Lesen mit Links (9): Teddy mit Eisenkette

Einmal in der Woche versorgt uns Jan Drees in der Kolumne "Lesen mit Links" mit Buchbesprechungen und -tipps und den aktuellsten Neuigkeiten aus der Literaturszene. Heute geht es um die ersten Teenager Großbritanniens, David Bowie und den Indiebookday.
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Illustration: Katharina Bitzl

Das Buch

  "Absolute Beginners" gilt als britisches Gegenstück zum amerikanischen Coming-of-Age-Bestseller "Fänger im Roggen": Colin MacInnes hat 1959 die Teenagerkultur in Soho und dem damals noch heruntergekommenen Notting Hill porträtiert. Jetzt, 54 Jahre später, gibt es das Buch endlich in einer vollständigen und unzensierten Übersetzung.

Das waren übersichtliche Zeiten, Ende der 50er Jahre in London, als Teenager und Teddy Boys um das Vorrecht auf der Straße kämpften. Bereits zwanzig Jahre später gab es Punks, Gothics, Popper, Rocker, Hooligans, Metaller et cetera.

In den 50ern hatten junge Menschen zum ersten Mal Geld, konnten Platten kaufen, Eintritte in Nachtclubs bezahlen, ihren eigenen, kostspieligen Klamottenstil zusammenstellen: "die grauen spitzen Slipper aus Krokodilleder, das Paar neonpinker, knöchelhoher Nylonsocken, meine Cambridge-blaue enganliegende Jeans, ein vertikal gestreiftes Hemd, aus dem die Kette mit einem Glücksanhänger herausblitzte, und das italienisch geschnittene, arschkurze Sakko."

So beschreibt sich der bald 19-jährige namenlose Teenagerheld aus Colin McInnes "Absolute Beginners", einem dokumentarischen Roman über den Londoner Sommer 1958, der in den Rassenunruhen von Notting Hill gipfelte. Dieser leicht aufgekratzte Typ arbeitet als freiberuflicher Fotograf, portraitiert die Schwulen und Transvestiten, die Drogendealer, Zuhälter und Jazzfreaks in Soho und Notting Hill. Er ist unglücklich verliebt in seine zauberhafte Exfreundin mit dem fürchterlichen Namen Crêpe Suzette. Er wohnt allein und trifft sich manchmal mit seinem schwerkranken Vater. Er will auf eigenen Füßen stehen.

Die Musical-Verfilmung des "Absolute Beginners"-Romans ist fürchterlich, aber es gibt auch einen guten Augenblick - wenn David Bowie am Schluss das Titellied singt. (Hier in einer sehr schönen Liveversion)

Einen Sommer lang beschreibt der Roman in schnellen Schnitten und sehr schnodderiger Sprache, wie ein Teenager der 50er auf das Erwachsenwerden zugeht: ohne Erinnerungen an den Zweiten Weltkrieg, ohne Klassenbewusstsein, ohne Protestwillen. Sexualität, Geschlecht, Rasse spielen bei den hedonistischen Teenagern keine Rolle. Ihnen gegenüber stehen die nationalistischen Teddy Boys, die ihre Männlichkeit in Messer- und Eisenkettenkämpfen beweisen müssen, die Notting Hill gentrifizieren wollen (ohne freilich das Wort zu kennen) und die nichts wissen wollen von den verarmten Schwarzen aus den britischen Kolonien.

 

Interessanterweise war die Verlagswelt 1959 noch nicht so weit wie Colin MacInnes. Die erste Fassung wurde schon im Original zensiert. In Deutschland kam 1986 eine stark veränderte, zweite Übersetzung heraus, die an den Musicalfilm mit David Bowie angelehnt ist. Das Buch war lange in beiden Fassungen vergriffen. 54 Jahre nach Erscheinen gibt es endlich eine anständige Übersetzung im neu gegründeten Metrolit-Verlag aus Berlin. Nun kann jeder selbst entscheiden, ob das sehr in seiner Zeit verhaftete „Absolute Beginners” an den zeitlosen amerikanischen Klassiker „Fänger im Roggen” heranreicht.

 

Colin MacInnes: "Absolute Beginners", übersetzt von Maria und Christian Seidl, Metrolit Verlag, 320 Seiten, 19,99 Euro.

 

Die Querverweise

Es gibt viele Jazzromane, man hat fast den Eindruck, es gäbe mehr Jazz- als Rockmusikbücher. Den glänzenden Anfang machte Hans Janowitz bereits 1927 mit dem Roman "Jazz", der vor einiger Zeit inklusive Musik-CD bei Weidle erschienen ist. Neueren Datums ist dagegen der in Berlin spielende Jazz-Breakbeat-Roman "Slumberland" vom New Yorker Paul Beatty . Interessant ist die in vielen Jazzbüchern vorkommende Darstellung des schwarzen Musikers als Hipster (in "Absolute Beginners" taucht eine Figur mit dem schönen Namen "Cool" auf). Dieses schwarze Hipstertum wird von den "White Negros" kopiert, der Film "Black & White" hat es brillant gezeigt, der Suhrkamp-Autor Thomas Meineke in "Musik" thematisiert.

 

Die Updates

Alternativ und schön: Die Verleger von Mairisch aus Hamburg haben ein amerikanisches Konzept nach Deutschland gebracht. Am 23. März ist "Indiebookday" (angelehnt an den "Record Store Day"). Jeder, der mitmachen möchte, sollte am kommenden Samstag in den Buchladen gehen und ein Buch kaufen, das er gerne haben möchte. Aber eben eines aus einem unabhängigen, kleinen oder Indie-Verlag . Über die sozialen Netzwerke (Facebook, Twitter, Google+) kann man dann ein Foto des Buchs unter dem Stichwort „Indiebookday” teilen. Das macht Lust auf die "Kleinen"!

 

Jobs in der Buchbranche: Zum zweiten Mal organisiert der Börsenverein des Deutschen Buchhandels eine Stiftungsdozentur im Rahmen der Initiative protoTYPE (wer denkt sich eigentlich immer diese schlimmen Titel aus?). Buchexperten bieten im Sommersemester 2013 Seminare an sechs deutschen Hochschulen in Berlin, Frankfurt, Leipzig, Mainz, München und Stuttgart an. Es geht um sogenannte "innovative Geschäftskonzepte", die Studenten medienaffiner Berufe gemeinsam mit ihren Dozenten entwickeln sollen.

 

Das Beste aus dem Osten: Endlich ist sie raus, die neue Ausgabe der "Edit"-Literaturzeitschrift, frisch von der Leipziger Buchmesse mitgebracht. Das Magazin gibt es seit 1993 und es ist eng verbunden mit dem Deutschen Literaturinstitut, wo Autoren wie Juli Zeh und Thomas Pletzinger abgeschlossen haben. Es sind wie immer viele Studenten vertreten, gemischt mit durchgesetzten Autoren: Steffen Popp, Alexander Kluge, Monika Rinck, Dirk von Lowtzow von Tocotronic . Gibt viel zu entdecken.

 

Text: jan-drees

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