Licht ins Dunkel

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Eigentlich eine kleine Geschichte. Ein junger Mensch stirbt bei einem Unfall, wie junge Menschen nun mal bei Unfällen sterben. Und wie jeder hatte auch dieser Junge Freunde, eine Freundin und die hat noch eine beste Freundin. Diese beiden, die eben noch ganz normale, nette Gören waren, sind jetzt auf einmal die Mädchen, deren Freund überfahren wurde. Durch einen unachtsamen Moment eines LKW-Fahres hat sich ihre Weltachse für immer verschoben und keine von beiden weiß, was zu tun ist, in den ersten Tagen nach der schlimmen Nachricht. Deswegen fahren sie also los, ziellos und quer, Tonia, fährt und Lene, weint, schweigt, verschwindet vor Trauer, schwitzt, wütet und vergisst zu essen. Alle Rahmen, die bisher galten sind aufgehoben, Zeit und Ort stehen zurück hinter dieser einen großen Sache, die erledigt werden muss, hinter diesem unmittelbaren ersten Schock. Es wird andere Trauer geben, sicher, aber davon handelt das Buch nicht, handelt nur von dem Erste-Hilfe-Einsatz einer Freundin, in einem Fall, in dem keine Erste Hilfe möglich ist. Viel mehr passiert nicht, in dieser Geschichte, es gibt Rückblicke auf das Vorher, auf diese Zeit, in der die seltsamsten Dinge wichtig waren, verglichen mit dem Jetzt, in dem gar nichts mehr wichtig ist, nur Weiteratmen. Es gibt ein paar Figuren von damals und es gibt Figuren von jetzt, Menschen, die die beiden Mädchen für eine Nacht aufnehmen, Kellner, Kinder, Autofahrern, denen diesmal nichts passiert ist und die sich deswegen so komisch daneben benehmen: so normal. Elisabeth Rank hat einen Roman aus dem gemacht, was jeder selber schon mal gedacht hat, aber nur die wenigsten erlebt: Was wäre wenn? Wie wäre ich wenn? Wie wäre das Leben hinterher? Es ist, und das ist das größte Verdienst dieser Erzählung, das Nicht-Cool der Situation, das sie sehr mutig und genau ausbreitet. Die Roadstory und die leichten Berlin-Lebenswelt der Mädchen bleiben die ferne Kulisse für die seelischen Detailaufnahmen im Vordergrund. Sie ändern nun mal nichts daran, dass man vor Schmerz kotzen muss, tagelang, und dass schlicht nichts anderes passieren wird. Es war sicher nicht leicht, so wenig geschehen zu lassen und stattdessen immer tiefer in die Armbeugen und Zwischenräume von Schmerz und Chaos zu kriechen, immer genauer zu beschreiben, was die Stunden mit den beiden machen und wie der Untergang von Lene und die Hilflosigkeit von Tonia schmecken. Nicht gut, das ist klar. Der einzige Weg, dieses Erlebnis vom Boden des Schmerzes zu verarbeiten, ist eine Geschichte darüber zu erzählen. Lesenswert, weil die Autorin eine Lampe in das stellt, was man sich nur dunkel denken kann.

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Illustration: Julia Schubert

„Und im Zweifel für dich selbst“ von Elisabeth Rank, 200 Seiten, ist bei suhrkamp nova erschienen und kostet 12,90 Euro. Die Autorin liest in Leipzig am 18.März um 20 Uhr in der Bibliotheca Albertina.

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