hause, damit sie auch tagsüber für ihr Pferd da sein kann. Zum Arbeiten hat sie ein kleines Bürozimmer in ihrer Wohnung. „Da habe ich auch schon für das nebenberufliche Studium gelernt. Das ist ein Ort, an dem ich in Arbeitsstimmung bin“, sagt sie.

Illustration: Julia Schubert



Nun: Ich habe auch ein Arbeitszimmer. Und einen großen Schreibtisch, einen ordentlichen Schreibtischstuhl, viel Licht und alles, was man in den vielen Homeoffice-Ratgebern sonst noch liest. „Ich stehe genauso früh auf, wie wenn ich ins Büro fahre, fange aber früher an, weil der Weg wegfällt“, erzählt Christine weiter. „Und ich nehme mir auch zu Hause vor, wann ich ‚raus‘ aus dem Büro will“, sagt sie.
Ich selbst sitze oft bis spätnachts am Schreibtisch. Manchmal stehe ich fast den ganzen Tag lang nicht auf — sobald ich etwas anderes mache, plagt mich das schlechte Gewissen. Und trotzdem bin ich nicht zufriedener, wenn ich nach Mitternacht mein Laptop zuklappe. Außerdem verschanze ich mich mittlerweile zu Hause wie in den Wochen vor der Diplomarbeitsabgabe. Ich fühle mich einsam dabei, obwohl ich sonst gern allein bin. Vor allem abends, wenn mein Freund unterwegs ist und ich die Wohnung für mich habe. Das ist aber etwas anderes, als den ganzen Tag allein zu Hause zu sein. Da fehlt es mir, dass keiner zur Tür hereinkommt und zum Mittagessen oder Kaffeetrinken trommelt. Mari Lo Grasso, 34, aus Düsseldorf kennt dieses Gefühl. Seit Februar arbeitet die Personalberaterin bei Vodafone Deutschland zwei Tage in der Woche zu Hause, unter anderem wegen ihrer beiden Kinder. „Ich lerne gerade, Grenzen zu ziehen und abends zu sagen: So, ich habe heute viel geschafft, jetzt mache ich Feierabend“, erzählt sie. Morgens schreibt sie sich eine To-do-Liste für den Tag, bevor sie sich mit dem Laptop an ihren Küchentisch setzt. „Wenn die realistisch war und ich damit gut durchgekommen bin, sage ich mir das und stelle mir vor, wie ich im Kopf ‚ausstemple‘.“

Das mit dem Ausstempeln geht einfacher, wenn zwischen Arbeitsplatz und Bett mehr als zwei Meter Abstand sind. Aber wie stemple ich aus, wenn ich nicht das Gefühl habe, eingestempelt zu haben? Ich bin eigentlich kein Fan von Anwesenheitspflichten. Aber nach einem Tag im heimischen Arbeitszimmer kann man leicht das Gefühl bekommen, nirgendwo dazuzugehören. Davon schrieb auch Yahoo-Chefin Marissa Mayer, als sie vor Kurzem alle Mitarbeiter aus ihren heimischen Arbeitszimmern zurück ins Unternehmen beorderte. Es ging ihr um „eine Zusammenarbeit, die nur in unseren Büros möglich ist“. Mayers Ansage hat viele Menschen verwirrt, weil sie einem Trend widersprach. Laut Studien arbeitet in Deutschland jeder Dritte ganz oder teilweise im Homeoffice. Und es werden mehr.

Auch David Vornholt, 34, hat sich für den Schreibtisch zu Hause entschieden. Seit fünf Jahren arbeitet er von Hannover aus als Senior Consultant bei der Indi-Tango AG in Hamburg. Meist ist er drei bis fünf Tage in der Woche zu Hause. So kann er seine Tochter vom Kindergarten holen oder zum Arzt bringen, während seine Frau arbeitet. Vornholt glaubt, dass es wichtig ist, den Anschluss an die Firma nicht zu verlieren. Telefonisch und über Videokonferenzen ist er mit Kollegen verbunden. „Vom Homeoffice aus muss man Feedback aktiv einfordern und den Chef oder die Kunden direkt fragen, ob alles gepasst hat“, sagt er.
Mir fehlt nicht nur das Feedback. Die Stille, die ich mir im Büro immer wünsche, halte ich zu Hause nicht aus. Hier gibt es keinen, der stört, wenn ich es nicht will. Aber eben auch nicht, wenn ich es will. Deshalb lasse ich zurzeit im Hintergrund irgendeine Fernsehserie laufen, damit es nicht ganz so ruhig ist. Forscher von der University of Chicago haben neulich herausgefunden, dass das keine dumme Strategie ist. Ein gleichmäßiger Geräuschpegel im Hintergrund lässt uns kreativer arbeiten. Vielleicht sind es die kleinen Tricks, die die Heimarbeit so angenehm machen, wie es sich manche vorstellen. Ich muss mir, wie Mari, erreichbare Tagesziele setzen, die ich abhaken kann. Ich muss bewusst einstempeln und nicht einfach ohne Zwischenschritt vom Bett an den Schreibtisch wechseln. Ich muss selbst den Kontakt zur Redaktion suchen, mich verabreden, rausgehen. Es ist schon verrückt: Zu Hause kann ich arbeiten, wie ich will. Aber wie man das macht, muss ich auch erst mal lernen.

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