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Illustration: Federico Delfrati

Nicht alles im Leben ist freiwillig. Die Survival-Kolumne ist Anlässen gewidmet, denen wir uns stellen müssen – ob wir wollen oder nicht. Ein Leitfaden zum Überleben. 

Gratisalkohol ist super, dachtest du. Gratis-Alk und Party. Und Kunst. Kunst zieht künstlerische Menschen an. Künstlerische Menschen sind schöner und intelligenter als normale Menschen. Die Kombination Gratis-Alk, Party und schöne, intelligente Menschen – Jackpot! Wo fallen all diese Faktoren zusammen? Genau, auf einer Vernissage! Jemand hat dich eingeladen, das Ganze ist also gewissermaßen exklusiv, abgesehen davon, dass dieser jemand seine 892 anderen Facebook-Freunde auch eingeladen hat. Deinen „normalen“ Freunde, die dich auf ein banales Bezahl-Bier in einem konventionellem Etablissement einladen wollten, hast du abgesagt mit den Worten: „Ich muss heute auf eine Vernissage!“ Zu Vernissagen geht man nämlich nicht, auf Vernissagen muss man.

Und das ja oft zu Recht. Vernissagen können schöne Orte sein, an denen Kunst an der Wand hängt, die in den Köpfen der Anwesenden – nicht wörtlich gemeint – hängen bleibt, wo die Menschen tatsächlich schön und intelligent sind und der Sekt fließt, bis alle arty und glücklich ganz im Sinne des Booklets „gängige Konventionen von Zeitlichkeit und kulturellem Kapital in Frage stellen“. Oder halt einfach eine gute Zeit haben.

Viel zu oft lässt einen allein der Begriff „Vernissage“ andere Optionen ausschlagen – und plötzlich sitzt man in der Falle

Und so eigenartig die Kunstwelt auch manchmal scheinen mag, so ist sie mit Sicherheit um ein Hundertfaches interessanter als den Projekt-Release eines befreundeten PR-Agenten zu besuchen. Oder die Betriebsfeier eines Versicherungsberaters. Wer den Sinn zeitgenössischer Kunst hinterfragt, sollte vielleicht mal gucken, wie sinnstiftend die eigene im Großraumbüro verschwendete Zeit denn eigentlich ist. 

Leider ist aber nicht jede Vernissage ein Treffer. Viel zu oft lässt einen allein der Begriff andere Optionen ausschlagen – und plötzlich sitzt man in der Falle. Die sieht so aus: Ein kahler Raum, versprengt ein paar Menschen, die weder gut noch gut gelaunt aussehen. Keine Musik. Und die Bilder, Installationen? Du siehst dich um, kannst aber nichts ausmachen, was im Ansatz als Kunst identifizierbar wäre. Bis dich einer der Schlechtgelaunten darauf hinweist, dass du gerade kurz davor warst, eines der winzigen „Objekte“ auf dem Boden vor dir zu zertreten, dazu drückt er dir den Ausstellungs-Flyer in die Hand auf dem „Microscopic Sculpturing – Non-divisive Perspectives on Room(re)production “ steht. Gratisalkohol ist zwar vorhanden, wird aber bewacht von einer 1 ,85 Meter großen Galeristin im Schneewittchens-Stiefmutter-Look, die dich bereits als den vermeintlich kunstbanausigen Fremdkörper im Raum ausgemacht hat. Was nun?

Erste Regel: Du musst den ausstellenden Künstler finden. Nur mit ihm kannst du triumphierend zum Sekttisch vordringen und der Galeristin beweisen, dass du ein Recht hast, hier zu sein. Sollte er gerade in ein Gespräch vertieft sein, dräng dich einfach dazwischen mit den Worten „Hey, ich wäre jetzt da!“. Ist er nett, kümmert er sich nun um dich und du bist gerettet. Ist er nicht nett, sagt er „Wer bist du?“. 

Aber kein Problem! Der Künstler hat sich definitiv als Unsympath zu erkennen gegeben. Ok, vielleicht hatte er gerade wichtigere Gespräche zu tätigen oder er kennt dich eben nicht ganz so gut, wie du ihn zu kennen glaubst. Du könntest jetzt wieder gehen. Aber: Du hast  jetzt auch keinerlei Grund mehr, dich aus Höflichkeit dem Anlass entsprechend zu verhalten – das eröffnet Freiheiten! Schnapp dir eine Sektflöte bei Schneewittchens Stiefmutter. Noch eine. Kommentiere das seufzend mit „Anders ist es ja hier nicht auszuhalten“. Lache danach wie eine 54-jährige Perlohrringträgerin nach dem dritten Hugo.

Es gibt nur sehr offene, nette Kunst-Menschen und sehr böse verschlossene

Mit den Sektflöten spazierst du nun zur am wenigsten schlechtgelaunt dreinschauenden Person im Raum, drückst ihr eine in die Hand und sagst ganz frei und künstlerisch „Ha, ich kenne hier niemanden!“ Verwickle sie anschließend in ein Gespräch über die ausgestellten Kunstwerke. Verbinde die Skulpturen auf smarte, aber unaufdringliche Art mit deiner Kindheit, zum Beispiel so: „Diese Skulpturen erinnern mich an die kleinen Kastanienmännchen, die ich als Kind mit meinem Großvater gebastelt habe. Wir haben die dann in den Kamin geworfen und wenn die Köpfchen vor Hitze platzten“, kurzes Hugo-Lachen, „dann hat es immer 'puff' gemacht!“ Und weiter gehen.

Dieses Prozedere wiederholst du, bis dich wirklich jeder im Raum für sehr eigenartig, oder – und das könnte der geniale Umkehrschluss sein – künstlerisch hält. Entweder werden sich die Menschen nun um dich scharen, bist du doch das Aufregendste was ihnen heute Abend passiert ist. Vielleicht sind sie ja nur verunsichert und nicht schlecht gelaunt. Genau wie du! Bald sitzt ihr zusammen beim künstlerischen Abendessen und lacht über Käseplatten und schweren Rotwein hinweg über diesen Abend, an dem ihr spontan performend Mikroskulpturen zertreten habt.

Oder, und gut, das ist wahrscheinlicher, du wirst erst recht ignoriert. Unsympathische Galeristen und Künstler ziehen unsympathische Menschen an – du bist natürlich die Ausnahme. Es gibt nur sehr offene, nette Kunst-Menschen und sehr böse verschlossene. Bei deinen echten Freunden weißt du wenigstens, dass sie nett sind. Vielleicht hättest du einfach direkt am Eingang kehrtmachen und zu deinen echten Freunden gehen sollen. Du hättest direkt zu deinen echten Freunden gehen sollen. Gehe sofort zu deinen echten Freunden! 

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