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Illustration: Federico Delfrati

Nicht alles im Leben ist freiwillig. Die Survival-Kolumne ist Anlässen gewidmet, denen wir uns stellen müssen – ob wir wollen oder nicht. Ein Leitfaden zum Überleben. 

Facebook hat seine Schattenseiten, klar, das hat sich herumgesprochen. Darum brechen Facebook die Nutzer weg. Es gab eine Zeit, da war das anders.  Also, die Schattenseiten waren auch schon da, allerdings stellte damals noch jeder sein Privatestes auf die Wall und hing verlässliche zwölf Stunden am Tag in seiner Timeline ab. In dieser Zeit wusste immer jeder bescheid, wenn du Geburtstag hattest. Hatte man dir nicht bereits um Mitternacht sein allzweckmäßig vorformuliertes „Alles Gute, hau rein!“ ins Profil geklatscht, konntest du spätestens am nächsten Morgen im Büro sicher sein, dass dir deine Arbeitskollegen mit dem je nach Sympathie angebrachtem Maß an Intimität gratulieren würden. Ein Winken, ein Händeschütteln, ein paar Umarmungen, vielleicht sogar irgendeine Art von Geschenk? Herrliche Zeiten waren das.

Heute wird niemand mehr automatisch benachrichtigt, wenn du Geburtstag hast. Auf Facebook gratuliert dir nur noch deine Cousine oder der Stalker aus dem vorletzten Studiengang. Und dein bei Facebook angegebenes Geburtsdatum ist sowieso falsch, sofern du überhaupt noch dort unterwegs bist. Einerseits schön: Nur wem du wirklich wichtig bist, weiß Bescheid. Andererseits nicht so schön: Kaum einer weiß Bescheid. Außer deinen Eltern (oder?) und ein bis zwei handverlesenen Freunden hat tatsächlich kaum jemand auf dem Schirm, wann du Geburtstag hast. Erst recht nicht deine Arbeitskollegen. 

Vielleicht entgeht dir hier gerade echte Wärme und Zuneigung im sonst ja ach so kalten Arbeitsalltag?

Wenn du also am Ehrentag fröhlich das Büro betrittst, erwarten dich keine Konfettischauer, Geschenktürme, Umarmungen. Wenn du Glück hast, schaut einer vom Bildschirm auf. Im Laufe des Tages bist du ständig versucht, im Floskel-Smalltalk einfach mal die Wahrheit auszusprechen. „Na, wie geht's?“ „Gut, ich habe heute Geburtstag!“ oder „Du, könntest du diesen Monster-Arbeitsauftrag noch bis heute Abend stemmen?“ „Vergiss es, ich werde mir heute Punkt 5 das Hirn fluten, um meinen langsamen Verfall zu verdrängen!“. Aber irgendwie fühlt sich das falsch an. So ein verspätetes Geständnis, findest du in deiner unendlichen Bescheidenheit, das ist ja irgendwie auch immer ein Vorwurf an dein Umfeld: Wie konntet ihr nur meinen Geburtstag vergessen? Aber irgendwie sollen deine Arbeitskollegen trotzdem Bescheid wissen. Wer weiß, vielleicht freuen sie sich dann, also so richtig. Vielleicht entgeht dir hier gerade echte Wärme und Zuneigung im sonst ja ach so kalten Arbeitsalltag? Was also tun?

Um diesem Dilemma zu entgehen, gibt es nur zwei Möglichkeiten. Nummer eins: anmaßendes Herausposaunen. Du betrittst das Büro nicht, du stürmst es! Unterm Arm ein Haufen Sektflaschen, Partyhüte, ok nein, die sind auch ironisch spießig, dann lieber einen 2000-Watt-Bass-Rucksack auf dem Rücken. Du wirbelst deine Chefin auf dem Schreibtischstuhl im Kreis, springst auf den Konferenztisch, die Sektkorken zerfetzen mehrere Mac Book Airs und durchs Megaphon brüllst du: „Leute, könnt ihr euch vorstellen, was heute vor 27 Jahren passiert ist? Ich! Bin! Geboreeeeeen!“ Während dem „eeeee“ lässt du dich per Tisch-Dive auf deine versammelte Mitarbeiterschaft fallen.

Danach ertrinken alle im Sekt, der Social-Media-Manager verteilt Drogen, die Buchhalterin macht Robo Dance, LCD-Screens fallen aus dem Fenster, es werden Kinder gezeugt. Nachdem die Party auf die umliegenden Abteilungen übergegriffen hat und Tage später von schwer bewaffneten Hundertschaften aufgelöst werden musste, weiß nun wirklich jeder, wann dein verdammter Geburtstag ist.

Gut, und dann wäre da noch die zweite Option: Klappe halten. Der protestantische Arbeitsethos gebietet es, sämtliche Gefühle hinten anzustellen, auch die Freude über, naja, deine Existenz. Das Vom-Bildschirm-Aufschauen der Kollegen erwiderst du mit einem dezenten Nicken, dann nimmst du Platz und schweigst. Auf Smalltalk-Fragen antwortest du mit „ganz gut, muss ja“ und weinst dabei innerlich ein bisschen. Nachdem du den Monster-Arbeitsauftrag um 21.30 erledigt hast, schleichst du dich nach Hause und hoffst, dass deine Eltern mal endlich anrufen. Alles Gute!

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