"Alle wollten da hin" - Andreas Bernard über seinen Roman "Vorn"

Andreas Bernard wurde in den 1990er Jahren Redakteur beim Jetzt-Magazin. Nun hat er einen Roman über diese Zeit geschrieben. Im Interview erzählt er, wie viel "Jetzt" in "Vorn" steckt und ob er dieser Zeit nachtrauert.
eva-schulz

Dein Roman handelt von Tobias, der neu in die Redaktion von "Vorn" kommt – einem sehr beliebten Münchner Jugendmagazin, Mitte der Neunziger Jahre. Das erinnert doch stark ans "Jetzt"-Magazin, das es damals noch in gedruckter Form gab... Natürlich hat mein Buch grob etwas mit dem "Jetzt"-Magazin zu tun. Gerade in München hatte das ja viele begeisterte Leser, die "Vorn" nun vielleicht als die Geschichte dieses Hefts lesen. Aber es ist eben kein dokumentarischer Bericht, sondern ein Roman, der auch für diejenigen interessant sein soll, die "Jetzt" nicht kennen. Das "Vorn"-Magazin aus dem Buch entspricht nicht eins zu eins dem alten "Jetzt". Du beschreibst sehr genau, wie man sich am Anfang fühlt, wenn man als Praktikant in eine Redaktion oder ein Büro kommt und versucht, zu den Leuten, die dort arbeiten, dazuzugehören. Das ist ja auch eine ganz neue Welt. Als ich vor 15 Jahren zum "Jetzt"-Magazin kam, haftete dieser Redaktion schon etwas Glamouröses an, viele wollten da hin. Ich glaube, es gibt im Journalismus nur alle zehn bis 15 Jahre einen Ort, der so magnetisch auf junge Schreiber wirkt. Das war in den Sechzigern die Zeitschrift "Twen", in den Achtzigern "Tempo" und Mitte der Neunziger das "Jetzt"-Magazin. Man konnte sich damit identifizieren. Um das "Jetzt"-Magazin gab es damals einen richtigen Kult: Die Leser tapezierten damit ihre Zimmer, und als das Heft 2002 eingestellt wurde, demonstrierten sie zu Tausenden auf Münchens Straßen. Die Redakteure wurden fast schon wie Stars verehrt. Heute gibt es so etwas gar nicht mehr. Ist das besser so? Es war auf jeden Fall eine spannende Zeit. Natürlich war auch viel von diesem Gefühl, das wir hatten, hausgemacht. Von außen betrachtet war die Redaktion wohl gar nicht so besonders, aber es gab damals definitiv eine gewisse Illusionsbereitschaft unsererseits. Wir haben zeitweise wirklich gedacht, wir erfinden den Journalismus neu. Dieser Gedanke ist zwar anmaßend, aber er hat das Ganze auch sehr produktiv gemacht! Dabei sind viele gute Texte herausgekommen. Bei der "Vorn"-Redaktion ist es genauso. Die Redakteure setzen Trends, indem sie alle die gleiche Musik hören, den gleichen Designer tragen, sogar auf den gleichen Typ Frau stehen und den im Heft zum idealen Mädchen stilisieren. Ist so viel Homogenität überhaupt noch gut? Bis zu einem gewissen Punkt bestimmt, aber dann kann sie auch etwas Erstickendes bekommen. Das war beim "Jetzt" genauso. Wir hatten interne Witze und Redewendungen, die wir sogar in Artikeln verwendeten. Wenn man sich heute eine Ausgabe von 1997 anschaut, sind manche Texte und Interviews wirklich nur für die sieben Leute zu verstehen, die diese Witze kannten – und sich heute noch dran erinnern. Im Buch geht es auch um Tobias' Freundin Emily. Im Gegensatz zu ihm arbeitet sie an einem denkbar unglamourösen Ort. Letztendlich zerbricht die Beziehung daran. Wie ähnlich oder unähnlich müssen sich die zwei Welten sein, aus denen man kommt, damit das nicht passiert? Ich hoffe, dass es genau solche Fragen sind, die den Roman für die Leser spannend machen – obwohl ich leider auch keine Antwort darauf geben kann. In der Zeit nach dem Studium, mit Mitte 20, passiert das, glaube ich, sehr vielen Menschen. Man kommt in eine neue Umgebung und hat aus der alten noch jemanden mitgenommen, bei dem man sich geborgen fühlt. Aber plötzlich passt das nicht mehr. Bei Tobias kollidiert diese Vertrautheit mit einer bestimmten Vorstellung davon, wie eine Frau sein und aussehen muss. Das ist wahrscheinlich das Drama der Liebe. Ich finde, manchmal hätte es in Tobias' Leben ruhig noch dramatischer zugehen können. Ja? Wie denn? Hätte ich am Ende eine Atombombe auf München fallen lassen sollen? Ich wollte ja kein Hollywood-Drehbuch schreiben, mit vielen aufregenden Plots, sondern möglichst nah an der Wirklichkeit entlang erzählen. Da geht es dann gar nicht so sehr darum, dass ganz viel Ungewöhnliches passiert. Würde ein Magazin wie "Vorn" heute funktionieren? Da bin ich mir nicht sicher. Ich glaube vor allem, die jüngeren Journalisten von heute haben sich verändert. Sie sind professioneller und abgebrühter und vielleicht auch weniger begeisterungsfähig. Die würden sich nicht mehr so schnell für den Nabel der Welt halten, sondern eher sagen: "Wir sind ein Magazin, aber da draußen gibt es 30 000 Blogs und alles ist sowieso vollkommen dezentralisiert." Aber ich hoffe natürlich, dass es wieder einmal einen solchen Ort geben wird. Und wenn meine Theorie mit dem 15-Jahres-Zyklus stimmt, dann wäre es ja bald mal wieder Zeit für etwas Neues.

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Illustration: Julia Schubert

Vorn von Andreas Bernard ist im Aufbau Verlag erschienen und kostet 16,95 Euro. Andreas Bernard liest in Leipzig am Donnerstag, den 19. März im Mediencamus Villa Ida.

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