Leserpost. Heute: Brüllende Anrufer und Randgebiete des Journalismus

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Das Gute an Kommentaren im Netz ist unter anderem, dass sie nicht brüllen können. Wäre das ein Lärm! Brüllen können aber Anrufer, die gelegentlich und dann meist um die Mittagszeit in die jetzt.de-Redaktion durchgestellt werden. Letzten Dienstag zum Beispiel, da war Frau B. dran. Dass es Ärger gibt, ahnt man immer schon, wenn fremde Leute zweimal ausdrücklich nachfragen, ob sie nun endlich bei jetzt.de sind. Ob sie beim Praktikant oder Bildredakteur gelandet sind, ist ihnen allerdings egal. Dann geht es auch gleich los – eine sorgsam vorbereitete Schimpfbreitseite, die erstmal raus muss. Für den Redakteur am Telefon ist es dabei wichtig, schnell heraus zu finden, worüber der Anrufer eigentlich so erzürnt ist – und den betreffenden Text möglichst flott nebenbei auf den Bildschirm zu holen, schließlich geht es meistens um Details, die man nicht immer im Kopf hat.

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Illustration: Julia Schubert

Bei Frau B. ging es um das Kiffen. Denn tatsächlich hatte eine junge Dame in unserer Straßenumfrage zum Thema Einschlafshilfsmittel verschämt zugegeben, dass sie Kiffen dabei für ein probates Mittel hält. Frau B. erkannte darin die Anstiftung zur Straftat und dann gingen die Worte Amoklauf und Aggression und Jugendliche und Vorbildfunktion sehr eng Hand in Hand. Der Einwand, dass man als Zeitung vielleicht auch nicht gesellschaftskonforme Lebensweisen abbilden darf oder muss, konnte Frau B. nicht die verlorene Pralinenstimmung zurückbringen. Stattdessen schwor sie blutige Abokündigung. Also gelobten wir baldige Besserung und Frau B. - ihres Ärgers enthoben - war beim Abschied schon gar nicht mehr zornig. Das war, wie in den meisten dieser Fälle, keine konstruktive inhaltliche Diskussion. Dabei hat die angekratzte Frage eine durchaus enorme Tragweite. Dürfen Medien alle Absonderlichkeiten des menschlichen Daseins abbilden oder gibt es eine Grenze, hinter der nicht berichtet werden darf? Zum einen, das bekommt man in der Journalistenschule sehr oft gesagt, sollten eine gute Zeitung und ein guter Bericht vollkommen neutral sein – sofern es nicht ausdrücklich um Gefilde der Meinung geht, wie sie etwa das Feuilleton oder die Kommentarseite einer Zeitung sind. Zum anderen, das lernt man ebenfalls, gibt es etwa das Thema Suizid. Über Selbstmorde die jeden Tag und in jeder Stadt stattfinden wird nicht berichtet, selbst wenn sie öffentlich stattfinden und sehr oft Unbeteiligte direkt und indirekt betreffen. Grund: Die Nachahmungsgefahr wäre zu groß. Es gibt Statistiken, die belegen, wie sehr eine Brücke im Ansehen der Selbstmörder steigt, wenn sie im Zusammenhang mit einem erfolgreichen Suizid erwähnt wurde. Also legen sich die Medien in diesem Fall eine freiwillige Schweigepflicht auf. Aber ist das auch auf andere Schädlichkeiten auszuweiten, wie es Frau B. ja letztlich verlangt? Darf man einen Bankräuber interviewen, der erzählt, dass er bald wieder eine Bank ausrauben möchte? Soll man ein Porträt über den Body-Modification-Artist bringen, weil sich eben manche Menschen eine Eisenplatte unter die Stirn schieben lassen? Oder hat man dann hunderte Eisenplatten-Hirnis auf dem Gewissen, nur weil man eine interessante Story wollte? Von einer anderen Richtung aus haben wir in der Redaktion in den letzten Wochen sehr lange über dieses Thema diskutiert. Unser Philipp Mattheis hat Philipp Hasselbach, den NPD-Direktkandidaten für München, mehrmals getroffen und ein Porträt über ihn geschrieben. Klar, die NPD sitzt in einigen Landtagen und bewegt sich immer noch legal in der Parteienlandschaft. Andererseits - will man dieser Figur so viel Platz einräumen? Sollte man sie nicht lieber sein lassen und hoffen, dass sich niemand dafür interessiert? Wir waren uneinig, aber letztlich gab es einen Kompromiss. Wir werden das Porträt erst nächsten Dienstag bringen - nach der Bundestagswahl. Um keine schlafenden NPD-Sympathisanten zu wecken. Trotzdem wird wohl nächsten Dienstag das Telefon wieder ganz hübsch brüllen.

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