“Räumt euer Zeug nicht auf!”

Illustration: Jessy Asmus

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Aufräumen kostet Zeit und Kraft – und seit einiger Zeit gilt es als hip. Nur so lässt sich erklären, dass die japanische Ordnungs-Beraterin Marie Kondō ihre Bücher in 27 Sprachen verkauft und von der Times vergangenes Jahr unter die 100 einflussreichsten Personen gewählt wurde. Ihre spezielle Art, einen Schrankinhalt zu organisieren, wurde im Englischen sogar zu einem eigenen Verb: to kondo.

Jennifer McCartney stemmt sich gegen den Aufräum-Hype. Die 36-Jährige hat ein Buch herausgebracht mit einem Titel, der neugierig macht: "The Joy of Leaving Your Sh*t All Over the Place”. Gibt es also doch noch Alternativen zum Kondō-Prinzip? Ein Anruf.

Sie plädieren gegen den Ordnungszwang. Wie hinterlässt man denn in seiner Wohnung am schnellsten eine Spur der Verwüstung?

Ich glaube, die meisten Wohnungen beherbergen schon ein gewisses Maß an Chaos, die Menschen fangen also nicht bei null an. Als erstes sollte man aufhören, seine Kleidung aufzuhängen. Räumt euer Zeug nicht auf, baut Haufen! Dahinter steckt nämlich auch Methode. Es gibt Untersuchungen, dass man Dinge leichter wieder findet, wenn man Häufchen baut. Das liegt daran, dass unser Gedächnis chronologisch funktioniert. Wenn man nochmal etwas tragen will, das man vor zwei Wochen anhatte, dann liegt das Teil wahrscheinlich ganz unten. In der Mitte ist dann das Kleid von vor einer Woche und das Shirt von gestern liegt wahrscheinlich ganz oben.

Als zweites sollte man so viel Zeug kaufen – oder auch erben – wie es nur geht und selten etwas wegschmeißen.

Klingt, als käme man bald in seiner eigenen Wohnung nicht mehr durch.

Da sagen Sie was. Natürlich gibt es einen Unterschied zwischen Unordentlichkeit und Messietum. Es gab mal diese zwei Brüder in New York, die stark zurückgezogen lebten. Nach ihrem Tod wollte man ihr Haus säubern und entdeckte in ihrem Haus mehrere Klaviere, Autos und National-Geographic-Magazine, die sich bis zur Decke stapelten … das war unfallträchtiges Wohnen. Dahin will man natürlich nicht kommen. Es gibt auch Ausnahmen: Wenn etwas gelebt hat, aber jetzt tot ist, dann sollte man es entsorgen. Zum Beispiel tote Haustiere oder Pflanzen. Oder leere Verpackungen. Die auch.

Also ist Ihr Buch nicht so ernst gemeint?

Nein, aber es steckt Wahrheit darin. Man sollte sich nicht für sein Chaos schämen – sondern es auch auf Instagram posten. Es geht mir darum, dass jeder ein natürliches Maß an Unordentlichkeit besitzt. Und damit sollte man sich wohlfühlen und sich nicht stressen, weil man keine perfekt aufgeräumte Wohnung hat.

Wer hat sich vor Ihrem Buch mehr wegen der Unordnung gestresst, Sie selbst oder Ihre Bekannten?

Wir alle. Ich bin unordentlich. Aber die Gesellschaft vermittelt uns, dass das nicht sein darf. Falls Sie Menschen aus der Designbranche auf Instagram folgen: Deren Häuser sehen perfekt aus. Firmen bieten unzählige verschiedene Aufbewahrungsmöglichkeiten an. Die Botschaft lautet: Du sollst aufgeräumt leben. Ich glaubte das früher auch, also las ich den Bestseller von Marie Kondō, “Wie richtiges Aufräumen Ihr Leben verändert”. Erstmal hielt ich mich an ihre Ratschläge – aber nach nur einer Woche sah meine Wohnung so chaotisch aus wie vorher. Das Buch zog mich runter. Ein paar meiner Freunde fanden es sehr hilfreich, aber vielen ging es ebenso wie mir. Wir wünschten uns einen Anti-Kondō.  

Abgesehen von größerer innerer Gelassenheit, gibt es noch andere Vorzüge der Unordentlichkeit?

Studien haben gezeigt, dass unordentliche Menschen kreativer sind. In einem Versuch hat man dafür einmal zwei Gruppen von Menschen in jeweils einen Raum geführt, in einen sehr aufgeräumten und in einen sehr wüsten. Dann hat man sie gebeten, sich von einem Buffett etwas auszusuchen und sich außerdem zu überlegen, was man mit einem Tischtennisball alles anfangen kann. Die Menschen in dem wüsten Raum waren bei ihrer Essenswahl viel abenteuerlustiger und ihnen fiel auch viel mehr zu den Tischtennisbällen ein.

Vielleicht ein gutes Beispiel hier: Albert Einstein. Auf seinem Schreibtisch herrschte immer ein völliges Durcheinander. Mussolini zum Beispiel galt als sehr ordnungsliebend.

Nochmal zu Instagram: Die stylischen Wohnungs- oder Küchen-Fotos sehen für mich oft nach ziemlich viel Arbeit aus. Wie kann man überhaupt ohne Krümel oder Spritzer Essen zubereiten – oder dann essen?

Sowas von wahr. Man sollte seine Zeit lieber für Dinge nutzen, die mehr Spaß machen. Statt sich wegen des perfekt aussehenden Instagram-Posts zu stressen.

Es gibt aber auch Menschen, die bei Chaos nervös werden, die in einer aufgeräumten Umgebung ausgeglichener sind.

Ja, natürlich. Mein Cousin meinte, dass er mein Buch auf keinen Fall lesen würde, weil ihn meine Beschreibungen bestimmt zu sehr aufregten. Ich will ja auch nur die unordentlichen Menschen aufheitern. Die, denen die Gesellschaft einredet, dass mit ihnen etwas nicht stimmt.

Also sollte man auch zu Kindern nicht so streng sein?

Naja. Man muss die Regeln ja erstmal kennen, bevor man sie brechen kann. Viele Eltern schreiben mir allerdings, dass das Buch ihnen ihr Gewissen erleichert. Denn mit Kindern herrscht nunmal Chaos zu Hause. Das sollte man akzeptieren.

Viele Menschen bemühen sich zwar um Ordnung in den eigenen vier Wänden – auf fremden Wohnungs-Parties oder im Urlaubshotel aber nicht mehr.

Darüber habe ich nie nachgedacht, aber ich stimme Ihnen zu. Ich selbst packe immer sehr organisiert, aber mein Kofferinhalt ist dann bald komplettes Chaos. Vielleicht sind Menschen auf Reisen einfach mehr sie selbst.

Oder sie sind rücksichtsloser, wenn es nicht ihre eigenen vier Wände sind? Ein Klassiker sind doch die vermüllten Teeküchen von Büros.

Ja, unsere Büroküche sieht auch so aus. Ich hoffe immer darauf, dass jemand anders sie aufräumt.

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