Ich möchte mein Studium abbrechen - wie geht es weiter?

Was tun, wenn man merkt, dass einem das Studienfach kein bisschen Spaß macht? Soll man abbrechen, auch wenn man schon Jahre investiert hat? Und wie geht das eigentlich? Das Lexikon des guten Lebens hat Antworten auf diese Fragen.
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Als ich mich entschieden habe mein Biologie-Studium zu beenden, war ich schon im letzten Semester. Ich hätte nur noch meine Diplomarbeit schreiben müssen. Ich hatte gute Noten und einen Job zu finden wäre wohl auch kein Problem gewesen. Trotzdem brach ich ab. Ich bestand meine letzte Prüfung, der Professor lobte mich und meine Leistung und ich sagte ihm, dass ich aufhöre zu studieren. Er konnte es nicht fassen.  

Ich habe Biologie studiert, weil es in der Schule mein Lieblingsfach war und - vor allem - weil meine Eltern es mir nahe gelegt haben. Eine Geisteswissenschaft wäre die andere Möglichkeit gewesen, aber alle machten mir Angst nach dem Motto "Was willst du denn damit machen?" Ich war und bin finanziell von meinen Eltern abhängig und darum gab ich nach. Fortan ging es mir nur ums Durchhalten, um nach dem Abschluss ein anderes Fach studieren zu können.  

Eine typische Situation, weiß Jutta Gentsch, akademische Beraterin bei der Agentur für Arbeit in Stuttgart: „Viele Studenten wählen das Fach, das ihnen die Eltern oder die Familientradition aufdrängt. Ohne Rücksicht auf ihre eigenen Bedürfnisse zu nehmen.“   Irgendwann konnte ich mir nicht mehr vorstellen länger zur Uni zu gehen. Vor allem die Arbeit im Labor schreckte mich ab. Und die wäre wegen meiner anstehenden Diplomarbeit immer intensiver geworden. Es hört sich vielleicht verrückt an, aber ich muss rückblickend wirklich sagen, dass es in den letzten Jahren keinen Moment gegeben hat, in dem mich meine Tätigkeit auch nur ansatzweise erfüllt hätte.  

„Ich rate dringend dazu, sich mit der Entscheidung das Studium abzubrechen Zeit zu lassen. Oft sind es Anfangsschwierigkeiten, die mit der neuen Lebenssituation - neue Stadt, neue Freunde, erste eigene Wohnung - zusammenhängen. Man muss genau unterscheiden, ob man das Fach nicht mag oder zum Beispiel die Trennung von Freunden und Familie nicht verkraftet hat.“ sagt Jutta Gentsch.  

Ich habe mir die Entscheidung nicht leicht gemacht. Immerhin habe ich elf Semester verloren. Dennoch exmatrikulierte ich mich und bewarb mich für das Fach Kulturwissenschaft. Ich hatte Glück – und ein ausreichend gutes Abitur - und bekam einen Studienplatz. Das neue Fach habe ich nur nach meinen Interessen ausgesucht und danach, dass es wirklich keinen Funken Naturwissenschaften enthält. Ich bin sehr froh, dass ich diesen Schritt gewagt habe. Bedenken, dass das neue Fach nichts für mich sein könnte, hatte ich nicht. Schlimmer hätte es nicht mehr werden können.  

„Wem dieser Schritt zu risikoreich ist, sollte sich darüber informieren, inwieweit es Möglichkeiten eines Quereinstiegs in die Wunschbranche gibt. In vielen Berufen wird Wert auf klassisches akademisches Arbeiten gelegt, darauf, dass man sich schnell neue Dinge aneignen kann. Und das wird ja in theoretischen Studiengängen gelehrt.“  

Mein Umfeld hat größtenteils mit Unverständnis reagiert. Meine Kommilitonen rieten mir zum Durchhalten. Aber niemand steckt in meiner Haut und niemand kann also nachvollziehen, wie es mir mit dem Fach ging. Es ging soweit, dass ich sogar depressive Verstimmungen bekam. In den Semesterferien bin ich soweit wie möglich weggefahren, da ich sonst durchgedreht wäre. Das Wichtigste ist ohnehin: Die beiden Menschen, auf die es ankommt, meine Eltern, halten zu mir, denn sie haben mitbekommen, wie schlecht es mir ging.  

Ich möchte nicht philosophisch sein, aber ich denke ganz ehrlich, dass das Leben zu kurz und wertvoll ist, um jeden Tag neun Stunden mit unangenehmen Tätigkeiten zu verbringen. Auch wenn meine Jobaussichten mit Biologie vielleicht besser wären als mit Kulturwissenschaft.

Marie-Charlotte Maas, 26, hat für diesen Text Lena, 26, protokolliert, die findet, dass das Leben zu kurz ist, um etwas zu studieren, dass keinen Spaß macht. Selbst nicht, wenn die  Jobaussichten rosig sind.    
 
Fünf Tipps zum erfolgreichen Studienabbruch:

1. Es ist wichtig, sich klar zu werden, warum einem das Studium keinen Spaß macht! Ist es tatsächlich das Fach oder sind es die Umstände drum herum? Fühlt man sich eventuell nur in der neuen Stadt unwohl? Ist man überfordert mit dem neuen Leben? Dann sollte man anstelle des Fachs vielleicht lieber die Hochschule wechseln.

2. Es ist sinnvoll sich mit Menschen zu besprechen, bei denen keine eigenen Zwecke hinter dem  Ratschlag stecken, also nicht mit Eltern oder Kommilitonen. Studienberatungen oder psychosoziale Beratungsstellen sind gute Anlaufstellen. Und niemals den Fehler machen sich von den Eltern ein Studienfach aufdrängen zu lassen. Am Ende muss man selber mit dem Fach zufrieden sein.

3. Wenn man mit dem Gedanken spielt das Studium abzubrechen, sollte man das nicht von heute auf morgen tun. Lieber ein paar Wochen überlegen. Zum Beispiel ein Urlaubssemester einlegen und ein Praktikum im gewünschten Bereich machen oder ein paar Vorlesungen des neuen Wunschfachs besuchen. Dann merkt man schnell, ob man vielleicht auch falsche Vorstellungen vom neuen Gebiet hat.

4. Statt das Studium sofort abzubrechen, sollte über Übergänge in andere Branchen nachgedacht werden. In vielen Berufen wird gefordert, dass man sich schnell in neue Bereiche einarbeiten kann und das akademische Arbeiten beherrscht. Darum ist die Chance als Quereinsteiger in den Wunschberuf zu kommen oft nicht schlecht.

5. Um von vorne herein die Gefahr gering zu halten, dass es irgendwann zum Studienabbruch kommt, sollte man ausreichend lange überlegen, welches Studienfach man wählt. Nicht studieren, nur um zu studieren. Es kann hilfreich sein, sich vor der Immatrikulation eine Vorlesung oder ein Seminar des Wunschfachs anzuschauen. Oft merkt man, dass es anders ist, als man es sich vorgestellt hat. Zum Beispiel weniger praxisorientiert als man es sich erhofft hat.

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