Warum Youtuber Simon Unge seit 30 Tagen Computer spielt

Und das ununterbrochen streamt. Ein Erklärungsversuch.
Von Caspar von Au
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Illustration: Julia Schubert

Freitag, 18.42 Uhr. 7074 Menschen schauen Simon „Unge“ Wiefels live dabei zu, wie er das macht, was er am liebsten macht: Er spielt „Minecraft“.

Soweit ist das nichts Besonders. Unge ist ein Let’s Player – er spielt Computer und filmt sich dabei. Auf Youtube hat er deswegen rund 1,9 Millionen Fans, auf der Streaming-Plattform Twitch.tv sind es immerhin fast 700 000. Das Besondere ist: Unge streamt seit 28 Tagen durch, im Marathon, wie er seine „Dauersendung“ selbst bewirbt.

Natürlich spielt Unge nicht dreißig Tage ohne Pause durch. Er schläft zwischendurch, isst und geht mit seiner Freundin Kathrin „CatyCake“ Seidel, ebenfalls Youtuberin, an der frischen Luft spazieren. Wenn Unge nicht im Bild zu sehen ist, übernehmen seine Freunde ZanderLP, NichtNilo und GamersTime das Steuer. Sie sorgen dafür, dass seit dem 18. März immer jemand in der extra für den Streaming-Marathon gemieteten Wohnung in Hamburg vor der Kamera Computer spielt.

Ein bisschen Big Brother, viele Blödeleien und Games von A bis Z

Es ist ein bisschen wie Big Brother. Nur dass nicht im Mittelpunkt steht, was in der Wohnung gerade geschieht, sondern wer gerade welches Spiel zockt. Wie bei Let’s Plays üblich füllt den größten Teil des Bildschirms das Spiel aus, der oder die jeweiligen Spieler sind in einem kleinen Kästchen in der Ecke zu sehen. Wer den Stream anschaut, lernt nichts dabei. Unge und seine Freunde spielen zur reinen Unterhaltung. Dabei zocken sie eigentlich alles: „Minecraft“, „Mario Party“, „Rocket League“, bei dem man mit raketenbetriebenen Autos Tore schießen muss, aber auch Horror-Spiele wie „Outlast“. Während sie zocken, blödeln sie rum, spielen sich gegenseitig Streiche oder versuchen einfach nur verzweifelt die Augen offenzuhalten.

Denn auch wenn die Spieler sich abwechseln, manche sich sogar ein paar Tage Auszeit nehmen, der Stream zehrt an den Kräften. Warum aber macht Unge das dann?

Spätestens seit seinem Ausstieg im Dezember 2014 beim Youtuber-Netzwerk „Mediakraft“, kennt nicht mehr nur Youtube-Deutschland Simon Unge, den vegan-lebenden 25-Jährigen mit den langen Dreadlocks. Unge weiß sich sehr gut zu vermarkten. Noch während seiner Zeit bei „Mediakraft“ tourte er im Sommer 2014 mit ein paar anderen Youtubern auf Longboards 1400 Kilometer quer durch Deutschland. Zehntausende Fans, die meisten etwa zwischen zwölf und 18 Jahre alt, passten Unge auf der Strecke ab, um nur einige Kilometer gemeinsam mit ihrem Idol zurückzulegen. 2015 brach Unge dann zu einer Weltreise auf – mit dabei natürlich seine Kamera. Wenn Unge sich ein Tattoo in Tokio stechen lässt, filmt er mit. Wenn er mit seiner Freundin umzieht, auch.

Geldgeilheit allein macht keinen Let's Player

Auf dem Tisch in der Hamburger Wohnung stehen gut sichtbar einige Flaschen „Mio Mio Mate“ – einer der offiziellen Sponsoren des Streaming-Marathons. Hinter Unge hängt gut sichtbar das Logo des Strom- und Mobilfunkanbieters „EWE“ an der Wand, weitere Sponsoren werben für Gaming-Equipment: spezielle Mäuse, Tastaturen, Grafikkarten. Unter dem Stream können die Zuschauer ein T-Shirt zu Charity-Zwecken erwerben. „Streaming Marathon“ steht in bunten Buchstaben darauf. 265 hat Unge bislang verkauft.

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Illustration: Julia Schubert

Samstag, 13.54 Uhr, 6590 Zuschauer. Unge sitzt mit zwei befreundeten Youtubern in dem Wohnzimmer in Hamburg, das das Studio für den Streaming-Marathon darstellt. Ein Vierter hat sich auf dem Sofa zusammengerollt und schläft vor laufender Kamera. Ein Spiel läuft gerade nicht. „Wie viel verdienst du eigentlich mit Youtube?“, wird Unge gefragt. „Im letzten Monat etwa 15 Millionen“, sagt Unge. Ein Scherz. „So pauschal kann man das nicht sagen.“ Essenz des Gesprächs: Mit Youtube und Streaming kann man zwar gut Geld verdienen, aber es aus "Geldgeilheit" zu tun, darf nicht der eigentliche Sinn sein.

 

Unges Marathon-Stream läuft noch bis Montag um 18 Uhr. Dann schaltet er zum ersten Mal seit dem 18. März den Computer aus.

 

 

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